Archivbild: Sportdirektor Oliver Ruhnert, Praesident Dirk Zingler, 1. FC Union Berlin. (Quelle: imago images/J. Huebner)

Fußball | Bundesliga Die neue Transferstrategie des 1. FC Union

Stand: 05.06.2022 11:29 Uhr

Union Berlin ist in der Bundesliga angekommen. Dabei haben auch viele gute Neuzugänge geholfen. Nun hat der Verein seine Transferstrategie erweitert, um auch finanziell zur Konkurrenz aufzuschließen.

Von Till Oppermann

Union-Neuzugang Tim Skarke hat als Kind in Oliver-Kahn-Bettwäsche geschlafen. Man könnte sagen, dass dieser "Fakt über Tim", wie die Eisernen in ihrer Mitteilung zur Verpflichtung des 25-Jährigen schrieben, die überraschendere Nachricht ist als der Transfer selbst. Skarke kommt ablösefrei aus der zweiten Liga, spricht Deutsch und wird bei Union in der Bundesliga debütieren.

Damit folgt er auf Fußballer wie Paul Jaeckel, Kevin Behrens, Robert Andrich und Sven Michel, die alle mindestens zwei dieser Kriterien erfüllten. Gemeinsam mit erfahrenen Routiniers wie Neven Subotic, Christian Gentner und Max Kruse, dem anderen Eckpfeiler der Transferstrategie, waren Zweitligakicker bislang Unions Beuteschema.

Union ändert die Transferstrategie

Das bleiben sie auch in Zukunft, wie die Verpflichtung von Tim Skarke beweist. Und trotzdem scheint sich bei den Unionern etwas zu ändern. Der erste Transfer des Sommers war mit Innenverteidiger Danilo Doekhi zwar ebenfalls ein ablösefreier, aber der 23-Jährige kommt als ehemaliger Kapitän des niederländischen Europapokalteilnehmers Vitesse Arnheim nach Köpenick.

"Union ist eine riesige Chance für mich und ich will den Verein auf seinem Weg weiterbringen", schwärmte Doekhi. In Dirk Zinglers Ohren muss das wie Musik klingen. Seit Jahren eilt der Verein, dem er als Präsident vorsteht, von Erfolg zu Erfolg.

Zingler: "Wir nehmen nicht am Katzentisch Platz"

Das liegt auch daran, dass der Chef seine Mitarbeiter mit ehrgeizigen Zielen antreibt. Dauerhaft wolle man zu den Top 20 des deutschen Fußballs gehören, forderte Zingler in den Jahren vor dem Aufstieg 2019 gebetsmühlenartig. Nach der zweiten Europapokal-Qualifikation in Serie sagt er: "Wir nehmen nicht am Katzentisch Platz."

Nach drei Jahren in der Bundesliga verhält sich Union wie ein etablierter Erstligist. Das bewies der zweite Transfer des Sommers. Für schätzungsweise vier Millionen Euro wurde der U-21-Nationalspieler Jamie Leweling aus Fürth verpflichtet. Wie Doekhi steht Leweling für die neue dritte Säule im Transferkonzept: entwicklungsfähige Spieler, die den 1. FC Union nicht nur sportlich verbessern, sondern in Zukunft hohe Verkaufserlöse versprechen.

Der Klub muss sich finanziell entwickeln

Erneut ist es ein Satz von Zingler, der die Hintergedanken dieser Strategie erklärt: "Wenn wir sportlich erfolgreich sind, müssen wir versuchen, aus diesem sportlichen Erfolg auch unsere Einnahmen zu steigern." Neben verbesserten Sponsoring- und Fernseheinnahmen geht das eben über Transfers. So weit, so trivial.

Doch in Unions Fall markiert diese Wechselperiode einen Wendepunkt. Zwar hat der Verein auch im vergangenen Jahr mit Paul Jaeckel, Tymoteusz Puchacz und Taiwo Awoniyi einige jüngere Spieler verpflichtet, aber im Kampf um Leweling setzte sich Union gegen mehrere Ligakonkurrenten durch. Die Köpenicker besitzen nach ihren sportlichen Erfolgen also nicht nur die Absicht, sondern auch die Kraft, sich in den umworbenen Markt der Shootingstars einzumischen.

Andere Vereine stehen besser da

Mit einem klaren Ziel: Der Verein muss sich finanziell entwickeln, um strukturell mit den neuen Ansprüchen mithalten zu können. Unions 17 Millionen Euro negatives Eigenkapital waren am Ende des Geschäftsjahres 2020 im Ligavergleich das schlechteste Ergebnis. Vergleichbare Vereine wie der SC Freiburg, die ebenfalls erfolgreich mit Vorliebe auf deutsche Spieler und Konstanz bei den Verantwortlichen setzen, stehen deutlich besser da.

So haben die Freiburger trotz der unterbrochenen Corona-Saison und der Geisterspiele im Geschäftsjahr 2020 mit 9,8 Millionen Gewinn das beste Ergebnis der Liga eingefahren. Solides Wirtschaften und die lange Bundesligazugehörigkeit verschaffen den Breisgauern ein festes Fundament. Dafür, dass das der Unioner bei ausbleibendem Erfolg nicht im märkischen Sand verläuft, sind Transfererlöse der passende Stahlbeton.

Union macht sich unabhängig

Die Architekten des sportlichen Erfolgs sind Sportdirektor Oliver Ruhnert, der Jahr für Jahr wichtige Spieler ersetzen musste und den Kader trotzdem kontinuierlich verbessert hat und Trainer Urs Fischer, der für den sportlichen Erfolg der Mannschaft verantwortlich ist. Eine Statistik beschreibt ihren Wert für den Klub wohl am besten. Union gibt in der Bundesliga im Schnitt pro erreichtem Punkt am wenigsten Geld aus

Dass die beiden nach wie vor gerne für Union arbeiten, liegt sicherlich auch daran, dass sich die Anforderungen und Aufgaben in ihren Jobs durch die rasante Entwicklung des Vereins ständig verändert haben. Trotzdem beginnt der Verein mit den Vorbereitungen für eine Zeit nach ihnen.

Mehr Verantwortung für Parensen

Ab der kommenden Saison soll Michael Parensen mehr Verantwortung tragen. Parallel zu seinem Manager-Lehrgang wird der langjährige Publikumsliebling Ruhnerts Aufgaben im Tagesgeschäft übernehmen und rund um die Mannschaft präsenter sein. Ruhnert bleibe weiter Chef der Abteilung, sagt Zingler. Aber: "Oli wird sich noch stärker um Kaderplanung kümmern, wird mehr draußen sein, wird sich mehr Spieler persönlich anschauen."

Union bietet das zwei große Vorteile. Einerseits bildet der Verein mit Parensen den zukünftigen Sportdirektor selbst aus. Andererseits kann sich Ruhnert seinem Kerngeschäft widmen, um Spieler zu finden, die Union sportlich und finanziell weiterbringen. Wer seine Erfolgsquote bei Transfers kennt, weiß: Für die Konkurrenz ist das keine gute Nachricht.

Sendung: rbb24 Inforadio, 05.06.22, 12:15 Uhr