Pferderennen auf der Berliner Rennbahn Hoppegarten (Bild: IMAGO/Galoppfoto)

Interview | Biologin und Pferde-Expertin Kathrin Kienapfel "Wir haben einen unheimlichen Imageverlust"

Stand: 15.08.2022 09:56 Uhr

Nach zahlreichen, aus Tierschutz-Sicht problematischen Vorfällen gab es zuletzt herbe Kritik am Reitsport. Die Biologin und Pferde-Expertin Kathrin Kienapfel spricht von einem Damokles-Schwert über dem Reitsport und über Maßnahmen für die Zukunft.

Mit vielen Rennen, einem bunten Rahmenprogramm und illustren Gästen ist auf der Rennbahn Hoppegarten am Wochenende das 200. Jubiläum des deutschen Galoppsports gefeiert worden. Die Veranstaltung fällt in eine Zeit, in der der Reitsport in den vergangenen Monaten und Jahren immer wieder in die Kritik geriet. Zahlreiche Skandale und die immer wiederkehrende Frage nach dem Pferdewohl haben den Reitsport in die Bredouille gebracht. Grund genug, sich mit der Biologin und Pferde-Expertin Kathrin Kienapfel einmal über seine Zukunft zu unterhalten.

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rbb|24: Frau Kienapfel, Sie sind von Beruf Biologin mit dem Schwerpunkt auf das Pferd. Was müssen wir uns unter Ihrem Job vorstellen?
 
Kathrin Kienapfel: Auf meinem Gebiet geht es vor allem um die Pferd-Reiter-Interaktion. Ich schaue zum Beispiel, welchen Einfluss bestimmte Reitmethoden auf Pferde haben - aus verhaltensbiologischer und biomechanischer Sicht. Mein Hauptaugenmerk liegt auf dem Dressursport, weil dort die Pferde kontrolliert geritten werden. Die Ausbildung in der Dressur ist ja die Grundvoraussetzung für alles andere. Ohne die Basis einer guten Dressurausbildung kann ein Pferd beispielsweise auch nur sehr schwer fehlerfrei durch einen Springparcours geführt werden. Und je höher das Niveau, umso feiner und sicherer muss die Kommunikation zwischen Pferd und Reiter sein, zu der auch ich forsche.
 
Zuletzt gab es mehrere Skandale rund um den Reitsport. Insbesondere haben Vorfälle beim olympischen Fünfkampf in Tokio 2021 eine öffentliche Diskussion angestoßen. Wie haben Sie diese wahrgenommen?
 
Ich habe das Gefühl, dass in den letzten Jahren der Fokus der Bevölkerung im Pferdesport immer mehr auf das Tierwohl geht. Dadurch werden jetzt auch Missstände stärker wahrgenommen und kritisiert – gerade bei Turnieren. Aus meiner Sicht gab es in den letzten zwei Jahren eine erhöhte Dichte an unschönen Vorfällen, kaum noch ein großes Turnier ohne negative Schlagzeilen, zum Beispiel rund um die Weltreiterspiele, Stichwort Fünfkampf. Wir haben hier gerade einen unheimlichen Imageverlust und da sollten die Reiter langsam wach werden.

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Was sind Ihre größten Kritikpunkte, wenn es ums Tierwohl im Reitsport geht?
 
Ich sehe in meinem beruflichen Fokus vor allem, dass in der Einwirkung der Reiter auf ihre Pferde nicht immer alles optimal läuft. Vor allem sehe ich Probleme, wie das (metallische) Gebiss im Pferdemaul durch teils starken Zügelzug benutzt wird, um bestimmte Kopfpositionen oder Bewegungen zu erreichen. Aber auch der generelle Umgang beim Reiten, der nicht immer frei von negativen Emotionen und somit zum Beispiel mit der starken Benutzung von Sporen und Gerte einhergeht. Gutes Reiten ist unauffällig und harmonisch, und wenn ein Pferd ständig mit dem Schweif wedelt, man ständig die Zunge oder Zähne sehen kann, dann stimmt etwas nicht. Dass es hier häufig Probleme gibt, ist klar wissenschaftlich dokumentiert.

Würden Sie sagen, dass Reiter die Signale ihrer Pferde zu oft ignorieren?
 
Ich glaube, dass eine Mehrzahl der professionellen Reiter ihre Pferde von Herzen lieben – Unmutsanzeichen werden einfach nicht als solche gewertet. Ich behaupte also, es wird eher selten bewusst der Partner ignoriert. Viel zu häufig wird hier leider dann bei dem Ansprechen solcher Vorfälle relativiert, weil Leistungssport in den Augen vieler Reiter durch die körperlichen Herausforderungen nicht ohne Unmut geht, der zu Beispiel als Konzentration oder Anstrengung gewertet wird. Pferde können und sollen aber Spaß an ihren Aufgaben haben- oder diese zumindest verstehen, so steht es in jedem Regelwerk auch festgeschrieben. Negative Emotionen haben am Pferd ebenfalls nichts verloren, auch nicht im Reitsport. Auch das ist eigentlich klipp und klar in den Regeln des Sportes festgelegt, um die Tiere zu schützen.
 
Wie kann es trotz dieser Regeln immer wieder zu Problemen kommen?
 
