Hertha erreicht das "Minimalziel" im Abstiegsduell

Analyse | Remis gegen Arminia Bielefeld

Hertha erreicht das "Minimalziel" im Abstiegsduell

Auch im dritten Spiel nach der Corona-Quarantäne bleibt Hertha BSC ungeschlagen. Wegen einer schwachen Offensivleistung war gegen Bielefeld besonders die Defensive gefragt. Trotz fehlender Fitness hielt diese stand und rettete einen wichtigen Punkt im Abstiegskampf. Von Till Oppermann

Matheus Cunhas humpelnder Abgang nach seiner Auswechslung in der 69. Spielminute des Heimspiels von Hertha BSC gegen Arminia Bielefeld stand sinnbildlich für das Spiel seiner Mannschaft an diesem sonnigen Sonntagabend. Wer nach dem 3:0-Sieg gegen Freiburg dachte, die Herthaner hätten sich plötzlich zu einer kreativen und offensivstarken Mannschaft entwickelt, sah sich getäuscht.
 
Auch Cunha – dem begabtesten Kicker des Ensembles – gelang es zu keinem Zeitpunkt, die robust verteidigenden Bielefelder wirklich unter Druck zu setzen. Ein konsequentes Aufbau- und Positionsspiel, Tempo durch Tiefenläufe und Kreativität aus dem Mittelfeld: All das, was die Berliner unter der Woche so stark gemacht hatte, fehlte beim 0:0-Remis am Sonntag. Dass seine enttäuschten Spieler nach dem Spiel die Köpfe hängen ließen, wollte Trainer Pal Dardai trotzdem nicht akzeptieren: "In dieser Situation ist jeder Punkt wichtig." Ganz besonders gegen einen direkten Konkurrenten im Abstiegskampf.

Trotz Umstellungen überzeugt Herthas Defensive

Obwohl es nicht für ein eigenes Tor reichte, verbesserte sich Dardais Mannschaft um einen Tabellenplatz und hielt gleichzeitig Distanz zu den Verfolgern aus Bielefeld. Hertha scheint die Trainingspause durch die Quarantäne und den engen Spielplan seitdem gut verkraftet zu haben. Sogar mehr als das: Dardais Team ist nun sechs Spiele in Serie ungeschlagen und hat erstmals in dieser Saison zwei Partien hintereinander ohne Gegentor überstanden. Kein Wunder, dass der Coach nach dem Spiel darauf seinen Fokus legte und die defensive Ordnung seiner Mannschaft lobte: "Die Null muss stehen, um einen Schritt zu machen."
 
Gegen den Aufsteiger aus Ostwestfalen war das am Sonntag nicht selbstverständlich. Um den Kräfteverschleiß der englischen Woche abzufangen, rotierte Dardai erneut auf acht Positionen. Seine Auswahl war dabei insbesondere im zentralen Mittelfeld beschränkt, nachdem Matteo Guendouzi und Sami Khedira wegen Verletzungen nicht zur Verfügung standen.

Neben den neuen Spielern in der Startelf tauschte Dardai auch die Grundformation: Aus der erfolgreichen Vierer-Abwehrkette aus dem Spiel gegen Freiburg wurde eine Fünferkette mit den Innenverteidigern Lukas Klünter, Niklas Stark und Marton Dardai, flankiert von Maxi Mittelstädt und Deyovaisio Zeefuik auf der Außenbahn. Obwohl Bielefeld in der ersten Halbzeit so viele Schüsse abgab wie noch nie in dieser Saison, wurden die Gäste nie wirklich gefährlich. Auch als Mittelstädt nach einer halben Stunde mit einer Kopfverletzung ausgewechselt wurde und das Team im Spiel wieder zur Viererkette wechseln musste, hielt die Defensive stand.
 
Die zahlreichen Offensivaktionen der Arminia führten zumeist bestenfalls zu Distanzschüssen. Die einzigen Abschlüsse aus dem Strafraum waren harmlose Kopfbälle nach Ecken. Zu keinem Zeitpunkt waren die Gäste in der Lage, hinter Tiefe hinter Herthas Defensive zu erzeugen. Alexander Schwolow war trotzdem nicht zufrieden: "Es war sehr schlapp." Der Mannschaft habe die Energie gefehlt, die sie sonst auszeichne, so der Torwart.

