Die Neuköllner Wrestling-Schmiede

Sport und Entertainment

Die Neuköllner Wrestling-Schmiede

Schlagen, werfen, schleudern: Ist das beim Wrestling alles nur Show? Für Ahmed und Hussen Chaer ist Wrestling ihr Leben. In Neukölln versuchen sie, anderen den Traum von der großen Wrestling-Bühne zu ermöglichen. Von Nico Giese

100 Prozent Entertainment und 100 Prozent Sport, das ist der Grundsatz der Wrestling-Schule in Neukölln. Hier trainieren Ahmed und Hussen Chaer, die Wrestling-Stars von morgen. Die beiden Brüder wissen, was es bedeutet, ein Champion zu sein. In ihrer 25-jährigen Wrestling-Karriere konnten sie sich schon mehrfach mit einem Champion-Gürtel schmücken und haben dafür mehr als nur Blut, Schweiß und Tränen gegeben.

Der Weg zum Champion

Ein Leben, ausgerichtet auf den Wrestlingsport. "Für Wrestling musst du sehr viel opfern. Du kannst erstmal keine Beziehungen eingehen. Du bist 24 Stunden ein Wrestler", sagt Shaqiri, der bei den beiden Brüdern trainiert und in Neukölln von der ganz großen Karriere träumt. "Du musst jeden Tag ins Fitness-Studio und an deinem Wrestling-Charakter arbeiten", fügt er hinzu. Nur wer mit einem polarisierenden Charakter, durch Charme, eine besondere Brutalität oder Verrücktheit, die Zuschauer in die Halle lockt, habe eine Chance, ganz groß rauszukommen, sagt Shaqiri.

 
Doch die Grundlage ist nicht zuletzt das harte körperliche Training, und ganz ungefährlich ist das nicht. Wenn sich die verschwitzten Wrestler durch die Gegend schmeißen, entsteht eine Geräuschkulisse, die suggeriert, dass sich bei jedem dieser Stunts jemand schwer verletzt. Zwar gibt es ein ausführliches Aufwärmen, um Verletzungen vorzubeugen, doch trotzdem kommt es immer wieder vor, dass bei den Bewegungen die Entfernung falsch eingeschätzt wird.
 
Platzwunden, gebrochene Schlüsselbeine, Ellenbogen odr Hüften erschrecken hier keinen mehr. Trainer Hussen Chaer berichtet von weitaus schlimmeren Verletzungen, wie einem abgerissenen Ohr oder einem herausgerutschten Auge: "Es sind halt eben Stunts und bei einem Stunt gibt es auch immer ein Risiko." Auch Shaqiri ist sich sicher: "Du musst sehr, sehr viel einstecken können."

Kein Sport für das große Geld - meistens

Erst seit 1995 gibt es in Deutschland die German Wrestling Federation (GWL), mitgegründet von Ahmed und Hussen Chaer und damit auch richtige Shows. Doch um als Wrestler davon zu leben, reicht das noch lange nicht. Trainer Ahmed Chaer, der unter dem Pseudonym "Dr. Perfect" dreizehn Championstitel gewonnen hat, berichtet von 15 D-Mark als erster Gage. "Wenn man sagt, man möchte Geld machen und deswegen Wrestler werden, ist Wrestling definitiv die falsche Adresse", so Ahmed Chaer. "Umso größer der Name ist, umso mehr Geld kannst du eben auch verdienen", fügt Bruder Hussen hinzu.
 
Wie man seinen Namen größer machen kann, lehren ebenfalls die Wrestling-Brüder in Neukölln: "Wir haben oft Promo-Training. Da bringen wir den Leuten bei, ihre Shows vor der Kamera zu hypen, damit die Leute ein Ticket kaufen", so Ahmed Chaer. Die beiden Brüder wissen, wovon sie reden, denn sie haben es geschafft, in dem hart umkämpften Sport Fuß zu fassen und mit Wrestling ihren Lebensunterhalt finanzieren zu können. Aber auch neben den Shows haben Wrestler die Möglichkeit, Geld zu verdienen. Durch die Verbindung von Sport und Entertainment könnten sie beispielsweise auch in Filmen als Stunt-Menschen gebucht zu werden.

Entertainment oder Sport, was denn nun?

Für das perfekte Entertainment dürfe also nichts fehlen: "Jeder Schlag, den wir nehmen, kann gefährlich sein", so Wrestler Shaqiri. Nur wer austrainiert sei und das perfekte Verhältnis aus Kondition, Koordination und Kraft besitze, könne auch beim Wrestling bestehen.
 
Die Wrestling-Liga in den USA hat mit ihrer Namensänderung von "World Wrestling Federation" (WWF) zu "World Wrestling Entertainment" (WWE), einen großen Teil dazu beigetragen, die Frage des Spannungsverhältnisses zwischen Entertainment und Sport zu beantworten. "Sports Entertainer" ist der Name, der immer wieder fällt, auf die Frage, wie sich Wrestler eigentlich selbst bezeichnen würden. "Wrestling ist wie ein Live-Action Programm, wo du sitzt und dir einen Live-Action Film ansiehst", sagt Trainer Hussen Chaer, der unter dem Namen "Crazy Sexy Mike" schon etliche Titel gewonnen hat.
 
Trotz all den Einblicken hinter die Kulissen, ein paar Geheimnisse behalten die "Sports Entertainer" dann doch noch für sich. Ob eine Wrestling-Show eine Choreografie ist oder nicht, will Trainer Chear nicht preisgeben: "Hast du schon mal einen Zauberer gesehen, der seine Tricks verrät? Auch wir verraten unsere Tricks nicht. Es ist immer noch eine Illusion, aber die soll es auch bleiben."
 
Doch egal ob Entertainment, Leistungssport oder Illusion - eins wird klar, sobald man den Wrestlern in Neukölln etwas näherkommt: Wrestling bedeutet Leidenschaft und die bringen all die jungen Wrestler und Wrestlerinnen hier mit.

Sendung: rbb UM6, 13.10.2021, 18 Uhr

rbb | Stand: 21.10.2021, 14:07

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