"Weltklasse"-Knipser aus Marienfelde jagt die Torjägerkanone

Kreisliga-Fußballer Sascha Ziesche

"Weltklasse"-Knipser aus Marienfelde jagt die Torjägerkanone

Auf die "Torjägerkanone" ist jeder Bundesliga-Stürmer heiß. Seit dieser Saison können auch Amateur-Kicker um die traditionsreiche Auszeichnung konkurrieren. Sascha Ziesche von Stern Marienfelde ist auf einem guten Weg. Von Simon Wenzel

Die treffsichersten Stürmer sind in der ohnehin ruhmreichen Welt des Fußballs oft die gefeierten Helden. Der fehlerlose Abwehrspieler oder der virtuose Mittelfeldstratege mag zwar von Liebhabern dieser Sportart in Einzelfällen mehr geschätzt sein, aber im Grundsatz gilt: Wer die Tore schießt, an den erinnern sich die Fans. Und wer besonders viele davon macht, kriegt sogar noch einen eigenen Pokal, ganz egal, ob sein Team erfolgreich ist - in Spanien war das in diesem Jahr Lionel Messi, in Italien Cristiano Ronaldo, in England Harry Kane, in Deutschland Robert Lewandowski.
 
Der polnische Stürmer vom FC Bayern München bekam dafür die sogenannte "Torjägerkanone" verliehen. Seit der Saison 1965/66 wird der erfolgreichste Torschütze in der Bundesliga vom Sportmagazin "Kicker" mit diesem Pokal ausgezeichnet. Es ist ein akkurates Miniaturmodell einer Kanone aus Eisen, auf einer hölzernen Bodenplatte.

Begehrter Pokal wird erstmals an Amateure vergeben

Bayern-Stürmer Robert Lewandowski mit der Torjägerkanone. Quelle: imago images/

Bald könnte sich aber auch Sascha Ziesche so eine Kanone ins Wohnzimmer stellen. Denn der "Kicker", das Amateurfußball-Portal "Fussball.de" und ein Autohersteller, der gerne mit dem Deutschen Fußballbund zusammenarbeitet, präsentieren seit dieser Saison die "Torjägerkanone für Alle" - Wohlgemerkt mit Trademark-Symbol an der Torjägerkanone. "Für Alle" meint in diesem Fall die besten Amateur-Torjäger des Landes, ab der vierten Liga abwärts. Und der 32-jährige Sascha Ziesche aus Marienfelde ist im Moment deutschlandweit der beste Torschütze in der Kategorie "Kreisliga 7er Kleinfeld", also auf einem Spielfeld von der Größe eines halben Fußballplatzes, im Spielmodus sieben gegen sieben, in der elften Liga.
 
Hier spielt Sascha Ziesche mit seinen Fußball-Freunden aus der Kindheit, und das läuft exzellent. Die neu gegründete Kleinfeld-Mannschaft des Stern Marienfelde pflügt an den ersten Spieltagen geradezu durch die Liga. Als der rbb im Süden Berlins vorbeischaut, steht die Mannschaft nach sechs Spielen bei sechs Siegen und 89:7 Toren. 35 der Treffer hat zu diesem Zeitpunkt Sascha Ziesche geschossen, in nur fünf Spielen, ein Mal hat er gefehlt. Macht einen Schnitt von sieben Toren pro Spiel.

Kreisliga-Klassiker: "Der hat mal höher gespielt"

Am Drehtag, Freitagabend, findet die Partie des siebten Spieltags statt: Stern gegen "WFC Corso 99/Vineta". Zwischen Reihenhäusern, einem Friedhof und einem kleinen Park liegt der Marienfelder Fußballplatz. Es ist längst dunkel, kalt und nass. Der Kunstrasen ist einer von der alten Sorte: Hellgrün, im trockenen Zustand stumpf, nass wird er leicht seifig. Ob Lionel Messi, Cristiano Ronaldo und Robert Lewandowski hier verletzungsfrei durchs Spiel kommen würden, sei mal dahin gestellt. Aber die Kreisliga-Akteure um Sascha Ziesche sind an die besonderen Bedingungen gewöhnt.
 
Auf der von Herbstlaub bedeckten Laufbahn stehen zwei Zuschauer mit Pizza-Kartons in der Hand. Sie wissen natürlich, was sie gleich zu sehen bekommen: "Einen Weltklasse-Spieler in den unteren Ligen", sagt einer der beiden über Torjäger Sascha Ziesche, während er sich ein vor Käse triefendes Stück Pizza in den Mund schiebt. "Der hat ja auch mal höher gespielt", sagt der andere. Der, der mal höher gespielt hat - ein Klassiker im Amateur-Fußball. So einen hat jede Mannschaft - und wenn nicht, wird einer dazu gemacht. Ziesche hat bis vor ein paar Jahren auf dem Großfeld bei Stern gespielt, auch in der ersten Mannschaft, in der siebten Liga (inzwischen spielt Stern sogar in der sechsten).

