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Der 1. FSV Mainz 05 - Ein Verein in der Krise

Karnevalsverein, Underdog, Sympathieträger – all das war einmal Mainz 05. Identifikationsfiguren wie Jürgen Klopp, Thomas Tuchel und Christian Heidel waren die Protagonisten eines "Mainz-05-Gefühls", das irgendwie abhandengekommen ist. Die Rheinhessen befinden sich in einer Krise und das nicht nur sportlich.

Der Ehrenpräsident hat sich zu Wort gemeldet. Harald Strutz, Präsident der goldenen Mainzer Jahre. Aufstieg, Europapokal, Abstieg, alles dabei, alles erlebt. Strutz hat diesen Verein geprägt wie kein zweiter. Heute blickt er besorgt auf seine alte Liebe: "Wir erscheinen in der Stadt nicht mehr. Wir sind nicht mehr da. Ich sehe kaum noch Aufkleber, ich sehe keine Menschen mit Schal. Das ist das Schlimmste, was einem Verein passieren kann: Es interessiert keinen mehr."

Es läuft nicht mehr zwischen Fans und Mannschaft, das ist schon länger an sinkenden Zuschauerzahlen zu beobachten und spätestens seit dem Spielerstreik vor wenigen Wochen nicht mehr zu leugnen. Dieser Verein, der über so viele Jahre für Leidenschaft und Zusammenhalt stand, steht vor einer harten Probe. Die Mannschaft versucht, den Bruch zu kitten, in Zeiten von Corona mit einem öffentlichen Brief statt in der Fankurve. Darin versichern die Spieler, sich zu 100 Prozent mit Mainz 05 zu identifizieren, außerdem wolle man "versuchen, mit Leistung auf dem Platz die Schlagzeilen der vergangenen Wochen vergessen zu machen." Wie dieser Brief bei der Basis angekommen ist? Zumindest bei den Macher*innen des 05-Fan-Podcast "Hinterhofsänger" alles andere als gut: "Marketinggelaber - keine Emotionalität - keine Glaubwürdigkeit - inhaltsleer".

Eines der Konfliktfelder: Das Thema Gehaltsverzicht

Dienstagabend dann der Versuch der Vorstände Stefan Hofmann und Rouven Schröder, den Vereinsmitgliedern bei einer Informationsveranstaltung via Videokonferenz die aktuelle Situation zu erklären. Der Spielerstreik sei ein vielschichtiges Problem innerhalb der Mannschaft gewesen, die Suspendierung von Adam Szalai habe das Fass zum Überlaufen gebracht, die Mannschaft habe sich nicht anders zu helfen gewusst, erklärte Vorstand Stefan Hofmann. Eines der Konfliktfelder: das Thema Gehaltsverzicht. Die Profis verzichteten zu Beginn der Pandemie auf 15 Prozent ihres Einkommens. Ursprünglich sollte ihnen dieses Geld zurückgezahlt werden. Entgegen dieser Zusage wird daraus nun aber nichts, da Mainz 05 wegen Corona mit erheblichen Verlusten rechnet. In Teilen der Mannschaft war das Verständnis für die ausbleibende Rückzahlung offenbar nicht all zu groß. Ob man dafür wiederum bei Fans, die aktuell in Kurzarbeit um ihre Jobs bangen, auf Verständnis hoffen darf, sei dahingestellt. 

Früher war Mainz 05 in der Region sichtbar

Früher war der Zusammenhalt zweifelsfrei ein anderer, Mainz 05 war sichtbar in der Region und spürbar in der Stadt. Um es in den Worten des Ehrenpräsidenten zu sagen: Mainz 05 war da. Da waren auch Dimo Wache, die Weiland-Brüdern, Nikolce Noveski, Antonio da Silva oder Bum- Bum-Babatz. Namen, die den Nullfünf-Fans noch heute ein Leuchten in die Augen zaubern. Michael Thurk war auch einer von ihnen und auch er findet im SWR Podcast "Nur der FSV" wenig Verständnis für das, was sich da in Mainz abgespielt hat: "Als ich das gelesen habe, habe ich mir überlegt: Was hätte passieren müssen, dass ich als Spieler sage 'ich gehe nicht trainieren'? Da bin ich auf kein Ergebnis gekommen. Am Ende gibt es nur Verlierer."

Der einzige, der in dieser Situation gewonnen hat, ist Jan-Moritz Lichte. Zumindest an Aufmerksamkeit und Verantwortung. Der neue Cheftrainer von Mainz 05 aber hat eine extrem schwere Aufgabe vor sich. Saisonstart verpatzt: MIt fünf Niederlagen in fünf Spielen. Die vergangenen beiden Partien unter Lichte gegen Leverkusen und Mönchengladbach machen Hoffnung. Immerhin. Hoffnung schenkt auch der Blick in die Vereinshistorie: 2005 starteten die Mainzer genauso schlecht in die neue Saison. Auch damals gegen den VfB Stuttgart war es die fünfte Niederlage im fünften Spiel. Der damalige Trainer Jürgen Klopp stellte sich nach dem erneuten Dämpfer vor die Mikrofone und zeigte sich kampfeslustig: "Es gibt viele Menschen, die dann wegbrechen, die dann einfach sagen okay, es ist zu viel. [...] aber wir werden ganz bestimmt nicht zu diesen gehören." Und er hielt Wort. Die Mainzer verloren kein sechstes Mal, wurden am Ende der Saison Tabellenelfter und feierten den zweiten Klassenerhalt in Folge.

Mittlerweile ist Mainz 05 seit zwölf Jahren erstklassig. Die Verantwortlichen heute hoffen auf den zwölfter Klassenerhalt in Folge. Dennoch befinden sie sich mittendrin in einer handfesten Krise. Der Vorstandsvorsitze der Nullfünfer, Stefan Hofmann bemüht sich nun um Transparenz, verbunden mit der Hoffnung auf den Schulterschluss: "Wichtig wäre mir, dass wir versuchen, den Blick nach vorne zu richten, den Kopf hoch zu nehmen und zu sagen: Wir versuchen, trotz allem was passiert ist, mit allem was wir haben, den Kampf um den Klassenerhalt anzunehmen und diese Mannschaft zu unterstützen."