Sebastian Brendel (l) und sein Teamkollege Tim Hecker jubeln über die Goldmedaille bei der Kanu-WM in Kanada. Quelle: dpa/The Canadian Press/AP | Darren Calabrese

Kanu-WM in Kanada Deutsche Kanuten feiern Medaillenregen

Stand: 08.08.2022 10:23 Uhr

Sie gelten als Medaillengaranten und haben wieder einmal geliefert, die deutschen Kanuten. Im Kampf um Gold, Silber und Bronze versammelte sich die gesamte Weltelite in Neuschottland - eine WM ganz nah dran und doch so fern. 

Von Jonas Schützeberg

Laut klackte der schwarze Absatz am Samstag auf dem Asphalt. "Flag party to the left", ertönte das Kommando und die drei Soldaten setzten sich in Bewegung. Drei Gestalten in Anzügen, ohne Mimik im Gesicht, gesäumt von goldenen Verzierungen am Revers und dem roten Ahornblatt auf der Brust. Mit den Länderfahnen der Medaillengewinner über den Unterarm gelegt, marschierten sie zur Siegerehrung. Ein Bild, was sich am vergangenen WM-Wochenende oft wiederholte.

Das Ausnahmetalent hielt dem Druck stand

Während der Zeremonie zitterten die Beine von Jacob Schopf hinter dem Regattahaus auf dem Holzsteg. Er grinste, aber ruhig stehen war nach dem Rennen nicht möglich - noch nicht. Das Laktat im Blut schoss durch Schopfs Körper. Seine Freundin Emily, die heimlich nach Kanada gereist war, um ihn zu überraschen, hängte ihm die Medaille um den Hals. Ein kurzer Kuss und Schopf wirkte mehr als zufrieden. Zwei Medaillen, Silber im Vierer und Bronze im Einer, innerhalb von nur einer Stunde, es war harte Arbeit für den 23-Jährigen.

"Auf den letzten Metern habe ich nur noch Sterne gesehen und überall ist Wasser gespritzt. Wir sind unser bestes Rennen diese Saison gefahren, so dicht waren wir vorher nie an den Spaniern dran", beschrieb es der Potsdamer. Der Druck zuvor war groß, denn der K4 der Herren gilt als das Aushängeschild des Verbandes. Schopf hat den freien gewordenen Platz im Vierer des großen Ronald Rauhes eingenommen, der seine Karriere im vergangenen Jahr beendet hatte. Gemeinsam mit seinem Teamkollegen vom KC Potsdam, Max Lemke, konnte er die Silber-Medaille genießen.

Neuschottland verzaubert die Kanuten und ihre Weltmeisterschaften

Es war eine besondere WM, nicht wie üblich auf den großen bekannten Regattastrecken Europas. Nova Scotia oder Neuschottland ist eine Halbinsel, ganz an der Ostküste Kanadas gelegen. Die Gegend versprüht den Charme unendlicher Weite am Atlantik. Ungewöhnliche 27 Grad sind die ersten Vorboten des Indian Summers. Breite Straßen, große Autos, die in europäischen Städten kaum ein Parkplatz finden würden, und ein Meer aus Strommasten-Geflechten schlängeln sich durch riesige Mischwälder und Seen.

Die Kanu-WM hatte das kleine Städtchen Dartmouth bei Halifax fest im Griff: Plakate hingen überall, Kanada-Flaggen wehten von den Balkonen rund um den kleinen "Lake Banook". Ein Holzsteg voll mit Zuschauern in Fan-Shirts schlängelte sich entlang des Ufers.

"Ich bin überwältigt, was die hier auf die Beine gestellt haben"

Slushed-Ice, Burger, Pizza und Bagels in kleinen Zelten ließen hier keinen verhungern. Selbst auf den Bierdosen war einer der ortsansässigen Kanuvereine verewigt. "Ich bin überwältigt, was die hier auf die Beine gestellt haben. Die Stimmung ist extrem gut, überall am Ufer stehen Fans und feuern einen an, das wird richtig laut, wenn wir vorbei paddeln", sagte Schopf mit leuchtenden Augen.

300 Kindern paddeln im Sommer täglich auf dem gut 1.000 Meter langen See. Kanufahren ist hier Volkssport. "Kanada ist ein Kanu begeistertes Land, die Fans sind super. Es arbeiten über 600 Volunteers, das ist eine riesige Kanu-Familie. Die Menschen sind freundlich und helfen überall", erklärte Olympiasieger Sebastian Brendel.

"Ich freue mich, jetzt endlich richtiger Weltmeister zu sein"

Für Brendel selbst wurde die WM zu einem Mammutprogrammen. "Wir trainieren das ganze Jahr, ackern jeden Tag im Winter, ohne und zu messen. Daher kann ich es immer kaum abwarten, bis es endlich losgeht mit den Wettkämpfen", beschrieb Brendel. Der König der Canadier startete vier Mal und kann drei Medaillen mit nach Hause bringen, unter anderem Gold im Zweier über 1.000 Meter mit seinem Berliner Partner, Tim Hecker.

Für Brendel war es die insgesamt 13. Goldmedaille, für Hecker (Sportclub Berlin-Grünau) der erste Titel: "Es war super geil, ein mega Rennen. Ich freue mich, jetzt endlich einen richtigen WM-Titel zu haben." Der Frust über den vierten Platz auf der olympischen Distanz vom Vortag war vergessen.

Und mindestens zwei weitere Personen strahlten, die Eltern von Tim Hecker, umhüllt von einer Flagge, mit Cowboyhut und Schminke im Gesicht, alles in den deutschen Farben. "Das ist einfach genial, seine größten Unterstützer bei sich zu haben, ist immer unglaublich schön. Die waren von Anfang an immer dabei, das ist einfach Wahnsinn", fügte der 24-jährige Berliner hinzu.

Erfolgreiches Abschneiden für den deutschen Kanu-Verband

Für den Deutschen Kanu-Verband war es eine erfolgreiche WM, mit insgesamt 14 Medaillen, zwei in Gold, sieben in Silber und fünf in Bronze, auch wenn ein Sieg in den Olympischen Disziplinen ausblieb. "Wir haben in einem schwierigen Jahr sehr gut abgeschnitten, coronabedingt, aber auch im Spagat zwischen Studium, Ausbildung und Sport. Vor allem die vier olympischen Medaillen lassen in Richtung Paris hoffen", ordnete die Bundestrainerin Diagnose, Tina Kövari, ein.
 
Aus Berliner und Brandenburger Sicht gewannen Annika Loske (zweimal Silber), Sophie Koch (Silber), Jacob Schopf (Silber, Bronze), Sebastian Brendel (Gold, Silber, Bronze), Tim Hecker (Gold), Martin Hiller (Gold), Tamasz Grossmann (Gold) und Max Lemke (Silber) die Medaillen.
 
Und dann war sie vorbei, diese WM. Ein letztes Mal marschierte die "flag party" zu den Masten. Auf der Tribüne übergab der kanadische Kanu-Präsident das Wort an den deutschen, denn Duisburg wird im kommenden Jahr die Welttitelkämpfe austragen. Der Zuschauerbereich hatte sich da schon stark ausgedünnt. Nur zwei Edelfans standen immer noch da, hielten die deutsche Fahne hoch und nahmen jeden WM-Moment mit, bis ins kleinste Detail - Jessy und Thomas Hecker, stolze Weltmeister-Eltern.

Sendung: rbb24, 08.08.22, 21:45 Uhr