Analyse nach 0:1 gegen den Hamburger SV Hertha BSC in der Relegation: Klassenerhalt nur noch mit viel Fantasie

Stand: 20.05.2022 10:12 Uhr

Im Hinspiel der Bundesliga-Relegation gegen den Hamburger SV präsentiert sich Hertha BSC desolat. Felix Magaths Optimismus ist das Letzte, was Hertha vor dem Abstieg geblieben ist.

Von Till Oppermann

Als Harm Osmers mit seinem Schlusspfiff das Relegations-Hinspiel zwischen Hertha BSC und dem Hamburger SV beendete, begannen auf den Rängen des Olympiastadions leise Minuten des Abschieds. Rauchschwaden der Bengalos aus dem Gästeblock legten einen leichten Nebel über das Feld. Wer nicht wie ferngesteuert aus dem Stadion lief, um schnell möglichst viel Entfernung zwischen sich und Hertha zu bringen, stand mit leerem Blick vor seinem Sitz und trauerte.

Auf dem Platz sagte Hamburg-Kapitän Sebastian Schonlau grinsend: "Es ist ein Traum, wunderschön, ich weiß nicht, ob wir in Berlin oder Hamburg gespielt haben." Aus den Boxen tönte die melancholische Ballade "Bitter Sweet Symphony". Obwohl der Zweitligist Hamburg das erste der beiden Ausscheidungsspiele um den letzten Startplatz in der Bundesliga nur mit 1:0 gewann, wirkte der Abend wie eine Vorentscheidung. Im kommenden Jahr wird Hertha wahrscheinlich zweitklassig sein.

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Es könnte so schön sein

Dabei fehlte nicht viel, um das Olympiastadion zum lautesten Ort Berlins zu machen. Ein Dribbling von Ishak Belfodil, das nach vier Haken beim Gegner endete oder ein Ballgewinn von Suat Serdar, der nach einem Sprint von seiner rechten auf die linke Seite den Ball vor dem Seitenaus rettete, aber dafür nur eine Ecke bekam, deuteten das an.
 
Herthaner sind begeisterungsfähige Menschen. Jahre der Krise haben ihren Durst nach positiven Erlebnissen ins Unendliche wachsen lassen. In den ersten 20 Minuten des Relegations-Hinspiels gegen den Hamburger SV schien es, als wüssten die Spieler das. Hertha war im Spiel, Hertha ließ dem HSV keinen Platz. Die rund 55.000 Hertha-Fans unter den 75.500 Zuschauern sangen sich die Seele aus dem Leib. Sie wollen doch nur ein bisschen Kampf.

Schon wieder enttäuscht

Sie wurden enttäuscht. Mal wieder. Im Vorfeld hatte Trainer Felix Magath, der sich gerne rühmt, insgeheim seit Wochen geahnt zu haben, dass es in der Relegation gegen Hamburg geht, gesagt: "Wir kennen Hamburg und haben eine Antwort auf ihr Spiel". Nach Abpfiff wirkte das wie Hohn. Denn wenn das was Hertha spielte, wirklich eine Antwort war, bleibt offen, was die Frage gewesen sein soll. "Wir haben gespielt wie eine Bundesliga-Mannschaft", beteuerte Magath und wusste wahrscheinlich selbst nicht so genau, was er damit sagen wollte.

Denn auch nach 35 Spieltagen und unter dem dritten Trainer wirkten die Teile dieser Bundesligamannschaft sich untereinander so fremd, wie eine neu zusammengestellte Truppe im ersten Testspiel nach der Sommerpause. Fehlpass reiht sich an Fehlpass und Gefahr drohte nur nach erfolgreichen Einzelaktionen. Insgesamt gelangen den Gastgebern nur drei Schüsse aufs Tor. Herthas Passquote von knapp 72 Prozent wäre im Saison-Schnitt die schlechteste der zweiten Liga gewesen. Der Fußballgott wird von Fans oft bemüht, um Erstaunliches zu erklären. Für Herthas harmlose Halbfeldflanken müsste in diesem Bild der Fußballteufel verantwortlich sein.

Hamburg vertraut Tim Walter

Ganz anders die Hamburger. Die jüngste Mannschaft der zweiten Liga zeigte sich in den ersten 20 Minuten durchaus eingeschüchtert von der atemberaubenden Kulisse zweier erstligareifen Fanlager. Und vielleicht auch von Felix Magaths engem 4-4-2-System mit U-19-Stürmer und Startelfdebütant Luca Wollschläger im Sturm neben Belfodil, Suat Serdar erneut im rechten Mittelfeld und Innenverteidiger Niklas Stark als Sechser neben Lucas Tousart. Mit zwei flachen und engen Viererketten und engen Abständen machte Hertha den Hamburgern in der Anfangsphase das Leben schwer.
 
Aber die Hanseaten vertrauten konsequent dem Plan ihres Trainers Tim Walter. Schnell rissen sie den Ballbesitz an sich und dominierten so das Spiel. Maximilian Rohr zeigte mit seinem Selbstvertrauen und Mut exemplarisch, warum Hamburg die bessere Fußballmannschaft ist. Vor nicht allzu langer Zeit spielte der 26-Jährige noch in der Verbandsliga. Vor der Saison wurde er als Führungsspieler für die Regionalligamannschaft verpflichtet. Gegen Hertha glänzte er mit klugen Laufwegen und gechippten Flanken. Wenn das Korsett stimmt, können auch durchschnittliche Fußballer effektiv sein.

Magaths Antworten befriedigen nicht

Nach dem Spiel sprach Felix Magath nicht über das Kombinationsspiel der Hamburger, mit dem sie nach dem glücklichen Führungstor von Ludovit Reis aus der 57. Minute das Spiel kontrollierten. "Der Gegner war etwas glücklicher als wir." Für die Niederlage seiner Mannschaft machte er das Fehlen von Santiago Ascacibar verantwortlich, der gelbgesperrt ausfiel. Immerhin sei der sein zweikampfstärkster Spieler. Tatsächlich gewann Hertha nur erschreckend schwache 108 zu 142 Zweikämpfe.
 
Das lag aber weniger daran, dass Magaths Spieler keine Lust hatten, die Knochen hinzuhalten, sondern daran, dass sie ihr kompaktes System spätestens nach zwei unnötigen gelben Karten für Stark und Tousart auflösten. Wo anfangs nie ein größerer Abstand als 40 Meter zwischen dem vordersten und dem hintersten Herthaner bestanden hatte, klafften jetzt riesige Löcher. Nach Ballverlusten blieben mindestens drei Spieler resigniert vorne stehen, während sich die Abwehr nach hinten fallen ließ. Im verwaisten Mittelfeld konnten die Hamburger kombinieren, wie sie wollten.

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Hertha bleibt nur Hoffnung

Da verwundert es wenig, dass die Hamburger Fans auf dem Weg aus dem Stadion feierten, als wären sie schon aufgestiegen. Um sich vorzustellen, dass Hertha am Montag beim HSV zwei Tore schießt, während die Hamburger leer ausgehen, braucht man viel Fantasie. Die konnte nicht mal Trainer Magath aufbringen: "Heute war Hamburg die glücklichere Mannschaft, warum sollten wir das nicht am Montag sein?"
 
Das ist der Zweckoptimismus eines sportlich Schiffbrüchigen, der sich an die letzte verbale Planke klammert. Es wäre wohl eine der größten Leistungen des Meistertrainers Magath, wenn er seine Mannschaft bis zum Rückspiel mit seiner Zuversicht anstecken könnte. "Wir haben die Möglichkeit am Montag aufzustehen und das Ding umzudrehen."