Enttäuschte Herthaner (imago images/Matthias Koch)

Meinung | Ein Blick in die Zukunft

Fünf Thesen für die Rückrunde von Hertha BSC

Stand: 28.01.2022, 20:12 Uhr

Die tristen Tage bei Hertha BSC wollen scheinbar kein Ende nehmen. Man befindet sich im dritten Jahr infolge im Abstiegskampf. Wie wird diese einmal mehr enttäuschende Saison weitergehen? Die Prognose von Marc Schwitzky.

1. Hertha bleibt bis zum Schluss im Abstiegskampf, hält aber die Klasse

Erneut findet sich Hertha BSC im Kampf um den Klassenerhalt wieder. Nach 20 Spieltagen trennen Hertha nur drei Punkte vom Relegationsrang. Das macht die anstehenden Begegnungen mit den beiden Aufsteigern Bochum und Fürth beinahe schon zu Schicksalsspielen für die "Alte Dame". Zumal danach mit unter anderem Leipzig, Freiburg, Frankfurt, Leverkusen und Lokalrivale Union ein äußerst schweres Programm bevorsteht.
 
Dieser Spielkalender wird die Blau-Weißen bis zum Saisonende im zähen Abstiegskampf verharren lassen - eine lange Durstrecke droht. Doch sobald sich die Spielzeit dem Ende zuneigt, fällt auch das Niveau der zu bespielenden Gegner: Augsburg, Stuttgart, Bielefeld und Mainz warten an den letzten Spieltagen. In diesen Partien wird sich die individuelle Qualität des Hertha-Kaders durchsetzen. Zudem befinden sich mit Fürth, Stuttgart, Augsburg oder auch Wolfsburg gleich mehrere Klubs in tiefen Krisen, von denen Hertha letztendlich profitieren wird.

2. Korkut verabschiedet sich vom 4-4-2

Seit seinem Amtsbeginn lässt Tayfun Korkut Hertha im 4-4-2 auflaufen. Diese Formation wandte der Fußballlehrer bereits bei all seinen vorherigen Stationen an. So auch bei Hertha für die ersten sieben Spiele. Gegen den FC Bayern München aber wich Korkut erstmals von seiner bevorzugten Formation ab, er stellte auf ein 5-3-2 um. Zwar zeigten die Berliner auch in diesem System altbekannte Probleme, mittelfristig könnte eine Umstellung auf Dreierkette jedoch besser zum Kader passen.
 
Seit nun schon zwei Jahren fehlt Hertha eine angemessene Breite auf den offensiven Flügelpositionen. Darüber hinaus hat sich ein Überangebot an Innenverteidigern entwickelt. Da sowohl Kempf als auch Herthas neuer Linksverteidiger Frederic André Björkan von ihren vorherigen Stationen die Dreierkette gewohnt sind, liegt die Vermutung nahe, die Taktik diesen Stärken anzupassen. Gut möglich, dass Manager Fredi Bobic den Kader dementsprechend umbauen will, da er bereits in Frankfurt gute Erfahrungen mit Dreierkettensystemen gemacht hat.

3. Jovetic ist am Saisonende Herthas bester Scorer

Ein entscheidender Faktor für Herthas zwischenzeitlichen Aufschwung unter Korkut war Stevan Jovetic. Denn: Er ist faktisch Herthas spielerisch bester Angreifer. Neben seiner großen Torgefahr ist der 32-Jährige bereits in der Entstehung der Angriffe oft der Schlüssel. Sobald er den Ball bekommt, ist er entweder in der Lage, selbst zu dribbeln und den Abschluss zu suchen. Oder aber Jovetic leitet die Angriffe ein. Durchschnittlich 2,7 Pässe bringt der Angreifer pro Spiel ins letzte Drittel - in dieser Disziplin gehört er zu den besten Mittelstürmern Europas. Auch seine durchschnittlichen 1,39 Pässe in den Strafraum sind hervorragend. So ist er das dringend benötigte Element in Herthas Aufbauspiel, das sonst oft ab der Mittellinie zu bröckeln beginnt.

Zu sehen war das in den bisherigen Partien des neuen Kalenderjahres, in denen Jovetic verletzt fehlte. Korkut vermisste seinen "Verbindungsspieler" und Ishak Belfodil seinen Sturmpartner, mit dem er im Dezember ein solch famoses Duo gebildet hatte. Nun ist der international erfahrene Angreifer aber wieder zurück. Fünf Tore hat Jovetic bislang erzielt - in der zweiten Saisonhälfte werden noch weitere Treffer und Vorlagen dazukommen und ihn zum besten Angreifer der Blau-Weißen machen.

4. Tayfun Korkut wird sich bis Saisonende auf dem Trainerstuhl halten

Die Chance, dass Tayfun Korkut über den Sommer hinaus Hertha-Trainer bleiben würde, war nie sonderlich hoch. Zwar beteuert Bobic immer wieder, dass man dahingehend ergebnisoffen sei, man wird jedoch das Gefühl nicht los, dass Herthas Geschäftsführer für den großen Aufbruch einen größeren Namen mit kernigerem Profil sucht. Zumal die Sorge bleibt, dass Korkut die langfristige Wirkung auf eine Mannschaft fehlt - meist funktionierte seine Arbeit nur über einen halbjährigen Zeitraum.
 
Korkut wird aber auch nicht vor Saisonende gehen müssen. Allmählich wächst der Druck aufgrund der ausbleibenden Ergebnisse, Hertha ist 2022 noch ohne Sieg. Es droht, dass der Trainerwechsel Bobics nur eine sehr kurzzeitige Wirkung hatte. Korkut war zuletzt allerdings Opfer der Umstände, zahlreiche Profis, darunter absolute Schlüsselspieler, fielen aus. Als Herthas Trainer seine wichtigsten Akteure zusammenhatte, stellten sich auch die guten Ergebnisse ein. Das wird auch in der Rückrunde der Fall sein und Korkut auf dem Trainerstuhl halten, zumindest bis Sommer.

5. Am Ende der Saison sortiert Bobic eiskalt aus

Wenn die ersten beiden Transferperioden unter Fredi Bobic eins gezeigt haben, dann, dass sich nahezu niemand im Hertha-Kader sicher fühlen darf. Der neue Berliner Verantwortliche stellt alles auf den Prüfstand. Bereits im Sommer trennte er sich von mehreren teuren Altlasten der Preetz-Ära: Cunha, Lukebakio und Cunha mussten gehen. Im Winter folgte Piatek.
 
Es ist offensichtlich, dass Bobic den Kader konsequent durchleuchtet und entweder Spieler abgibt, die das Gehaltsgefüge sprengen oder die, denen die Qualität oder die Motivation fehlt, Hertha langfristig zu helfen. Dieser Prozess wird im Sommer weitergehen und aufgrund der schwachen Saison sehr hart ausfallen. Zahlreiche Spieler, die seit Jahren bei Hertha sind, werden den Verein verlassen müssen, so wie beispielsweise Niklas Stark, Davie Selke oder Marvin Plattenhardt.

rbb24, 28.01.2021, 18 Uhr

Quelle: rbb

Darstellung: