Fredi Bobic, Manager bei Hertha BSC

Kaderplanung bei Hertha Bobics Baustelle

Stand: 21.06.2022 12:23 Uhr

Hertha BSC befindet sich erneut im Umbruch. Geschäftsführer Fredi Bobic ist darauf angewiesen, Geld zu erwirtschaften. Gleichzeitig wünscht sich Trainer Sandro Schwarz eine gute Truppe.

Über Ziele wollte Sandro Schwarz bei seiner Vorstellung am Montag lieber nicht reden. "Es geht ums Machen", entgegnete der neue Trainer des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC vielsagend. Worte, die man durchaus als Auftrag für seinen neuen Chef Fredi Bobic interpretieren könnte.
 
Denn zu den obligatorischen Leistungstests am Anfang der Vorbereitung glich Herthas Kader weiter einer großen Baustelle. Laut Bobic könnte das noch eine Weile so bleiben. "Wir müssen mehr einnehmen als wir ausgeben", entschuldigt der Geschäftsführer des sportlichen Bereichs. Demnach seien die Planungen erst mit dem Ende des Wechselfensters Anfang September abgeschlossen.

Sandro Schwarz bei seiner Vorstellung als Hertha-Trainer. Quelle: imago images/Matthias Koch
"Wir wollen nicht groß über Ziele reden, sondern erstmal machen und fleißig sein"

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Die Zwänge des Fredi Bobic

Die angespannte finanzielle Lage der Herthaner diktiert Bobics Rahmen für diesen Transfersommer. Wie schon in seiner ersten Transferphase, als der Boss unter anderem durch die Verkäufe von Matheus Cunha und Jhon Cordoba hohe Ablösesummen einstrich, gilt Bobics Hauptaugenmerk der Sanierung des Vereins. Bobic möchte also durch Verkäufe aus dem Kader, der sich nun drei Saisons in Folge in akuter Abstiegsgefahr befand, gleichzeitig Geld in den Verein bringen und eine Mannschaft aufstellen, die sportlich schlagkräftiger ist als im letzten Jahr.
 
Kein leichter Auftrag, besonders wenn man bedenkt, dass mit Spielern wie Dodi Lukebakio Leihgaben mit hohen Gehältern zurückkehren, die das Budget mit horrenden Gehältern weiter belasten. Die beiden ersten Transfers des Sommers gaben die Richtung vor: Die Verteidiger Filip Uremovic und Jonjoe Kenny waren jeweils ablösefrei.

Schwarz' Fußball bietet Rahmen

Mit dem laufstarken Kenny konnte Bobic seine Planungen immerhin auf der rechten Abwehrseite abschließen. Dabei half sicher, dass Sandro Schwarz intern schon lange als neuer Hertha Trainer feststand. Der Ausgang der Relegation habe keinen Einfluss auf seine Entscheidung gehabt, so Schwarz. "Ich wollte diese Herausforderung in Berlin ligaunabhängig angehen." Deshalb blieb ihm in den letzten Wochen viel Zeit, sich mit Bobic und dessen Kaderplaner Dirk Dufner über die Mannschaft zu verständigen.

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In diesen Gesprächen besprachen der Trainer und seine neuen Kollegen ihre ähnlichen Vorstellungen. Sie wollen Hertha zu einer aktiv verteidigenden Gegenpressing-Mannschaft formen, die mit viel Druck spielt. Im Vergleich zu den passiven Ansätzen der letzten drei Trainer Pal Dardai, Tayfun Korkut und Felix Magath ist das eine Revolution. Die Anforderungen an Spieler sind klar: Bei Hertha sind nun Laufstärke, Tempo, taktische Disziplin und proaktives Verteidigen gefragt. Wer das nicht beherrscht, passt nicht ins System.

