Turbine-Trainer Sofian Chahed. / imago images/Beautiful Sports

Interview | Turbine-Trainer Sofian Chahed "Ohne einen Lars Windhorst des Frauenfußballs wird es schwer"

Stand: 31.05.2022 06:08 Uhr

Turbine Potsdam konnte in dieser Saison lange von großen Erfolgen träumen. Am Ende feierte aber Wolfsburg den Pokalsieg und Frankfurt den Champions-League-Einzug. Trainer Sofian Chahed zieht ein Saisonfazit und spricht von einem großen Umbruch.

rbb|24: Herr Chahed, die Saison von Turbine Potsdam ist gerade erst vorbei. Am Samstag haben Sie in Köln noch im DFB-Pokalfinale an der Seitenlinie gestanden. Haben Sie dennoch schon ein Fazit zur Spielzeit?
 
Sofian Chahed: Ja. Das gab es eigentlich sogar schon vor dem Pokalfinale (Anm. d. Red.: Turbine verlor mit 0:4 gegen den VfL Wolfsburg). Es lässt sich im Grunde ganz leicht beschreiben: Wir haben unsere Ziele erreicht. Natürlich ist es ärgerlich, wenn man zwei Mal - im Pokal und in der Liga (Anm. d. Red.: Durch Niederlagen gegen Frankfurt und in München verspielte Potsdam noch die Champions-League-Quali) - so nah dran ist, etwas noch Größeres zu erreichen. Aber wenn man offen und ehrlich ist und die Saison so ein bisschen Revue passieren lässt, stehen wir - glaube ich - schon auf dem Platz, auf dem wir auch stehen müssen. Wir haben das Maximale aus der Mannschaft rausgeholt und deswegen war es mit eine der erfolgreichsten Turbine-Spielzeiten der vergangenen zehn Jahre.

Was hat Ihr Team in der Saison ausgezeichnet?
 
Die Mentalität und der Zusammenhalt in der Mannschaft. Sie ist im vergangenen Jahr zusammengeblieben. Wir haben uns näher kennengelernt und natürlich auch fußballerische Qualitäten auf den Platz gebracht - mit gutem Konterspiel und einer besseren Fitness. Wir haben in den beiden Spielzeiten hart trainiert. Das hat man natürlich auch gesehen. Die Kombination aus diesen Faktoren hat uns so stark gemacht.

Sie haben die Wermutstropfen schon angesprochen, die es am Ende der starken Saison gab: Der Pokalsieg und vor allem die Champions-League-Quali wurden verpasst. Wie bitter ist das im Moment noch - und was hat vielleicht auch gefehlt?
 
Es ärgert mich natürlich. Ich hätte gerne die Champions League erreicht und den Pokal gewonnen. Wenn wir auf beides zurückblicken, dann hat uns im Pokalspiel die hundertprozentige Überzeugung gefehlt, ein Tor zu machen. Ich glaube nicht, dass wir die viel schlechtere Mannschaft waren. Wolfsburg hatte mehr den Ball, aber wir hatten teilweise gute Spielzüge, Kontersituationen und Möglichkeiten, Tore zu erzielen. Da waren wir einfach ein bisschen zu grün hinter den Ohren. Wolfsburg hat in diesen Situationen eine ganz andere Qualität als wir - nicht nur von der Bank, sondern selbst auf der Tribüne.

Wenn Sie auf die Saison zurückblicken: Gibt es einen Moment oder eine Phase, die Ihnen in Erinnerung bleibt, weil in ihr etwas Besonderes entstanden ist?
 
Das war in der Mitte der Hinrunde. Da haben wir mit purem Willen Spiele noch gedreht. Teilweise war auch Glück dabei. Gegen Freiburg oder gegen Essen. Das waren prägende Erinnerungen für das Team. Eine starke Phase, die uns nochmal ein bisschen zusammengeschweißt hat.

Im vergangenen Jahr ist die Mannschaft vor der Saison zusammengeblieben. Sie haben eben selbst gesagt, wie hilfreich das war. In diesem Sommer ist die Situation eine andere. Einige Leistungsträgerinnen verlassen Potsdam. Würden Sie schon von einem Umbruch sprechen?
 
