"Eine reine Katastrophe": Verband stellt Spielbetrieb im Jugendfußball ein

Dieser Fußball-Platz ist wegen der Corona-Pandemie gesperrt

Corona und Breitensport

"Eine reine Katastrophe": Verband stellt Spielbetrieb im Jugendfußball ein

Der Württembergische Fußballverband (wfv) hat den Spielbetrieb in der Jugend eingestellt - obwohl die neue Corona-Verordnung Sport dies gar nicht einfordert. Ein langjähriger Jugendleiter versteht die Welt nicht mehr.

Ulrich Belschner, 50, ist ein besonnener Mann. In seinen 30 Jahren als Jugendleiter Fußball des TV Zazenhausen (bei Stuttgart) hat er schon viel erlebt. Deshalb bringt den "Jugendleiter des Jahres" 2008 (ausgezeichnet vom Württembergischen Landessportbund - WLSB) so schnell nichts aus der Ruhe.

Seit Freitag ist Belschners Wut-Pegel allerdings deutlich über Normalnull. Der langjährige Jugendcoach ist sauer auf den Verband. Am Vormittag erhielt Belschner vom wfv die Nachricht, dass der Spielbetrieb in der Jugend (einige Bezirke sind bereits in der Winterpause) unverzüglich eingestellt werde. Die Spiele am Wochenende seien bereits abgesagt. Die Partien der Aktiven, also Männer- und Frauen-Teams, dürften hingegen weiterhin stattfinden.

Das Kuriose: Die neue Corona-Verordnung Sport in Baden-Württemberg lag zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht vor. Sie wurde erst am Freitagabend veröffentlicht - und erlaubt weiterhin Fußballspiele im Jugendbereich.

"Das ist doch absurd"

Darum versteht Belschner die Welt nicht mehr. "Diese Entscheidung ist eine reine Katastrophe", sagte er im Gespräch mit SWR Sport. Der Verband bringe im vorauseilenden Gehorsam die Kinder und Jugendlichen um ihre Freude am Fußballspielen. Der Mann schüttelt den Kopf: "Die Kinder schickt man in der Schule in geschlossene Räume, aber Bewegung an der frischen Luft wird verboten." Die meisten Kinder kämen bereits umgezogen zum Spiel, hielten sich nur draußen auf und gingen dann wieder.

Noch unverständlicher ist für Belschner, dass Hallenturniere weiterhin stattfinden dürfen. Der Jugendleiter erzählt von einem besonders skurrilen Fall: "Das Spiel unserer A-Junioren im Freien wurde gestern vom Verband abgesagt; stattdessen haben die Jungs kurzfristig eine Einladung zu einem Hallenturnier bekommen. Jetzt spielen sie heute in der Halle. Das ist doch absurd."

Verband sorgt sich um Gesundheit

Der Verband verweist in einem Schreiben, das SWR Sport vorliegt, vor allem auf die aktuelle pandemische Lage und auf den Gesundheitsschutz der jungen Fußballer. Die Inzidenzen bei Kindern und Jugendlichen seien deutlich höher als bei Erwachsenen, die Impfquote sei aber weitaus geringer Die wfv-Entscheidung basiere auch darauf, dass es insbesondere bei Fahrgemeinschaften zu Wettkämpfen eine erhöhte Gefahr gebe, das Virus zu übertragen. Dass die Kinder dreimal pro Woche in der Schule getestet werden, schreibt der wfv nicht. Auch nicht, dass die Impfquote unter Jugendlichen vor allem deshalb so niedrig ist, weil die Ständige Impfkommission (Stiko) erst Mitte August offiziell empfohlen hat, 12- bis 17-Jährige gegen Corona zu impfen. Bis dahin war das nur in Einzelfällen möglich.

Der Verband wolle durch die Spiel-Absetzungen vermeiden, "dass sich Minderjährige (bzw. deren Eltern) genötigt fühlen, trotz eines unguten Gefühls Fußball zu spielen." Belschner hält dagegen: "Die Reaktionen der Eltern auf die Spiel-Absagen sehen nicht so aus, als würden wir ihre Kinder nötigen, Fußball zu spielen." Eine Mutter habe ihm mitgeteilt, dass ihr Kind bei ihr sitze und weine.

"Der wfv kann doch nicht entscheiden, ob die Kinder zum Fußball kommen oder nicht. Dafür sind immer noch die Erziehungsberechtigten zuständig."

Quelle: Ulrich Belschner, Jugendleiter

Solidarität der Aktiven

Beim TV Zazenhausen haben sich jetzt die Aktiven-Mannschaften mit den Kindern und Jugendlichen solidarisiert. Motto: Wenn unsere jungen Fußballer nicht kicken dürfen, wollen wir das auch nicht. Nach Rücksprache mit dem Gegner SKG Botnang wurden die für Sonntag angesetzten Spiele der ersten und zweiten Mannschaft abgesagt.

SWR | Stand: 29.11.2021, 21:48

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