Der Gegensatz von Sport und Finanzen

Mit dem Abgang von Ishak Belfodil hat Bobic bereits eine erste Entscheidung in diese Richtung getroffen. Zwar war der Algerier im Saisonendspurt einer der Garanten für die Rettung, aber seine pomadige Rückwärtsbewegung und das fehlende Tempo im Anlaufverhalten passen nicht zu Herthas Plänen. Zumal Belfodil nicht schlecht verdiente. Doch nicht immer passen sportliche Wunschvorstellungen und der Sparzwang so gut zusammen, wie in seinem Fall. Wenn Sandro Schwarz an die Relegation denkt und lobt: "Der Kader hat auf jeden Fall Geschwindigkeit und kann aktiv verteidigen und auch spielen", dann meint er besonders die Sechser Santiago Ascasibar und Lucas Tousart.
 
Sie beherrschten mit Lauf- und Zweikampfstärke das Mittelfeld und verschafften Hertha so die nötige Dominanz. Leider gehören ausgerechnet die beiden defensiven Mittelfeldspieler, die im Rekordwinter 2020 kamen, zu den Topverdienern. Ascasibar hat seinen Abgang bereits angekündigt. Tousart wird aufgrund seines hohen Gehalts wahrscheinlich folgen. Obwohl beide perfekt in die neue Philosophie passen würden. Mit dem Tschechen Axel Kral geistert als möglicher Nachfolger ein weiterer ablösefreier Spieler durch die Gerüchteküche.

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Niemand ist unverkäuflich

"Keiner ist unverkäuflich", sagte Bobic nach der Relegation. Position für Position wird er bei seiner Analyse der Mannschaft jeden einzelnen Spieler nach drei Kriterien einschätzen: Wie viel verdient er? Kann er sich noch entwickeln? Passt er zu Sandro Schwarz‘ Fußball? Besonders Leih-Rückkehrer wie Jordan Torunarigha, Krzysztof Piatek, Omar Alderete, Javairo Dilrosun und Dodi Lukebakio stehen automatisch im Schaufenster.
 
Aber auch Spieler wie der 30-jährige Marvin Plattenhardt, der im Saisonfinale mit seinen Flanken und Freistößen den Klassenerhalt erst ermöglichte und der 31-Jährige Vladimir Darida, mit fünf Assists Herthas bester Vorlagengeber, könnten Hertha ein Jahr vor ihrem Vertragsende verlassen.
 
Für sie stünden bereits intern Lösungen bereit, die unter den passiven Trainern der letzten Saison weniger spielten. Aber Maximilian Mittelstädt ist statistisch einer der proaktivsten Außenverteidiger in Europa und Daridas Verlust könnte Jurgen Ekkelenkamp abfangen, der am Ende des letzten Sommers als Hoffungsträger kam und seither auf das Vertrauen wartet. Diese Tiefe besitzt Hertha nicht auf allen Positionen. In der Vorsaison schossen nur die Absteiger Bielefeld und Fürth weniger Tore als Hertha BSC.

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Ein neuer Angriff

Sandro Schwarz will das ändern: "Meine Mannschaft soll sehr aktiv und mutig nach vorne und gut strukturiert gegen den Ball sein." Dafür müsste sich alles ändern. Denn bei den abgegebenen Torschüssen war Hertha sogar Vorletzter. Wenn es gefährlich wurde, verließ sich das Team meistens auf Einzelaktionen des notorisch verletzten Stevan Jovetic oder des wankelmütigen Achters Suat Serdar. "Er ist sehr aggressiv, sehr aktiv, bei ihm geht es darum, dass er sein Potenzial verlässlich abruft", sagt Schwarz, der Serdar kennt, seit er ihn in der Mainzer B-Jugend trainierte.
 
Was seine Formationen angeht, ist Schwarz flexibel. In Moskau spielte er gerne ein 4-1-4-1 oder 4-1-2-3 mit Flügelspielern, bei Mainz setzte er auf eine Raute ohne klare Außen. Fakt ist aber, dass er für seinen Fußball bewegliche und fitte Offensivspieler braucht. Aus dem aktuellen Kader scheint nur Marco Richter perfekt in diese Beschreibung zu passen. Wenn es also eine Zone gibt, über die Bobic ganz besonders nachdenken muss, dann ist es der Angriff.

Sendung: rbb24 Inforadio, 21.06.2022, 09:15 Uhr