Hertha-Coach Sandro Schwarz. / imago images/ITAR-TASS

Neuer Hertha-Trainer Das sind die fünf größten Baustellen für Sandro Schwarz

Stand: 09.06.2022 15:08 Uhr

Am 22. Juni startet Hertha BSC mit Sandro Schwarz als neuem Trainer in die Saisonvorbereitung. Schwarz hat sich einem Mammutprojekt verpflichtet, denn die Baustellen der Berliner sind so zahlreich wie groß.

Am 22. Juni startet Hertha BSC mit Sandro Schwarz als neuem Trainer in die Saisonvorbereitung. Schwarz hat sich einem Mammutprojekt verpflichtet, denn die Baustellen der Berliner sind so zahlreich wie groß. Ein Überblick von Marc Schwitzky

1. Klare Spielphilosophie und Achse schaffen

Zu den größten Problemen von Hertha BSC in den vergangenen drei Jahren zählte das Fehlen einer klaren Spielidee. Seit dem Amtsantritt von Ante Covic im Sommer 2019 ist nicht mehr zu erkennen, für welchen Fußball die Blau-Weißen eigentlich stehen wollen. Der ständige Abstiegskampf hat den Pragmatismus walten und jeden Ansatz verkümmern lassen, eine allumfassende Idee der Identität auf dem Feld zu schaffen.

Der neue Hertha-Trainer Sandro Schwarz. / imago images/ITAR-TASS
"Es war eine innere Zerrissenheit jeden Tag"

Am Tag nach seiner Verpflichtung stellte sich der neue Hertha-Coach Sandro Schwarz den Fragen der Medienvertreter. Er erklärte emotional, warum er auch nach Kriegsbeginn Trainer in Moskau blieb - und skizzierte seine Ziele mit Hertha BSC.mehr

Als Folge war Hertha wie kein anderer Bundesligist von den individuellen Formkurven der Spieler abhängig. Hertha-Partien machten oft den Anschein, als hätten sich die Akteure erst kurz vor Anpfiff kennengelernt - keine Automatismen und klare Regeln für das eigene Spiel, stattdessen nur Wankelmut und Stückwerk. Aus diesem Umstand resultierte eine Unsicherheit bei den Spielern, die zeitweise ins Lähmende wuchs. Man kann sich in kein System fallen lassen, das es nicht gibt.
 
Genau hier muss Sandro Schwarz ansetzen und Hertha nach Jahren des panischen Herumirrens endlich wieder eine klare Spielphilosophie verpassen. "Wer mich die letzten Jahre verfolgt hat, weiß, dass wir einen sehr aktiven Spielstil haben und vorwärts gewandt agieren wollen", sagt Schwarz über seinen Ansatz. Er deckt sich mit den Vorstellungen von Geschäftsführer Fredi Bobic, der im vergangenen Winter kritisierte, dass Herthas Spiel jahrelang von großer Passivität geprägt worden sei.
 
Solch ein Fußball ist aber auch eine Herausforderung für einen Verein, da er Zeit braucht, um sich vollends in den Köpfen der Spieler zu setzen. Es müssen also Ruhe und Vertrauen herrschen. Außerdem braucht es eine feste Achse an Spielern, die die Abläufe in jeder Spielsituation abrufen können. Diese gab es trainerunabhängig in den vergangenen Jahren nie.

2. Mentalität und Teamgeist entwickeln

Zugegeben, der Mangel an Zusammengehörigkeitsgefühl ist etwas, das den gesamten Verein durchzieht. "Es geht nur gemeinsam", dürfte der am häufigsten gefallene Satz auf der vergangenen Mitgliederversammlung gewesen sein. Die Grabenkämpfe, Unstimmigkeiten und Ich-AGs haben sich auch auf die Mannschaft übertragen. Ein Miteinander auf dem Feld war nur zu spüren, als die sportliche Situation gar nichts anderes mehr zuließ als einen gemeinschaftlichen Kraftakt fürs Überleben. Hertha hat(te) laut Bobic eine Mannschaft, "die keine Mannschaft war und die verdammt lange gebraucht hat, um sich zu finden".

