Diana Dadzite trotzt dem Schicksal: "Ich lache und blicke positiv aufs Leben"

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Diana Dadzite trotzt dem Schicksal: "Ich lache und blicke positiv aufs Leben"

Wie hart das Schicksal zuschlagen kann, hat Diana Dadzite gleich mehrfach erlebt. Trotzdem beeindruckt die erfolgreiche Para-Leichtathletin bei nahezu jedem Treffen mit Lachen und Optimismus. Ihr nächstes Ziel: eine weitere Goldmedaille in Tokio. Dafür trainiert die 35-Jährige hart - und mit ungewöhnlichen Methoden.

Die Treppen zum Fitnessstudio in Trier sind steil. Einen Lift gibt es nicht. Obwohl Diana Dadzite ihre Beine nicht aktiv bewegen kann, will sie eigenständig nach oben. "Mein Trainer darf nur den Rollstuhl tragen", lacht sie: "Nicht mich." Und deshalb schiebt sich die gebürtige Lettin Stufe für Stufe nur mit Armkraft die Treppe hinauf. "Das ist ein super Aufwärmprogramm", ruft die 35-Jährige ins Treppenhaus. Und lacht erneut.

Paralympics-Vorbereitung mit viel Ehrgeiz

Diana Dadzite ist zweifellos eine Frohnatur. Ihr Lachen wirkt ansteckend, ihr Optimismus ebenso. Bei aller Lockerheit aber geht sie das Training umso ernsthafter an. Sie quält sich mit Hanteln bis zur totalen Erschöpfung. Ihr Ziel: bei den Paralympics in Tokio für ihre Heimat Lettland wieder Medaillen gewinnen. "Ich bin stolz auf das Land, aus dem ich komme", bekennt die in Riga geborene Athletin: "Und Sport bedeutet für mich alles."

2016 in Rio de Janeiro holte sie bereits Gold mit dem Speer und Bronze mit dem Diskus. Das will sie 2021 noch toppen. Ehrgeizig? "Ja, sehr sehr, sehr ehrgeizig", sagt sie zwischen zwei Hantel-Einheiten. "Mein Trainer und meine Familie müssen mich manchmal bremsen. Ich bin ehrgeizig, weil ich weiß, was das Leben bedeutet. Das musst Du alles nutzen."

Mehrere Schicksalsschläge hintereinander

Sie hat bereits viele Schicksalsschläge einstecken müssen in ihrem Leben. 2012 veränderte ein Autounfall ihr Leben dramatisch. "Ich war selbst schuld", gesteht sie ungeschminkt ein. "Eine Autofahrerin hat vor mir plötzlich gebremst, ich bin aufgefahren. Es war eigentlich gar nicht sehr schlimm, ich konnte mit eigener Kraft aus dem Wagen." Der Arzt, der sie anschließend behandelte, gab ihr zwei Spritzen und meinte, damit werde es "leichter".

"Aber leichter war das falsche Wort. Nach einiger Zeit wurde erst das eine Bein taub, dann das andere. Und jetzt sitze ich im Rollstuhl, inkomplett-querschnittgelähmt", sagt Diana Dadzite nachdenklich. Eine genaue Diagnose, die erst Jahre nach dem Unfall von anderen Ärzten erstellt wurde, bestätigte eine bittere Erkenntnis: unteres Rückenmark verletzt, Lähmungserscheinungen als Folge, nicht operabel.

Sauer auf den ersten Arzt? "Ja klar. Ich hatte schwere Tage", blickt sie auf die Zeit nach dem Unfall zurück. "Aber ob es anders gekommen wäre? Ich weiß es nicht, Vielleicht schon, wenn der Arzt etwas anderes gemacht hätte als nur die zwei Spritzen."

Lachen und positiv aufs Leben schauen

Doch ihre Querschnittslähmung ist noch lange nicht alles, was Diana Dadzite widerfahren ist. Sie verlor ihre Mutter, als sie grade mal sieben Jahre alt war, und - bittere Ironie des Schicksals - auch ihre Schwester landete aufgrund eines Unfalls im Rollstuhl. "Ja, das sind schon harte Sachen in meinem Leben", sinniert die 35-Jährige, um sogleich wieder ein fröhliches Gesicht zu machen: "Aber hey, ich lache hier und schaue weiter positiv aufs Leben."

Spezial-Anzug im Fitnessstudio

Dazu gehört auch ihr professioneller Umgang mit dem Leistungssport. Neben dem klassischen Krafttraining nutzt sie zusammen mit ihrem Personal-Trainer Gunnar Schäfer auch EMS. Die Abkürzung steht für Elektromyostimulation. Dabei werden elektrische Impulse über einen Spezial-Anzug direkt auf die verschiedenen Muskelgruppen übertragen, damit soll der Trainingseffekt optimiert werden.

Schäfer steuert die Impulse individuell über sein Tablet und ein Steuergerät am Anzug. "Mit Diana sind wir bereits einen Schritt weiter", erzählt der diplomierte Sportlehrer und Fitnesscoach. "Denn wir kombinieren EMS mit dem klassischen Krafttraining und erzielen somit ein vielfaches an Intensität." Als Handicap-Sportlerin profitiere die Lettin ganz besonders von dieser Methode. "Denn da sie ja zum Beispiel die Beine und den unteren Rumpf nicht eigenständig bewegen kann, ist die EMS-Stimulation besonders wichtig. Das klappt wunderbar", erklärt Schäfer, früher selbst erfolgreicher Leistungssportler.

Angebote aus anderen Nationen

Diana Dadzite genießt ihr Dasein als Sportlerin. "Ich bin sehr dankbar, dass ich in Deutschland leben und meinen Sport ausüben kann", sagt sie. Ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten bleiben aber auch anderswo nicht unbeobachtet. "Ja", meint Dadzite trocken auf die Frage von SWR Sport, ob sie nicht schon Angebote anderer Nationen hatte: "Auch von Deutschland. Aber ich hab mein eigenes Land, ich bin schließlich in Lettland geboren."

Ihre zweite Leidenschaft ist Rollstuhl-Basketball. Beim Bundesligisten Dolphins Trier zählt sie seit Jahren zu den Leistungsträgern und hat auch dort Verantwortung übernommen. "Ich bin wirklich stolz darauf, Kapitänin zu sein", sagt Dadzite. Der Mannschaftssport bedeutet ihr viel. "Wenn ich mal schlechte Laune habe, komme ich hier zu den anderen ins Training und dann habe ich sofort wieder Spaß."

Sprach’s und lacht wieder mal herzhaft. Es ist wieder einer dieser Momente, in dem der neutrale Beobachter sich kaum vorstellen kann, dass Diana Dadzite überhaupt einmal schlechte Laune haben könnte. Denn trotz - oder gerade wegen - der vielen Schicksalsschläge: sie ist in jeder Hinsicht eine beeindruckend starke Frau.

SWR | Stand: 09.03.2021, 09:22

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