Im Spiel nach vorne gelingt den Gastgebern wenig

Die Zahlen geben ihm Recht: Mit einer Laufdistanz von 111,9 Kilometer zeigte Hertha in diesem Bereich eine unterdurchschnittliche Leistung – Gegner Bielefeld legte fünf Kilometer mehr zurück. Insbesondere im Offensivspiel fehlten Tiefenläufe und andere Angebote zwischen den Reihen im Aufbauspiel. Insgesamt hatten die Gastgeber 62 Prozent Ballbesitz.
 
Gefährlich wurde es jedoch nur nach lichten Momenten der Individualisten, etwa als sich Jhon Cordoba am Ende des ersten Durchgangs im Eins-gegen-Eins gegen einen Bielefelder Abwehrspieler durchsetzte und den Pfosten traf. Gerade im 5-3-2-System der ersten halben Stunde sah die Alte Dame nicht gut aus. Cunha und Krysztof Piatek nahmen nie wirklich am Spiel teil. Obwohl Bielefeld sehr enge Abstände hielt, gelangen Hertha keine Seitenwechsel, um den Platz auf der ballfernen Seite zu nutzen. Die einzige Idee bestand darin, lange Bälle auf den aufopferungsvoll kämpfenden Cordoba zu schlagen.
 
In der Summe war das deutlich zu wenig. Stark kritisierte später die "zu großen Abstände" vor dem Seitenwechsel. Das sei nach der Pause besser gewesen. "Wir haben umgestellt und den Bielefeldern wenig Luft zum Atmen gegeben", analysierte der Kapitän am rbb-Mikrofon. Tatsächlich sorgte die angesprochene Umstellung - Radonjic ersetzte in einem 4-4-2-System Zeefuik auf dem Flügel - kurzfristig durch eine bessere Raumaufteilung für eine Verbesserung. Mit ihrer eng gestaffelten Verteidigung bot Bielefeld auf den Seiten Platz an. Von Defensivaufgaben weitgehend befreit gelang es Herthas Außenbahnspielern, diese Räume nun besser zu bespielen. Gefährliche Chancen brachte das trotzdem nicht, denn viele der Dribblings und Flanken in den Strafraum waren schlampig und ungenau. Zwar habe seine Mannschaft nach der Umstellung mehr Druck erzeugt, sagte Dardai, aber: "Der letzte Druck und die letzte Konsequenz haben gefehlt."

Die Mannschaft erreicht Dardais "Minimalziel"

Keeper Schwolow machte dafür auch die Witterung verantwortlich, die der Mannschaft zugesetzt habe. Das passt zum Eindruck seines Trainers Dardai. Nach seinem Gefühl sei die Mannschaft nicht mit der Körperlichkeit der Bielefelder klargekommen. "Wenn wir ehrlich sind: Heute hat die körperliche Frische gefehlt." Weil ein Punkt am Sonntag für ihn das "Minimalziel" war, gab sich der Ungar nach Abpfiff zufrieden: "Wir müssen uns nicht schämen, das ist Abstiegskampf."
 
Dieser geht bereits am Mittwoch im Auswärtsspiel auf Schalker in die nächste Runde. In den kommenden Tagen will Dardai den Fokus deshalb auf Regeneration legen und mit den Spielern darüber sprechen, wer sich körperlich bereit fühlt. Niklas Stark lässt an seiner Verfassung keinen Zweifel. Ob die Mannschaft alle drei Tage oder jeden Tag spiele, sei "scheißegal", so der Kapitän. "Wir geben hier alles und werden dann nicht absteigen." Mit einem Sieg gegen die bereits abgestiegenen Schalker hätte Hertha vor dem Saisonfinale fünf Punkte Vorsprung auf einen direkten Abstiegsplatz.

Sendung: rbb UM6, 10.05.2021, 18:00 Uhr

rbb | Stand: 10.05.2021, 10:09

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