Das ist ein großes und vielfältiges Thema. Ein Grund mag zum Beispiel in einem zu großen sportlichen Ehrgeiz und Leistungsdruck liegen. Natürlich geht es auch um hohe Preisgelder und Medaillen. Man stelle sich vor, ein Reiter steht in einem olympischen Finale und sein Pferd ist nicht 100% fit, ohne direkt krank zu sein. So eine Grenz-Situation führt natürlich zu Konflikten. Von außen lässt sich einfach sagen, dass Pferd und Reiter dann eben einfach nicht antreten sollen. Gleichzeitig hat der Reiter aber vielleicht 15 Jahre auf diesen Moment hingearbeitet. Das sind schwierige Entscheidungen. Ich habe aber das Gefühl, dass der breite Druck der Öffentlichkeit zuletzt doch einen positiven Effekt auf die Reitszene hatte.

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Haben Sie Beispiele für konkrete, bereits getroffene Maßnahmen?
 
Eine wegweisende Entscheidung war das Verbot des Touchierens im Training (Anm. d. Red.: Touchieren bezeichnet das Berühren der Pferdebeine bei Trainingssprüngen mit einer Stange, um höhere Sprungleistungen zu fördern). Dazu hat die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) ein Komitee einberufen, das sich um den Tierschutz bemüht und durch dessen Empfehlungen somit schließlich das Verbot beschlossen werden konnte. Zusätzlich wurden aktuell in Frankreich jüngst 46 Regeln für den Pferdesport mit Blick auf Olympia von der Regierung vorgeschlagen. Da bleibt es abzuwarten, wie diese schlussendlich umgesetzt werden, wegweisend sind sie allemal. Ich bin aber vorsichtig optimistisch, dass es zu Veränderungen kommen wird.
 
Die Tierrechts-Organisation PETA forderte im Juli gar, "Hochleistungsturniere in sämtlichen Pferdesportdisziplinen zu untersagen". Sehen auch Sie diese Notwendigkeit?
 
Nein! Stattdessen wäre mein Wunsch, dass Tiere mit Unregelmäßigkeiten im Gangbild oder anderen Problemen schneller aus den Wettkämpfen genommen werden und schlechtes oder sogar brutales Reiten direkter zu Konsequenzen führt. Und wir brauchen mehr Vorbilder wie Ingrid Klimke, die zeigt, dass es auch anders geht und man auch im Einklang mit dem Pferd auf hohem Niveau reiten kann. Wir müssen die Schönheit des Pferdesports positiv in die Öffentlichkeit tragen. Die Beziehung zum Pferd muss mehr im Fokus stehen und somit das harmonische Miteinander. Pferde können dem Menschen wertvolle Lehrmeister sein. Sie sind unheimlich kraftvolle und soziale Partner, nicht nur im Sport sondern auch in der Freizeit – gerade für Jugendliche. Das dürfen wir nicht weiter gefährden.
 
Das heißt, der kompetitive Leistungsgedanke sollte im Reitsport eher in den Hintergrund rücken?
 
Vielleicht sagen wir in Zukunft, dass es mehr auf das Zusammenspiel auf Pferd und Reiter ankommt, auf die Basis von allem quasi, wie bei einem Tanzpaar. Sowohl in Deutschland auf den Bundeschampionaten als auch in Pilotprojekten in der Schweiz beispielsweise werden bei Wettkämpfen bereits Preise für vorbildliches Vorbereiten auf den Abreiteplätzen vergeben - das wäre doch lohnenswert,auszubauen. Zudem müsste in der Bewertung der Dressuraufgaben eben diese Harmonie viel höher gewichtet werden als die korrekte Ausführung der Lektionen, also der einzelnen Tanzbewegungen.

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Wäre so etwas auch im Galoppsport möglich?
 
Der Galoppsport hat wieder seine eigenen Anforderungen. Ich behaupte mal, dass das Rennen für die Pferde tatsächlich klarer nachvollziehbar ist, eine einfach strukturierte Aufgabe. Ein großes Problem im Rennsport ist die Haltung. Die Pferde kommen selten im Sozialverband raus, werden noch mehr und früher in Boxen gehalten als im restlichen Pferdesegment. Außerdem werden die Pferde sehr früh ins Training genommen, da gab es im letzten Jahr heiße Diskussionen. Aber auch hier wird jetzt in einem neuen, großen Forschungsprojekt genauer hingeschaut und ich hoffe, dass langsam ein Umdenken stattfindet. Die Tierschutzverbände und auch die Wissenschaftler sind hier aktuell sehr engagiert.
 
Es gibt also viel Handlungsbedarf im Pferdesport, aber auch Grund zur Hoffnung, dass diesem nachgekommen wird?
 
Das Damokles-Schwert hängt über dem Reitsport, das würde ich ganz klar sagen. Es gibt aber einen Lichtstreif am Horizont, denn es ist zuletzt auch viel Positives passiert. Die Motivation zur Veränderung darf aber nicht nur von außen und gar Institutionen wie PETA stammen, sondern muss aus dem Reitsport selbst kommen. Es bewegt sich in diesem Jahr national und auch international eine Menge in die richtige Richtung. Jetzt müssen aber die guten Vorsätze auch umgesetzt werden.
 
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Kienapfel.
 
Das Interview führte Jakob Lobach.