Einigen sieht man die mit dieser Beschreibung verbundene Klasse noch an, anderen nicht. Sascha Ziesche sieht man sie an. Rote Schuhe, Kapitänsbinde am Arm, gute Ballbehandlung, linke Klebe - wenn er abzieht knallt's. Und oft landet der Ball im fünf mal zwei Meter großen Kleinfeld-Tor (er Profi-Standard ist 7,32m mal 2,44m). Darauf baut auch seine Mannschaft. "Viele Tore, sehr viele Tore", erwarten sie sich von ihrer Nummer Acht.

Zwei Mal Weltklasse in der Kreisliga

Sascha Ziesche von Stern Marienfelde schießt ein Tor. Quelle: rbb

Sogar der Schiedsrichter, Helmut Staudinger, staunt nicht schlecht. Über Ziesches Jagd nach der Torjäger-Kanone muss man ihn gar nicht aufklären, er weiß schon Bescheid. "Ich kann mir ja die Daten von jedem Spieler anschauen, ich weiß, wie viele Gelbe und Rote Karten die haben. Deshalb weiß ich: Es gibt hier einen, der hat schon 35 Tore geschossen, also bin ich gespannt, was er heute bringt", sagt der (trotzdem) Unparteiische vor dem Anpfiff.
 
Um den Spannungsbogen noch kurz hoch zu halten: Kaum ist die Fernsehkamera da, stottert die Tormaschine ein wenig. Ziesche schießt oft mit seinem starken linken Fuß, hat aber in der ersten Hälfte wenig Glück. "Nur" zwei Tore bis zur Halbzeit, für Ziesche fast schon enttäuschend. "Es ist immer ein Fuß dazwischen", analysiert er beim Gang in die Kabine und lobt später den gegnerischen Torwart, Murat Awci: "Der hat die Dinger da rausgeholt, Weltklasse!"

Zwei Mal Weltklasse in der Kreisliga also, mit dem besseren Ende für den Stürmer. Denn Sascha Ziesche legt in der zweiten Hälfte noch zwei Tore nach, vier Treffer von ihm, neun insgesamt - 9:0 endet diese Partie, für Stern ein unterdurchschnittliches Ergebnis. "Was soll ich dazu noch sagen?", kapituliert der Weltklasse-Torwart Awci, "Stern spielt wirklich sehr gut, 1A! Man merkt, dass sie eingespielt sind, die trainieren bestimmt oft."

Aufstieg nicht möglich, Titel sind das Ziel von Marienfelde

Nicht nur diese Aussage verdeutlicht: Das Leistungsgefälle ist wohl hoch in der Kreisliga C. Und bei Sascha Ziesche ist man sich ziemlich sicher, dass er in dieser Liga unterfordert ist. "Der ist eigentlich viel zu gut für diese Liga", sagt ein Mitspieler, "Sascha ist einer der besten Fußballer, den ich kenne", ein anderer. Die neue 7er-Mannschaft spielt in unterschiedlichen Mannschaften des Vereins schon lange zusammen, "unser Leben lang", sagen die Spieler selbst. Früher auf dem Großfeld, jetzt also auf dem kleinen - man wird ja nicht jünger, auch wenn die meisten erst Anfang 30 sind.
 
Im Kleinfeld-Fußball gibt es übrigens nur diese eine Spielklasse in Berlin, aufsteigen können die Überflieger also nicht. Titel soll es trotzdem geben: Die Meisterschaft ist das Ziel, im Pokal wollen sie soweit wie möglich kommen, und natürlich soll Sascha Ziesche seine besondere Trophäe holen: "Die Torjäger-Kanone zum Ende der Saison hätte er sich verdient", findet Mitspieler Patrick Schümann.

Ziesche will in dieser Saison 100 Tore schießen

Bis vor kurzem wusste Sascha Ziesche übrigens noch gar nichts von seiner möglichen Ehre. Der Super-Stürmer von Stern Marienfelde hatte glatt nicht mitbekommen, dass er seit dieser Saison auch als 11.-Liga-Kicker die begehrte Auszeichnung bekommen kann. "Jetzt bin ich aber natürlich heiß und will mir die auch holen", sagt Ziesche.

Zurücklehnen kann er sich da noch nicht, denn Fabian Amend von den Sportfreunden Steinfeld (Rheinland-Pfalz) hat auch schon 33 Mal getroffen (bei allerdings elf Spielen). Ziesche hat sich selbst noch ein anderes Ziel gesetzt: die 100 Tore-Marke. Bei 28 Saisonspielen und seiner aktuellen Trefferquote von durchschnittlich 6,5 Toren pro Spiel ist das sogar noch äußerst defensiv geschätzt. Von solchen Werten können selbst Lionel Messi und Co nur träumen.

Sendung: UM6, 16.10.2021

rbb | Stand: 19.10.2021, 08:32

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