Alba Berlins Kapitän Luke Sikma beim zweiten Finalspiel des FC Bayern gegen Alba Berlin am 14.06.2022 in München (Quelle: imago images / kolbert-press/Ulrich Gamel).

Alba gewinnt auch das zweite Finalspiel gegen die Bayern Dem Himmel so nah

Stand: 15.06.2022 03:27 Uhr

Alba Berlin besteht auch im zweiten Finalspiel und besiegt die Bayern in München mit 71:58. Beide Teams spielen nervös - aber Alba lässt kaum Zweifel daran, dass es die dritte deutsche Meisterschaft hintereinander gewinnen wird. Von Sebastian Schneider

Aus dem Hintergrund müsste Lucic schießen, aber Lucic ist nicht mal in der Halle und man ahnt: Die Münchner stecken in der Tinte. Spiel 2 der Finalserie um die deutsche Meisterschaft am Dienstagabend, das erste hat der stolze FC Bayern in Berlin schon abschreiben müssen, vor den eigenen Fans in München sollte dieser Makel doch wieder zu beheben sein. Soweit der Plan.
 
"Nehmt Eure rot-weißen Klatschpappen, steht alle auf!", ruft der Hallensprecher und die 6.500 Fans in der ausverkauften Rudi-Sedlmayer-Halle tun wie ihnen empfohlen und machen Krach. Beide Teams beginnen die Sache nervös, fahrig, lauernd. Kein Überpowern zu Beginn, keine Fantasiewurfquoten. Eher miese Quoten. Münchens Superschütze Andi Obst fühlt es noch nicht, er versemmelt seine ersten beiden Dreier.
 
Die Sportwettenanbieter sahen die Münchner vor der Angelegenheit am Dienstag noch immer weit vorne, ja gut, die Verletzten, ja gut, die arg schnaufenden Profigesichter bei der Niederlage in Berlin, aber: "Das Spiel war ein Tritt in den Hintern, unsere Antwort gibt es am Dienstag auf dem Feld", verkündete der Trainer der Münchner, Andrea Trinchieri vorab.
 
Der Typ für die besten Antworten war in den vergangenen Jahren auf jeden Fall Vladimir Lucic aus Belgrad, Münchens Fixpunkt und Anführer, Spitzname "Baby faced killer", der wohl beste Spieler der Liga. Einer, der seine Kraft daraus zieht, dass es gegen ihn läuft. Aber fit ist er schon lange nicht mehr, am Ende von Spiel 1 griff sich der 32-Jährige an die Rückseite seines Oberschenkel und humpelte raus. Was kranke oder verletzte Spieler wirklich haben, wird in Playoff-Serien traditionell streng geheim gehalten, man will dem Gegner keine Schwäche zeigen. Als es nicht mehr zu vermeiden war, teilten die Bayern am Dienstag mit, Lucic fehle wegen "muskulärer Probleme im Adduktorenbereich". Das ist alles.

Maodo Lo
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Kein Dreier muss her

Aber wie sehr er seinem Team fehlt, das kann an diesem Abend hier jeder in Lucics Habitat Obersendling sehen, egal ob im weißen Gratis-Shirt, das der Verein auf jedem der 6.500 Sitze drapierte, oder in gelb und blau links oben unterm Dach. Da schlachtenbummeln die Alba-Fans, 597 Kilometer sind sie am Morgen die A9 runtergezuckelt, 597 werden sie nach Spielende wieder hochzuckeln. Man schwitzt heute in der Halle fast so arg, wie draußen unter der Münchner Junisonne.
 
Beide Mannschaften vergurken heute von draußen das, was sie beim ersten Spiel in Berlin reingehauen haben. München fällt wenig anderes ein, die Fast Breaks kommen nicht in Gang, den Pick'n'Roll verteidigt Alba gut, auch unter den Brettern siehts für Bayern mau aus. Die Berliner dagegen haben wieder die richtigen Händchen: der zirka 2,21 Meter lange Christ Koumadje macht seine Sache gut, Olinde und da Silva überzeugen beim Abgreifen ebenfalls, sie holen je sechs Rebounds und bringen Alba immer wieder zweite Chancen. Auch Albas Anführer Luke Sikma, zuletzt ein wenig der Passivität verdächtigt, gibt seinem Team genau was es braucht. Er spielt energischer, konkreter. Mit seinen elf Punkten trägt er entscheidend dazu bei, dass der Titelverteidiger viel öfter in der Zone erfolgreich ist als die Bayern.
 
