Isabel ist eine von nur 40 Schiedsrichterinnen in Berlin Mit Mumm in die Frauen-Bundesliga

Stand: 13.06.2022 13:55 Uhr

Für die Männer-WM in Katar sind erstmals Schiedsrichterinnen nominiert, weibliche Vorbilder in Deutschland gibt es aber weiter wenige. In Berlin sind nur 40 von 950 Referees weiblich. Eine ist Isabel Jurisch. Sie träumt von der Frauen-Bundesliga. Von Stephanie Baczyk

Für die Männer-WM in Katar sind erstmals Schiedsrichterinnen nominiert, weibliche Vorbilder in Deutschland gibt es aber weiter wenige. In Berlin sind nur 40 von 950 Referees weiblich. Eine ist Isabel Jurisch. Sie träumt von der Frauen-Bundesliga. Von Stephanie Baczyk

Die Hitze drückt. Und weil einer der Schläuche zur Bewässerung des grünen Kunstrasenplatzes des SV Concordia Britz in der Mitte ein Leck hat, ist die Versuchung eine halbe Stunde vor Spielbeginn groß, sich mittenrein in die halbhohe Wasser-Fontäne zu stellen. Isabel Jurisch hat aber zu tun. Die rotblonden, langen Haare zum Zopf gebunden, schreitet sie entschlossen über das Feld, scherzt mit ihren Kollegen. Platzbegehung, obligatorisch.
 
Die 22-Jährige ist Schiedsrichterin in Berlin, begleitet an diesem schwülen Sonntagnachmittag offiziell ihr erstes Herrenspiel als Assistentin an der Linie. Zu Gast in Britz an der Buschkrugallee sind die Fußballer von Polar Pinguin – ohne Eis im Gepäck, dafür mit Ex-Union-Profi Michael Parensen in der Startelf. Landesliga vom Feinsten.

Nur 40 von 950 Schiedsrichtern beim BFV sind Frauen

"Bei so 'nem Wetter Sport zu machen, ein bisschen was für den Kopf zu tun, ist doch toll", sagt Isabel tiefenentspannt. Für sie ist es ein Heimspiel, sie wohnt um die Ecke, hat heute das Fahrrad genommen. "Und die Teams freuen sich, dass jemand da ist. Wir haben viel mehr Spiele als wir Schiedsrichter haben."

Ich könnte mir vorstellen, dass man in die Jugendvereine geht, da Werbung macht und sagt: Du könntest die nächste Bibiana Steinhaus sein.

950 Unparteiische gibt es beim Berliner Fußball-Verband, davon sind gerade einmal 40 Frauen. Eine ist Isabel und die hat Ideen, wie es mehr weibliche Referees werden. "Ich könnte mir vorstellen, dass man in die Jugendvereine geht, da Werbung macht und sagt: Du könntest die nächste Bibiana Steinhaus sein."

Isabel Jurisch, eine von 40 Schiedsrichterinnen im Berliner Fußball-Verband. / rbb/Stephanie Baczyk

Isabel Jurisch, eine von 40 Schiedsrichterinnen im Berliner Fußball-Verband.

Wichtig sei aber auch das Vernetzen, das Miteinander. "Auch nach dem Spiel", weiß Isabel. "So ne Art 'Frauentreff' zu machen, sich zu unterhalten über Ambitionen, zu fragen: Wo können wir Dich unterstützen?" Das fehle ihr, sie wünscht sich einen regelmäßigeren Austausch. "Klar hat man den Junioren-Leistungskader oder den Teamförder-Kader, aber da muss man erst reinkommen."

Weibliche Vorbilder sind rar

Weibliche Vorbilder sind noch rar in der Branche. Steinhaus-Webb ist die Bekannteste, war Bundesliga-Schiedsrichterin bei den Männern, viermalige Weltschiedsrichterin. Die einzige aktive Hauptschiedsrichterin im Männerbereich ist aktuell Riem Hussein, sie leitet Partien in der dritten Liga. Dass es auf internationaler Ebene voran geht, zeigt die Nominierung der FIFA-Schiedsrichter-Kommission für die Weltmeisterschaft der Männer in Katar. Mit der Französin Stéphanie Frappart, der Japanerin Yoshimi Yamashita und Salima Mukansanga aus Ruanda pfeifen erstmals drei Frauen.
 
"Mein großes Ziel ist die Frauen-Bundesliga", sagt Isabel. "Ob als Schiedsrichterin oder Assistentin ist mir in dem Fall egal. Und bei den Herren: so hoch wie ich komme. Berlin-Liga wäre schon schön."

