Wenn der Muskel zumacht: Sportler leiden unter Termin-Stress

NDR-Sport

Wenn der Muskel zumacht: Sportler leiden unter Termin-Stress

Von Andreas Bellinger

Die Corona-Krise sorgt für dicht gedrängte Spielpläne im Profi-Sport. Überforderung und viele Muskelverletzungen sind die Folge. Wie können Trainer und Spieler auf das Dilemma reagieren?

Es wird rotiert, wann und wo immer es geht - und doch passieren sie allenthalben: Muskelverletzungen. In der Corona-Krise gehören Blessuren wegen der stetig wachsenden Belastung in allen Ligen mehr denn je zum Sportalltag. Speziell der Fußball hastet durch die Saison, als gäbe es keine körperlichen Grenzen. Die finanziellen Notwendigkeiten prägen das Handeln. Spielerinnen und Spieler sind dabei die Leidtragenden.

"Wegen der Fülle an Einsätzen gibt es im Training nicht mehr die schweren Krafteinheiten, die zum Schutz des Muskels aber notwendig wären", sagt Helge Riepenhof, Chefarzt der Sportmedizin und Rehabilitation am BG Klinikum in Hamburg-Boberg. "Es fehlt schlicht und einfach die Zeit, beispielsweise für das Gewichte stemmen im Gym. Deshalb häufen sich Muskelverletzungen und Ansatzreizungen der Sehnen."

Sportmediziner Riepenhof: Es geht ums Regenerieren

Ein Alarmzeichen, das nicht nur in der Fußball-Bundesliga nach Konsequenzen schreit. "Das Hauptproblem ist, dass vor allem die hintere Oberschenkelmuskulatur nicht mehr regelmäßig genug gekräftigt werden kann", so Riepenhof im Gespräch mit dem NDR. Der 42-Jährige kennt die Verletzungsmuster nicht nur aus dem klinischen Alltag, sondern auch als Direktor Sportmedizin und Sportwissenschaften beim Bundesligisten RB Leipzig.

Dr. Helge Riepenhof

Dort wird der Belastungssteuerung wegen der zusätzlichen Spiele in der Champions League besondere Aufmerksamkeit geschenkt. "Es geht darum, ordentlich zu regenerieren", sagt Riepenhof, was bei Spielen im Drei-Tage-Rhythmus aber kaum zu bewerkstelligen sei. "Ein paar Wochen verträgt man das, aber eben nicht über einen längeren Zeitraum." Der Muskel macht zu - wie es im Sport-Deutsch so schön heißt.

Meppens Maul: Spielplan "extrem sportlich"

Die Probleme der im internationalen Geschäft vertretenen Vereine kennt auch Drittligist SV Meppen. Was nur auf den ersten Blick erstaunt. Die Mannschaft von Ex-Nationalspieler Torsten Frings hat wegen mehrerer Corona-Fälle im Team Wochen der Quarantäne hinter sich und muss folglich einiges aufholen, was wiederum zur Folge hat, dass auch die Emsländer mehr oder minder alle drei Tage antreten müssen. "Durch die vielen ausgefallenen Spiele werden der Dezember und Januar schon extrem sportlich", sagt Geschäftsführer Ronald Maul im NDR. 13 Spiele in fünf Wochen - für Meppens Spieler und Trainer Frings eine knallharte Aufgabe.

Gesundheit vs. wirtschaftliche Zwänge?

Für taktische Schulung und Trainingseinheiten im Kraftraum bleibt dabei so gut wie keine Zeit. "Man muss sich grundsätzlich Gedanken machen, was man den Spielern zumuten kann", so Frings. "Wir hoffen, dass wir gut da durchkommen."

Warum sich die Clubs der Dritten Liga mehrheitlich von der durch den Deutschen Fußball-Bund (DFB) eingeräumten Möglichkeit verabschiedet haben, fünf statt drei Auswechslungen pro Spiel machen zu können, ist vor diesem Hintergrund schwer verständlich. In der Bundesliga der Frauen und Männer, der Zweiten Liga sowie im Pokal bleibt es zum Beispiel bei der in der vorigen Saison eingeführten Regelung.

