Die Spieler des Hamburger SV jubeln im Spiel gegen Rostock (Bild: IMAGO/Revierfoto)

Herthas Relegationsgegner Hamburger SV Vom Trümmerhaufen zum Kollektiv

Stand: 16.05.2022 15:35 Uhr

Hertha BSC empfängt, wie von Trainer Felix Magath prophezeit, am Donnerstag den Hamburger SV zum Hinspiel in der Relegation. Es wartet ein Duell mit einem Kollektiv, das allerdings auch Schwachstellen hat. Von Jakob Lobach

Felix Magath hatte es geahnt. Zweieinhalb Wochen ist es her, dass Herthas Trainer sich auf einer Pressekonferenz erinnerte: "Als ich diesen Job übernommen habe, war ich sicher, dass wir in der Relegation gegen den HSV spielen." Gut zwei Monate nach Magaths Amtsantritt in Berlin steht fest: Felix Magath könnte nach seinem Engagement bei Hertha auch eines als Hellseher anstreben.
 
Am Donnerstag (20:30 Uhr) empfangen die Berliner den Hamburger SV zum ersten von zwei Relegationsspielen im Olympiastadion. Wie Herthas Weg in die Relegation ausgesehen hat, ist bekannt. Aber wie hat sich der HSV in den vergangenen Monaten seine Aufstiegschance erspielt? Und mit welchen Stärken, Schwächen und Schlüsselfiguren geht der langjährige Bundesligist in die Relegation?

Starker Saisonendspurt

Zumindest auf die erste dieser beiden Fragen lautet die offensichtliche Antwort: mit einem beeindruckenden Schlussspurt. Sieben Zähler Rückstand hatte der HSV fünf Spieltage vor dem Ende auf den Relegationsplatz. Noch nie hatte eine Mannschaft in den letzten fünf Saisonspielen so viele Punkte wettgemacht. Dem HSV gelang es – mit fünf Siegen in Serie und bemerkenswerter Moral. Nachdem die Hamburger in den vergangenen Jahren teils große Vorsprünge und Tabellenführungen im Kampf um den Rückkehr in die Bundesliga noch verspielt haben, lief es diesmal exakt andersherum. "Der Unterschied ist eine mannschaftliche Geschlossenheit, die es in den letzten Jahren nicht gab", sagt Sportreporter Lars Pegelow vom Norddeutschen Rundfunk (NDR).
 
Seit Jahren berichtet Pegelow beim NDR als zuständiger Reporter über den HSV. Auch beim emotionalen 3:2-Sieg in Rostock am Sonntag, mit dem der HSV die Relegation perfekt machte, war er im Stadion. Als "ein Spiegelbild der Saison" bezeichnet Pegelow die Partie, in der Hamburg zunächst mit 0:1 zurückgelegen hatte, und erklärt auch, was er damit meint: "Am Anfang denkst du dir nur: 'Was machen die da?' Aber dann dreht der HSV das Spiel irgendwie mit viel Energie und einer Teamleistung doch noch."

Teamgeist und Ballsicherheit

Genau dieser Teamgeist, den Hertha wiederum über weite Strecken der laufenden Saison vermissen ließ, zeichnet den HSV aktuell aus. "Auch in der zweiten Liga gibt es sicherlich fußballerisch talentiertere und individuell bessere Teams als den HSV", sagt Pegelow. Aber beim Zusammenhalt und Einsatz glänzen die Hamburger. Davon zeugt auch, dass sie mit im Schnitt 117 Kilometern pro Spiel die zweitmeisten Kilometer aller Zweitligisten liefen.

Und noch etwas fällt einem mit Blick auf die Zahlen ins Auge: die Passstatistiken des HSV. Die Hamburger haben über die Saison hinweg knapp 2.700 Pässe mehr gespielt als die Zweitligamannschaft mit den zweitmeisten Zuspielen. Auch die Quote erfolgreicher Pässe ist mit 86 Prozent die beste der Liga. Dieser für Trainer Tim Walter typische Ballbesitzfußball beinhaltet auch, dass dessen Schützlinge sich aus der eigenen Hälfte herauskombinieren sollen, statt sich mit langen Bällen zu befreien.
 