Hertha-Manager Fredi Bobic (m.) und Finanzchef Ingo Schiller (l.) bei der Mitgliederversammlung. Quelle: imago images/Nordphoto
Ein düsteres wirtschaftliches Bild: Herthas verlorene Wette

Hertha BSC wollte mit dem Investment von Lars Windhorst und seiner Tennor Holding hoch hinaus. Geblieben ist von dem Geld und den Träumen nahezu nichts. Wirtschaftlich steht der Hauptstadtklub kaum besser da als vor den 375 Millionen Euro. Von Marc Schwitzkymehr

Nun ist es an Schwarz, eine Einheit zu schmieden. "Der erste wichtige Punkt ist, als Gemeinschaft aufzutreten: mit unseren Spielern und allen Mitarbeitern", stellte er sogleich klar. Sowohl bei Mainz 05 als auch Dynamo Moskau war Schwarz die menschliche Arbeit mit seinen Schützlingen sehr wichtig. Er pflegt eine äußert enge Beziehung zu seinen Spielern. So nimmt er sie auf seinem Weg mit und schafft ein Wir-Gefühl.
 
Es wird eine der Kernaufgaben sein, dieses Gefühl auch bei Hertha zu implementieren - bei einem Team, das vergangene Saison so zerrüttet war, dass etwas vermeintlich normales wie Mannschaftsabende auf ein mediales Podest gehoben wurden. Aus einer funktionierenden Gemeinschaft entstehen Selbstbewusstsein, Widerstandsfähigkeit und Leidenschaft - eben jene Eigenschaften, die Hertha zuletzt so eklatant vermissen ließ und die die Grundpfeiler des Fußballs sind.

3. Hertha im Angriff unberechenbarer machen

Es hatte etwas Entlarvendes, wie Felix Magath in seiner kurzen Amtszeit immer wieder auf Marvin Plattenhardt verwies, wenn er gefragt wurde, wie Hertha Gefahr entwickeln wolle. Der Trainer-Routinier sollte letztendlich Recht behalten: Es waren im Saisonendspurt und dem Relegationsrückspiel allen voran Plattenhardt Standards und Flanken, die Herthas Abstieg verhinderten. Und doch zeigt es die immensen Lücken im Berliner Angriffsspiel auf, denn aus dem offenen Spiel heraus tut sich kaum ein Bundesligist so schwer wie Hertha. In den drei vergangenen Spielzeiten verzeichnet der Hauptstadtklub den durchschnittlich sechstschlechtesten Angriff, nur 1,2 Tore wurden pro Spiel erzielt.
 
Hier muss Schwarz dringend ansetzen. Der Wille, offensiv etwas zu kreieren, ist Hertha in den letzten Jahren selten abzusprechen gewesen. Immer wieder rannten die Blau-Weißen die gegnerische Abwehr an - nur um dann festzustellen, dass ihnen die Werkzeuge fehlen, sie zu knacken. So mussten es immer wieder individuelle Geistesblitze und die einfache Flanken richten. Gefahr oder gar etwas wie dauerhaften Druck zu entwickeln, gehört (fast) nie zu Herthas Repertoire. Schwarz muss seiner Mannschaft feste Angriffsmuster an die Hand geben, an denen sie sich festhalten kann. Es braucht dringend Lösungen im letzten Angriffsdrittel, um Hertha letztendlich unberechenbarer zu machen.

Fußball-Trainer Sandro Schwarz. / imago images/SNA
Sandro Schwarz ist neuer Trainer von Hertha BSC

Jetzt ist es offiziell: Sandro Schwarz wird neuer Trainer von Fußball-Bundesligist Hertha BSC. Er kommt aus Russland von Dynamo Moskau nach Berlin. In Mainz sammelte der 43-Jährige bereits Erfahrung im deutschen Fußball-Oberhaus.mehr

4. Die Defensive durch eine neue Haltung stabilisieren

Auch hinten drückt der Schuh bei Hertha. Die fehlende Balance im eigenen Spiel und die überdurchschnittliche Zahl individueller Fehlern hat sich die "alte Dame" in den vergangenen Jahren zu einer der Schießbuden der Liga entwickelt. Von der so stabilen Defensive, die Pal Dardai 2019 in die Hände anderer gab und zwischenzeitlich selbst wieder prägte, ist nichts übrig. Mit 71 Gegentoren hatte Hertha vergangene Saison die zweitschlechteste Abwehr, nur Absteiger Fürth war fragiler. Das hat etwas mit der passiven Haltung zu tun, die Gegner nahezu einlud, Druck auszuüben und zwangsläufig (einen) Treffer zu erzielen.
 