Ja, definitiv. Es ist ein großer Umbruch, der hier gerade stattfindet. Natürlich hätte ich den Kern der Mannschaft gerne zusammengehalten. Das ist aus den verschiedensten Gründen nicht gelungen.

Was für Gründe sind das, die die Spielerinnen - trotz der erfolgreichen Saison - dazu bewegen, von Turbine wegzugehen?
 
Man sieht natürlich auch, was für Arbeit in anderen Vereinen geleistet wird - und dass da das ganze Drumherum nochmal etwas professioneller aufgebaut ist als bei Turbine. Dann gibt es einen finanziellen Aspekt. Wir haben teilweise auch Spielerinnen, die mit ihrer sportlichen Situation unzufrieden sind, weil sie zu wenig gespielt haben. Oder aber welche, die noch ein, zwei Jahre Fußball spielen und dabei eine Auslandserfahrung mitnehmen wollen. Wenn man da das Doppelte verdient und gleichzeitig die Lebenserfahrung mitnehmen kann, ist das auch verständlich. All das sind Gründe - und die führen am Ende zu dem großen Umbruch.

Worauf wird es nun in diesem Sommer ankommen?
 
Wir müssen uns schnellstmöglich als Team finden und wieder mit der Mannschaft eine Spielidee entwickeln, mit der sich alle identifizieren können. Ich glaube nicht, dass wir etwas reinprügeln müssen, sondern dass einfach in der Vorbereitung stetig auf dem Platz gearbeitet wird und die athletischen, technischen und taktischen Grundlagen gesetzt werden. Das wird wieder eine große Herausforderung. Aber eine Herausforderung, der man sich gerne stellt, wenn man die Entwicklung dann sieht. So wie auch in dieser Saison.

Nach dem DFB-Pokalfinale haben Sie nochmal betont, dass die Möglichkeiten von Wolfsburg oder Bayern finanziell ganz andere seien. Und dann - mit einem Augenzwinkern, aber vielleicht auch doch ganz ernst gemeint - gesagt, Sie seien gespannt, was sich die Potsdamer Vereinsführung jetzt überlegt. Was braucht es, um sich ein Stück näher an diese Teams ranzurobben?
 
Das kann ich ganz einfach beantworten: einen großen Sponsor. Da braucht man viel Geld, um die Strukturen zu schaffen für professionelles Arbeiten. Natürlich haben wir jetzt einen Psysiotherapeuten hauptamtlich angestellt, natürlich auch einen Athletiktrainer - alles in meiner Amtszeit. Das trägt dazu bei, um in die richtige Richtung zu gehen. Aber es waren ein, zwei kleine Schritte, die wir gemacht haben - und Wolfsburg, Bayern, Hoffenheim, Frankfurt und teilweise auch Köln machen eben fünf, sechs Schritte. Wo wir klein vorangehen, haben die nochmal ganz andere Möglichkeiten. Insofern muss man dann irgendwann auch mal diese großen Schritte mitgehen. Aber das wird ohne neuen Hauptsponsor, Finanzgeber oder einen Lars Windhorst des Frauenfußballs schwer. (lacht)

Vielleicht kann man ihn ja dazu bewegen, dass er auch noch bei Turbine mit einsteigt ...
 
Der weiß Bescheid, dass da eine Kooperation von Turbine Potsdam mit Hertha BSC besteht. Aber er muss natürlich schauen, dass sein Investment da erstmal bestmöglich angelegt bleibt.

Die Saison war lang und anstrengend. Sind nun für Sie auch mal Ferien in Sicht?
 
Es kommen jetzt noch ein, zwei Gespräche. Auch mit dem Präsidium wird man sich nochmal in Ruhe zusammensetzen, alles analysieren und schauen, ob man irgendwelche Veränderungen vornehmen kann und wie diese aussehen. Eine Woche bin ich also noch so auf Abruf immer da und muss natürlich auch den Kader weiterhin planen. Danach wird es dann sicher in den Urlaub gehen. Aber das entscheide ich kurzfristig. Da bin ich kein Freund von langem Planen.

Vielen Dank für das Gespräch!
 
Das Interview führte Jakob Lobach, rbb Sport.