Hinzukommen viel Risikobereitschaft im Offensivspiel, in Bakery Jatta ein ungemein schneller Flügelspieler und in Robert Glatzel ein Stürmer, der den HSV mit seinen 22 Saisontoren offensiv getragen hat. Lars Pegelow war zu Saisonbeginn anlässlich der Verpflichtung Glatzels "zumindest skeptisch gewesen", erinnert er sich. Mittlerweile sieht aber auch der Reporter des NDR in dem 28-Jährigen "einen Bundesligastürmer". Wichtige Tore in kritischen Momenten, viel Variabilität und ein starkes Kopfballspiel zeichnen ihn aus.

Klarheit und Risikobereitschaft

Ein anderer Hamburger, der in dieser Saison überzeugt hat, ist Trainer Tim Walter. Vergangenen Sommer verpflichtet, musste sich Walter zwischenzeitlich einige Kritik anhören. "Die letzten Jahre sind die Trainer vor dem Trümmerhaufen HSV teils zusammengebrochen", erinnert sich Pegelow. Nicht so Tim Walter. Mit einer gesunden Mischung aus Klarheit, Einfachheit und Sturheit habe der an seinen Prinzipien und dem Glauben an diese festgehalten, sagt Pegelow. Seine Mannschaft hat Walter so hinter sich gebracht und zusammengeschweißt.
 
Die größte Gefahr für den HSV und die große Chance für Hertha sieht Lars Pegelow in der Diskrepanz zwischen der ersten und der zweiten Bundesliga. Dass die Berliner eine ungleich schlechtere Saison gespielt haben als die Hamburger, sei klar. Klar sei laut Pegelow aber auch: "Hertha hat in der ersten Bundesliga gegen viel bessere Gegner gespielt als der HSV in der zweiten." Allen voran die Risikobereitschaft der Hamburger und das Herauskombinieren aus brenzligen Situationen könnten – so gut beides in der zweiten Liga funktioniert hat – in der Relegation zur Gefahr werden.

Fokus auf einem Herthaner mit Hamburger Vergangenheit

Während der HSV in puncto Form, Momentum und Stimmung klare Vorteile hat, hat Hertha zumindest die Statistik auf seiner Seite. Dreizehn Paarungen gab es in der Relegation seit deren Wiedereinführung im Jahr 2009; zehnmal setzte sich bislang der Erstligist durch.
 
Die ewige Bilanz zwischen den Berlinern und Hamburgern ist da schon enger. 33 Hertha-Siegen stehen bei 13 Unentschieden immerhin 30 Erfolge des HSV gegenüber. Die letzten beiden Bundesligaduelle aus der Saison 2018/19 gewann jeweils Hertha BSC.
 
Allzu viele Gedanken dürfte man sich darüber beim HSV aktuell nicht mehr machen, zumal kaum noch ein Spieler in Hamburg unter Vertrag steht. Stattdessen steht ein Herthaner mit Hamburger Vergangenheit dieser Tage besonders im Fokus: Felix Magath. Nach 388 Auftritten als Spieler für den HSV, mit dem er unter anderem drei Deutsche Meisterschaften und die Europapokale der Pokalsieger 1977 und der Landesmeister 1983 gewann, startete Magath dort 1995 auch seine Karriere als Cheftrainer. Noch immer genießt er bei seinem alten Klub großen Respekt. "In Hamburg kennt man Magath ganz gut", sagt auch Lars Pegelow, "und ich bin mir sehr sicher, dass der noch einen Pfeil in seinem Köcher hat."

Sendung: rbb24, 16.05.2022, 18 Uhr