Zuschauer im Steffi-Graf-Stadion (imago imags/Claudio Gaertner)

Fünf Anmerkungen zum Berliner Rasen-Tennisturnier Teilerfolg mit guter Perspektive

Stand: 19.06.2022 17:11 Uhr

Die Neuauflage des Berliner Frauentennis-Turniers ging in diesem Jahr in die zweite Runde. Turnierdirektorin Barbara Rittner zog ein positives Fazit, hatte aber auch Grund, sich zu ärgern. Von Ilja Behnisch

Das sportliche Fazit

Das sportlich Positivste am Turnier, sagt Tennis-Experte Andreas Thies vom Podcast "Chip&Charge" [meinsportpodcast.de], sei das "Finale zweier Rasen-Spezialistinnen, die auch zu den Top-Ten-Favoritinnen gehören werden in Wimbledon". Doch auch die Halbfinal-Gegnerinnen von Ons Jabeur (Tunesien) und Belinda Bencic (Schweiz) hätten mit Coco Gauff (USA) und Maria Sakkari (Griechenland) für Top-Niveau gestanden. "Insgesamt sind das vier Spielerinnen, bei denen man sagt, die gehören auch in den nächsten Jahren zu Weltspitze", so Thies. Noch im Achtelfinale hätte man allerdings gemerkt, dass nicht wie im Vorfeld erhofft 17 der besten 20 platzierten Spielerinnen der Welt in Berlin an den Start gingen, sondern lediglich acht. "Da haben vielleicht noch ein, zwei Namen gefehlt", so Thies.

Das größte Ärgernis

Am ärgerlichsten war dabei wohl die atmosphärisch bedingte Absage von Deutschlands Nummer eins, Angelique Kerber, die sich über eine unglücklich formulierte E-Mail im Vorfeld des Turniers echauffiert haben soll. Immerhin sind die Differenzen laut Turnier-Direktorin Barbara Rittner auch schon wieder aus der Welt. Zudem sagte wenige Tage vor dem ersten Aufschlag die French-Open-Siegerin und Weltranglisten-Erste Iga Swiatek ihre Teilnahme wegen Schulter-Problemen ab.
 
Barbara Rittner zeigte Verständnis ("Das passiert nach so einem langen Turnier, da haben wir keinen Einfluss drauf."), nutzte am Finaltag dennoch die Gelegenheit, grundsätzlich zu werden: "Was mir ein bisschen fehlt, dass man versucht, den Spielerinnen und dem Management ein größeres Bewusstsein dafür einzutrichtern, was dahinter steckt." Als aktive Spielerin habe sie versucht, nur für die Turniere zu melden, wo sie auch wirklich spielen wollte. "Das fehlt mir manchmal bei den absoluten Topleuten oder dem Management, dass sie da sehr, sehr egoistisch verfahren. Das passiert nur, weil sie kein Bewusstsein haben, wie viel Arbeit in so einem Event steckt."

Turnierdirektorin Barbara Rittner beim Doppel-Finale in Berlin im vergangenen Jahr (imago images/tennisphoto.de)
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Das Abschneiden der Deutschen

Der Auftritt von Andrea Petkovic, Erstrunden-Erfolg über die an fünf gesetzte frühere Wimbledon-Siegerin Garbine Muguruza inklusive, sei in Ordnung gewesen, so Andreas Thies über das Achtelfinal-Aus der 34-Jährigen. Auch Jule Niemeier habe sich "wirklich teuer verkauft", unterlag letztlich dennoch gegen die Finalistin Belinda Bencic. Ebenso wie Tamara Korpatsch, die sich zwar erfolgreich durch die Qualifikation kämpfte, in der ersten Runde jedoch der Chinesin Wang Xinyu unterlag. "Da ist eben eine Lücke, nach Kerber, nach Petkovic, aber das wissen wir", so Thies über das deutsche Damen-Tennis. Es gebe, gerade auch mit Niemeier, Kandidatinnen, die in den nächsten Jahren Top 50 spielen könnten, "aber die sind im Moment noch nicht so weit". Es werde noch ein paar Jahre dauern, ehe bei so einem Turnier wieder eine deutsche Geschichte geschrieben werde.

Hitze und Herz

Im Einzel kommt Ex-Wimbledon-Finalistin Sabine Lisicki nach einer 18 Monate währenden Verletzungspause nur so langsam in Tritt und in Berlin lediglich in die zweite Runde der Qualifikation. Im Doppel hingegen lief es wesentlich besser. An der Seite von Bianca Andreescu war erst im Halbfinale Schluss. 1:6 und 3:6 hieß es nach 61 Minuten gegen Storm Sanders aus Australien und Katerina Siniakova aus Tschechien.
 
Immerhin siegten "Bibi und Bine", wie die beiden in Anlehnung an die Kinderserie "Bibi und Tina" genannt werden, im Viertelfinale gegen das an drei gesetzte amerikanisch-japanische Duo Asia Muhammad und Eva Shibahara (7:6, 1:6, 10:7). Und das ausgerechnet an Bianca Andreescus 22. Geburtstag, weshalb Turnierdirektorin Barbara Rittner nach dem Sieg eine Geburtstagstorte überreichte und das Berliner Publikum ein herzliches "Happy Birthday" schmetterte.
 
Aber auch nach dem Halbfinal-Aus ging es ungewöhnlich zu bei Sabine Lisicki. Angesichts der bis 35 Grad hohen Temperaturen wurde ihre Abschluss-Pressekonferenz kurzerhand ins Freie verlegt. Da saß sie dann, die 32-Jährige, im Schneidersitz auf dem Rasen und bilanzierte über die Woche Berlin, während der sie bei ihren Eltern wohnte, und die Rückkehr auf den Tennis-Zirkus: "Es ist toll. Ich habe die Tennis-Familie sehr vermisst, es ist etwas, womit man groß geworden ist." Und sportlich? "Natürlich geht es besser, das weiß ich. Aber nach so langer Zeit darf man nicht zu viel erwarten."

Sabine Lisicki
Sabine Lisicki scheitert in Berlin in der Qualifikation

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Wie das Turnier wahrgenommen wurde

Für die zweite Auflage des Rasenturniers zogen die Veranstalter ein positives Fazit. "Ich bin sportlich von vorne bis hinten zufrieden", so Turnierdirektorin Barbara Rittner. Nach offiziellen Angaben kamen insgesamt knapp 30.000 Zuschauer zu dem Turnier. Genug, um Zukunftspläne zu schmieden. So sagte Veranstalter Edwin Weindorfer in Hinblick auf ein mögliches Herren-Turnier: "Warum nicht ein zweites Turnier in Berlin? Aber es muss schon auch Sinn ergeben, es muss eine gute Woche sein, es muss eine coole Location sein, wir sind da immer offen."
 
Tennis-Experte Andreas Thies hingegen hat in den Zuschauerrängen noch "zu große Lücken" ausgemacht. Für die Zukunft wünscht er sich etwas günstigere Ticketpreise und mehr Flexibilität bei den Ansetzungen, etwa in Form von später am Tag angesetzten Sessions. Insgesamt aber, so Thies, hat "dieses Turnier eine gute Zukunft. Es ist wirklich eine tolle, charmante Anlage, gerade auch durch die Einbindung des Hundekehlesees".

Sendung: rbb24 inforadio, 19.06.2022, 19:15 Uhr