Und Sikma beweist wieder sein Gespür für das, was auch eine Gruppe von Berufssportlern im Scheinwerferlicht braucht: Spaß bei der Arbeit. Beim Einwerfen scheitert Sikma bei einem lockeren Dunkversuch und seine Kollegen lächeln, er auch. Beim zweiten Mal klappt es und Sikma stößt einen übertrieben bescheuerten Brunftschrei aus. Jetzt lachen sich alle kaputt. Es sind Kleinigkeiten, vom Rumkaspern ist noch keiner deutscher Meister geworden. Aber beobachtet man die Bayern, lacht da keiner, und man sieht, was ein fehlendes Ventil ausmachen kann.

Archivbild: Vladimir Lucic München, No.11; Oscar Da Silva Alba Berlin, No.01. (Quelle: imago images/T. Wiedensohler)

Einer von denen, bei denen man vor allem merkt, wenn sie nicht da sind: Vlado Lucic, hier ein Bild aus gesünderen Zeiten, fehlte den Bayern am Dienstag extrem.

München muss öfter foulen

Alba dominiert das Spiel in der ersten Hälfte nicht, aber gibt die Kontrolle über das Geschehen nie ab. Nach knapp sieben Minuten muss der eigentlich nur im Notfall eingeplante Paul Zipser für die Münchner ran, weil Trinchieri durch Lucics Ausfall die Alternativen ausgehen. Der Trainer tut Zipser damit keinen Gefallen. Ein Freund großer Rochaden wird er in diesem Leben nicht mehr und das macht sich nun im zweiten Jahr in Folge negativ bemerkbar.
 
Die Münchner rutschen im zweiten Viertel ganz schnell über die Teamfoulgrenze und kassieren dadurch früh Freiwürfe, überhaupt sammeln sie in diesem Spiel 20 Fouls, verglichen mit elf bei Alba. Indizien dafür, dass die Gastgeber oft einen Schritt zu spät kommen, weil sie nicht mehr im Vollbesitz ihrer Kräfte sind. Bayern hatte 82 Saisonspiele, aber Alba nur zwei weniger.
 
Sikma macht sich links neben dem Korb Platz, ahnt wo der Ball runterkommt, unmöglich, ihn da jetzt wegzuschieben. Er punktet. Bayerns Ognjen Jaramaz, zuletzt von Trinchieri nicht eingesetzt, tänzelt, täuscht, wird einen spektakulären Dreier los. Den wollte er genau so hab...da fällt auf der Gegenseite schon wieder der nächste Distanzwurf, diesmal war's Maodo Lo für Berlin. Was die Bayern auch versuchen, es verfängt nicht, bringt nichts in die Gänge. Zur Halbzeit führt Alba mit 38:26.

Bayerns Ehrenpräsident Uli Hoeneß (zweite Reihe rechts) mit FCB-Vorstand Hainer beim zweiten Finalspiel des FC Bayern gegen Alba Berlin am 14.06.2022 in München (Quelle: imago images / kolbert-press/Ulrich Gamel).

Nicht amüsiert: Der FC-Bayern-Ehrenpräsident Uli Hoeneß (rechts) betrachtete das Geschehen mit sparsamer Mimik.

Lektionen in Demut

Bemerkenswert ist: Es geht so weiter, Bayern kommt nicht eben bedrohlicher aus der Kabine. Pass Maodo Lo nach rechts auf Luke Sikma, der hätte eigentlich freie Bahn, aber sieht von links Kollege Lammers heranspurten. Sikma spendiert den Extrapass und alle wissen was man jetzt nicht mehr verhindern kann: Lammers steigt hoch und stopft das Ding. Bayern wird dann und wann gefoult, aber Bayern braucht jetzt irgendwas Zündendes.
 
Der hochpreisiger Scorer Deshaun Thomas, Münchens Topscorer mit 13 Zählern, macht seinen Job. Er geht eins gegen eins und punktet irgendwie. Sie bräuchten jetzt auch dringend Zählbares von Schützenkönig Obst, aber der deutsche Nationalspieler vergibt erneut, am Ende kommt er auf zwei von siieben von der Dreierlinie.
 
Annahme: Lucic hätte Gefahr ausgestrahlt, zumindest hätte man ihn beachten müssen, auch wenn er zuletzt bescheiden traf. An ihm hätten sich seine zaudernden Kollegen aufrichten können, jetzt mäandern sie so vor sich hin. Er hätte mal ein bisschen geschimpft, abgelenkt, das Ganze mit der nötigen Theatralik gewürzt. Egal was, Hauptsache man kommt in die Köpfe der Gegner.

Trinchieri nimmt die nächste Auszeit

Aber da, wieder so ein Offensivrebound für Alba, diesmal von Lo, wahrlich keine Büffelstatur. Bayern-Coach Trinchieri reicht es schon wieder, er nimmt die nächste Auszeit und schimpft. Das Publikum verhagelt das alles nicht die Laune, Autoscooter-Techno, T-Shirt-Kanone, großer Jubel. Zwischen all dem Getöse kann man spüren, dass hier heute nichts mehr passieren wird.
 