Frings: "Können es uns nicht leisten"

"Es ist eine Abwägung der Drittligisten zwischen einer besseren Belastungssteuerung durch mehr Auswechslungen und den wirtschaftlichen Zwängen", erklärt der für den Spielbetrieb zuständige DFB-Abteilungsleiter Manuel Hartmann. Tatsächlich gibt Maul zu bedenken, dass "es auch wirtschaftliche Gründe gibt, weil dann mehr Prämien zu zahlen wären". Für Michael Henke, den Sportdirektor des Aufstiegskandidaten FC Ingolstadt "nur ein schwaches Argument". Und Frings fügt hinzu: "Mit dem Wissen von heute wäre ich für fünf Auswechslungen. Aber wir können es uns nicht leisten."

Dritte Liga: Im Schnitt fünf Verletzte pro Club

Es fragt sich nur, ob es langfristig schlau ist, wirtschaftliche Interessen über die der Gesundheit der Spieler zu stellen. Was nutzt ein verletzter Spieler? Zumal Riepenhof betont: "Eine verletzte Struktur ist immer gefährdet, sich wieder zu verletzen."

Ömer Toprak von Werder Bremen kann ein Lied davon singen. Der 31 Jahre alte Verteidiger konnte in der vorigen Saison nur zehn Spiele bestreiten und musste auch in der aktuellen Spielzeit schon wieder dreimal passen, weil die Muskulatur streikte. In der Dritten Liga hat jeder Verein im Durchschnitt circa fünf Verletzte - allein am vergangenen Wochenende wurden bei den 20 Clubs 88 verletzte Akteure gezählt.

Bayern-Trainer Flick: "Spieler ist der Leidtragende"

Bis Weihnachten ist der Terminkalender so voll wie noch nie, sodass die auch international geforderten Teams von Bayern München und Bayer Leverkusen schon vorstellig wurden und ihre Partien der zweiten Pokalrunde nun erst im neuen Jahr spielen müssen. Statt am 23. Dezember in Kiel anzutreten, kommen Neuer, Müller & Co. nun am 13. Januar an die Förde.

Hans Dieter (Hansi) FLICK (Co Trainer FCB), lachend,optimistisch, gutgelaunt, Einzelbild,angeschnittenes Einzelmotiv,Halbfigur,halbe Figur. Abschlusstraining FC Bayern Muenchen vor dem Champions League Spiel FC Bayern Muenchen - Olympiacos FC (Piraeus),

"Es ist einfach eine enorme Belastung", sagt Bayern-Trainer Hansi Flick der Sportschau: "Am Ende ist der einzelne Spieler der Leidtragende." Auf der anderen Seite ist es aber auch Aufgabe des einzelnen Spielers, sich mit der stressigen Situation zu arrangieren und vielleicht Sonderschichten im "Gym" zu schieben - in Absprache mit der medizinischen Abteilung selbstverständlich.

Athletik-Trainer: Auch mentalen Druck abbauen

"Ich denke, dass einige Profi-Fußballer diese Belastung einfach nicht gewohnt sind", sagt Athletik-Trainer Arne Greskowiak, der für die Basketballer von Rasta Vechta und als Dozent an der Sporthochschule in Köln tätig ist. Besondere Bedeutung habe zudem die mentale Regeneration. "Profi-Sportler stehen unter immensem Druck, den es gilt, abzubauen."

"Einheitsbrei" und falsche Belastungssteuerung

Riepenhof plädiert für einen Wechsel zwischen intensivem und weniger intensivem Training. Dazu seien die Verantwortlichen vielerorts aber offenbar nicht bereit. "Einheitsbrei", nennt er das Programm einer "falschen Belastungssteuerung, weil die Spitzen dann nicht vertragen werden. Deshalb passieren hierzulande mehr Muskelverletzungen als beispielsweise in England oder Italien." Riepenhof kann sich ein Urteil darüber erlauben. Er hat auch schon für Brighton & Hove Albion und AS Rom gearbeitet.

Ändern werde sich an diesem Zustand vorerst wenig, glaubt der Hamburger Sportmediziner. Denn zumindest im Fußball bleibt wegen der ans Jahresende 2022 gelegten Weltmeisterschaft in Katar auch in den kommenden Spielzeiten kaum eine Lücke im Kalender.

Dieses Thema im Programm:
Sportclub | 06.12.2020 | 22:50 Uhr

NDR | Stand: 07.12.2020, 10:18

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