Schwarz verfolgt hier eine diametrale Philosophie, die aus der Mainzer Schule von Trainer-Legende Wolfgang Frank stammt. "Die Basis wird immer die Arbeit gegen den Ball sein: geordnetes Anlauf- und Defensivverhalten, Vorwärtsverteidigen, solche Dinge. Daraus resultiert für uns alles" erklärte er 2019 gegenüber "Spox" die DNA seines Spiels. "Wenn wir das Gefühl haben, aktiv drin zu sein im Spiel, aktiv vorwärts zu verteidigen, dann haben wir mit Ball auch gleich eine bessere Dynamik und Intensität." Es wird Zeit brauchen, diese Idee in das pomadige Berliner Spiel zu weben, aber es ist alternativlos, um in der Fußball-Moderne anzukommen.

5. Bessere Einbindung der Jugend

Ein zentraler Aspekt der Arbeit von Sandro Schwarz wird zudem die aktive Förderung der Jugend sein - seien es Eigengewächse oder von extern hinzugeholte Talente. Das Arbeiten mit jungen Spielern bietet gleich zwei Vorteile.Zum einen schaffen Spieler, die aus der Region kommen und die Jugendstationen des Vereins durchlaufen haben große Identifikation bei den Fans. Besonders ein Verein wie Hertha, der seinen Weg zuletzt verloren hat, profitiert davon.

Sandro Schwarz
Wer kennt diesen Mann?

Kann Sandro Schwarz Hertha BSC? Die Bundesliga verbindet mit dem einstigen Mainz-Trainer wenige Erinnerungen. Im rumorenden Hauptstadtklub soll er für Ruhe sorgen. Ausgerechnet mit Union Berlin hat Schwarz zwei Rechnungen zu begleichen. Von Shea Westhoffmehr

Zum anderen ist die "alte Dame" wirtschaftlich längst nicht mehr so gut aufgestellt wie zu Beginn des Windhorst-Investments. Schlechte Investitionen und Corona haben Herthas Kassen gelehrt, es muss im zweiten Jahr infolge ein Transferplus von über 20 Millionen Euro erzielt werden. Eigengewächse und junge Talente kosten entweder keine oder nur eine geringe Ablöse, mit ihnen kann Hertha den aktuell notwendigen Weg wirtschaftlich vernünftig einschlagen.
 
Schwarz gilt als exzellenter Jugendförderer. In Mainz sind Talente wie Ridle Baku, Jonathan Burkardt, Leandro Barreiro, Florian Müller oder Robin Zentner unter ihm debütiert - sie und viele weitere, von außen hinzugeholte Talente hat Schwarz signifikant weiterentwickelt. Dasselbe ist ihm auch in Moskau gelungen, wo er mit Arsen Zakharyan und Konstantin Tyukavin zwei Eigengewächse zu russischen Nationalspielern geformt hat.
 
Kurzum: Schwarz schafft Marktwerte. Hertha BSC verfügt über eine herausragende Jugend, die Akademie produziert jedes Jahr neu Profi-Spieler. Zuletzt ist es aber schwer gefallen, jene Talente längerfristig an sich zu binden und bei sich wachsen zu lassen: Arne Maier, Luca Netz, Lazar Samardzic gehen ihren Weg mittlerweile außerhalb von Berlin, um Marton Dardai und Jordan Torunarigha gibt es zahlreiche Wechselgerüchte. Es wird ein großes Anliegen von Schwarz und Bobic sein, die eigene Jugend wieder besser einzubinden, Identifikationsfiguren zu schaffen und Marktwerte zu generieren, die Hertha beim finanziellen Gesunden helfen.