Klaus Weiglein, Vater von BFV-Schiedsrichterin Isabel Jurisch. / rbb/Stephanie Baczyk

Klaus Weiglein, Vater von Isabel Jurisch.

Papa Klaus als Wegbereiter an der Pfeife

Dass Isabel vor fünf Jahren bei der Schiedsrichterei landet, liegt an Papa Klaus Weiglein. Der pfeift seit mittlerweile 42 Jahren im Amateurbereich der Hauptstadt, ist auch jetzt mit 75 noch mit Herz dabei. Man hört es, wenn er über seine Herangehensweise spricht, darüber, wie man auch in hitzigen Situationen die richtigen Worte findet.
 
Ist seine Tochter im Einsatz und er nicht, tigert er den Tribünenbereich entlang. Immer aufmerksam. "Sie wollte das unbedingt", sagt er. "Es hat aber auch für ihr Selbstbewusstsein unwahrscheinlich viel jebracht. Ist bei mir jenau dasselbe jewesen. Is ja auch ne Aufgabe. Man ist zwar Schiedsrichter, aber manchmal fühlt man sich auch wie ein Dompteur."

Man ist zwar Schiedsrichter, aber manchmal fühlt man sich auch wie ein Dompteur.

Ganz so wild geht es in der ersten Hälfte zwischen dem VfB Concordia in gelb und den Pinguinen in blau nicht zu. Britz ist besser - und Klaus Weiglein unterbricht das Gespräch neben dem Platz immer mal wieder, wenn es auf dem Platz brenzlig wird: "Da war n Abseits eben." In die Pause geht es ohne Tore, Isabel regelt ihren Job souverän. Teil eines Schiri-Gespanns ist sie noch nicht allzu lange, die ersten Erfahrungen als Unparteiische sammeln die Neuen in der Jugend. Auf sich allein gestellt.

Als Schiedsrichter-Rookie auf sich allein gestellt

"Ich erinnere mich an ein Spiel in der D-Jugend auf dem Kleinfeld ganz zu Beginn, da ging es eigentlich um gar nichts", weiß sie noch. "Da war der Trainer ein bisschen komisch zu mir und im Spiel der Meinung, er müsste mich filmen mit seinem Handy." Er hielt das Handy vor seine Brust, echauffierte sich auf ihre Nachfrage über zwei frühe gelbe Karten, war der Meinung, das gehe so nicht.

Eine Rote Karte (Bild: IMAGO/Rolf Poss)
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Isabel brach die Partie damals ab. "Aber auch dadurch bin ich gewachsen, habe mittlerweile gemerkt, dass wenn man selbstbewusst auftritt und mit sich reden lässt, Spielern versucht, Situationen zu erklären, dass die dann echt glücklich sind. Sich auf Augenhöhe zu begegnen, ist halt wichtig."

Es wird hitzig

In der 56. Minute trifft Polar Pinguin, die in beachtlicher Größe angereiste, gut eingegroovte Fankurve reimt: "Wir wollen den Auswärtssieg, der uns am Herzen liegt. Und nächstes Jahr Europa-Liga." Ihr Wunsch wird nicht erfüllt, zehn Minuten vor dem Ende erzielt Britz den Ausgleich. Isabel winkt den Hauptschiedsrichter zu sich ran, schildert ihm eine Beobachtung. "Im Mittelfeld haben sich zwei sehr lieb gehabt." In der 89. Minute fällt das 2:1 für den VfB Concordia und während sich phasenweise dezent Wolken vor die Sonne schieben, wird es auf dem Rasen jetzt hitzig. Ein Polar-Kicker dampft, Schuld ist ein warmes "Hau ab jetzt!" des Hauptschiedsrichters in seine Richtung.

Wir sind ja auch alle keine Maschinen.

Es folgen ein Gestochere an der Eckfahne sowie wenig kontrollierte Ballaktionen an Isabels Seitenlinie, dann ist Schluss. Papa Klaus wippt den Kopf hin und her, sein schelmisches "Naja!" verrät: Da war was. "Die letzte Aktion, da habe ich mich mehr drauf konzentriert, ob der Ball im Aus ist oder nicht und wer als letztes dran war", analysiert Isabel selbstkritisch mit einem Lächeln. "Da hat dann mein Hauptschiedsrichter für mich das Abseits gesehen. Aber wir sind ja auch alle keine Maschinen."

Sendung: rbb24 Inforadio, 13.06.2022, 12:15 Uhr