Der Berliner Point Guard Tamir Blatt wirft schnell vor Ablauf der 24-Sekunden-Uhr, sieht sehr flach aus das Ding, aber das sehen sie bei ihm ja oft. Der Ball küsst das Brett und tropft von da weich durchs Netz. Hat Blatt "Bank shot" angesagt? Dann steht ein Münchner mit dem Fuß auf der Seitenlinie, auf der Gegenseite ein Dunk per Hüpferchen vom Längsten Koumadje. Die Alba-Spieler springen von ihren Auswechselstühlen auf, ballen die Fäuste, brüllen. Bayern kriegt keine guten Anspielstationen, die Passwege sind zugestellt, ihre Aufbauspieler dribbeln rein, wollen den Ball irgendwo durchstecken, aber da geht nichts. Berlin spielt auch nicht am Limit, nicht mal sonderlich berauschend. Aber Bayern hat nicht die Mittel, was daran zu ändern. Vor dem letzten Viertel führt Alba mit 57:43. Der Hallensprecher hält nochmal eine Grundsatzrede, um die Fans in den weißen Shirts anzufachen. Die vielen Verletzten, die meisten Spiele einer deutschen Mannschaft (vergleichbare Teams: 1), eine Heldenstory. Es nützt.

Louis Olinde, Profi von Alba Berlin, steigt im ersten Finalspiel gegen den FC Bayern München am 10.06.2022 in der Mercedes-Benz-Arena zum Dunk hoch (Quelle: imago images / Tilo Wiedensohler).
Alles eine Frage des Chillens

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Fällt nichts ein, fällt nichts rein

In den finalen zehn Minuten setzen die Münchner ihre Muskeln etwas zielstrebiger ein, sie bringen den Berlinern jetzt mehr Autorität entgegen. Sie stoppen einen Fast-Break, nehmen ein Offensivfoul, bringen die Halle nochmal hinter sich. Aber die Zeit läuft für die Berliner. Schon mehr als fünfeinhalb Minuten vor dem Ende reißen ihre Gegner wieder die Teamfouls, gerade der Aufbau Sisko hat defensiv nichts mehr entgegenzusetzen. Alba muss viel Aufwand betreiben, um seine Fehler auszubügeln, aber verteidigt gut. Der Trainer Israel Gonzalez rotiert einfach immer wieder frische Spieler rein. Er nimmt auch im zweiten Spiel der Finalserie keine einzige Auszeit.
 
Bayerns Spiel zerfällt phasenweise, man kann es nicht anders sagen. Deshaun Thomas und Ognjen Jaramaz sollen es vorne richten und versuchen es auch, der eine mit Wucht, der andere mit Wendgkeit. Aber ansonsten sieht hier nichts nach einem Plan A, B oder C aus. Es gibt Missverständnisse, die nicht selten in Notwürfen enden. Die Spielidee für seine elf eingesetzten Profis - Verletzungen hin oder her - bleibt Trinchieris Geheimnis. Zur Pressekonferenz nach dem Spiel kommt er erstmal nicht.

Berlin reicht ein Sieg aus drei Spielen - München braucht drei Siege am Stück

Sikma schleicht sich nochmal unauffällig an der Grundlinie frei, seine 2,03 Meter werden übersehen und er scored. Ein letzter, eher ambitionierter Dreier schafft dann Fakten: Alba gewinnt mit 71:58, solide und reif. Alba hat jetzt drei Matchbälle, ein Sieg und Berlin ist zum dritten Mal in Folge deutscher Meister.
 
Nein, abschreiben sollte man diese Münchner Mannschaft nie. Aber mit den Eindrücken vom Dienstag aus ihrer Halle fällt es schwer, sich vorzustellen, wie sie diese Nummer noch umbiegen wollen. "Ich muss einen Weg finden, dass meine Spieler beim Rebound die Extra-Meile gehen. Denn in dieser Serie gewinnt derjenige die Spiele, der mehr Rebounds holt", sagte Trinchieri später, das alleine aber genügt als Erklärung nicht. Die Devise für Spiel drei laute, gib den Kampf nie auf, nie, sagte der Trainer. Lucic werde auch am kommenden Freitag nicht spielen können.
 
Siegt Alba schon dann, vor den Fans in der Arena am Ostbahnhof, hätte es Bayern aus dem Finale gefegt. Der Oberrang der Halle ist schon freigegeben. Es sieht nach einem ausverkauften Haus aus.

Sendung: rbb24 Inforadio, 14.06.202, 21 Uhr