NDR-Sport THW Kiel in der Handball-Champions-League: Der Konkurrenz-Check

Stand: 18.06.2022 13:27 Uhr

Am Wochenende spielt der THW Kiel beim Final Four in Köln um den Triumph in der Handball-Champions-League. Im Halbfinale wartet heute Titelverteidiger Barcelona. ARD-Experte Dominik Klein über die Chancen der "Zebras" und die Qualitäten von Kielce und Veszprém.

Kiel hat mit Barcelona nicht nur den Cupverteidiger vor der Brust, sondern mit insgesamt zehn Titeln auch den erfolgreichsten Club in der Historie der Champions League. Dennoch reisen die Schleswig-Holsteiner voller Zuversicht nach Köln, schließlich haben sie die Katalanen vor eineinhalb Jahren im Finale bezwungen.

"Es sind an einem solchen Wochenende immer Überraschungen möglich", weiß Dominik Klein, der 2018 mit Außenseiter HBC Nantes das Endspiel der Königsklasse erreicht hatte. Der langjährige THW-Profi will seinen Ex-Club deshalb nicht als Favoriten nennen und sagt augenzwinkend: "Denn sonst schaffen sie es ja nicht." Sein Final-Tipp: THW Kiel gegen Kielce. Und dann? "An einem guten Tag ist alles möglich für den THW", so der 38-Jährige.

Der Titelverteidiger: FC Barcelona

Bei den Katalanen gab es vor der Saison eine Zäsur: Der langjährige Erfolgscoach Xavi Pascual wechselte nach Rumänien zum aufstrebenden Meister Dinamo Bukarest. Carlos Ortega, davor Bundesliga-Trainer bei der TSV Hannover-Burgdorf, übernahm. Auch auf dem Spielfeld erfolgten einige Umstellungen, sodass Barca in dieser Serie nicht mehr ganz so souverän agierte. In der Gruppenphase reichte es lediglich zu Platz zwei.

Mit Linkshänder Dika Mem, Spielmacher Luka Cindric oder Torwart Gonzalo Perez de Vargas tragen aber noch immer Ausnahmekönner das Barca-Dress. Sorgen machte in den vergangenen Monaten die Kreisläufer-Position, da sowohl der Portugiese Luis Frade als auch der Franzose Ludovic Fabregas schwere Blessuren erlitten.

Das sagt Dominik Klein: "Barcelona hat eine gewisse Ausgeruhtheit. In der spanischen Liga gibt es weniger enge Spiele als in der Bundesliga, wo der THW zum Beispiel gegen Magdeburg auf höchstem Niveau performen muss und Selbstbewusstsein tanken kann. Aber deshalb hat Barcelona auch immer das Manko, in der Champions League liefern zu müssen. Diesem Druck standzuhalten, das haben sie in der Vergangenheit immer mal wieder vermissen lassen."

Zeitplan Final Four in Köln:

  • Sonnabend, 15.15 Uhr: HC Veszprém - KS Kielce
  • Sonnabend, 18 Uhr: THW Kiel - FC Barcelona
  • Sonntag, 15.15 Uhr: Spiel um Platz 3
  • Sonntag, 18 Uhr: Finale

Beste "Vornote": KS Vive Kielce

Der Sieger von 2016 setzte sich in der Vorrundengruppe B überraschend als Erster vor Clubs wie Barcelona oder Paris Saint-Germain durch und hatte im Viertelfinale keine Probleme mit dem französischen Vertreter Montpellier. Zudem regiert unter dem Präsidenten Bertus Servaas, einem Textil-Unternehmer, in Kielce die Konstanz. Die Polen kommen mit dem elften Meistertitel in Folge im Gepäck an den Rhein.

Aus einer homogenen Mannschaft ragt ein Familien-Trio heraus: Talant Dujshebaev zählt zu den prägendsten Trainern der Handball-Zunft, seine Söhne spielen im Rückraum. Alex ist sogar Kapitän, dessen jüngerer Bruder Daniel ist nach einer schwierigeren Knie-Verletzung zurück. Wenn es einmal eng wird, kann sich Kielce auf den deutschen Nationaltorhüter Andreas Wolff verlassen, der von 2016 bis 2019 beim THW Kiel zwischen den Pfosten stand.

Das sagt Dominik Klein: "Der Club ist mit einem immensen Kader bestückt. Allerdings haben sie im polnischen Pokal gegen Plock einen Knacks bekommen. Ich bin gespannt, wie sie da herauskommen, um die Saison zu retten. Im Duell mit Veszprém sehe ich sie als Favorit."


Der Außenseiter: HC Veszprém

Der HC Veszprém ist einer der größten Namen in Handball-Europa. In der Vereinsvitrine glänzen zwei internationale Trophäen, doch dem Triumph in der Champions League jagt der ungarische Spitzenclub trotz einer stolzen Fan-Base seit Jahren vergeblich hinterher. Vor der Saison wurde der voluminöse Kader ein wenig verschlankt, bietet aber immer noch internationale Top-Stars wie Kreisläufer Andreas Nilsson, Omar Yehia, Goalgetter Petar Nenadic oder Torhüter Rodrigo Corrales. Aus ihrer Zeit bei den norddeutschen Bundesliga-Clubs sind die Rückraum-Asse Rasmus Lauge (Kiel, Flensburg) und Kentin Mahé (Hamburg, Flensburg) bestens bekannt.

Im Sommer rückte Momir Ilic vom Assistenten zum Chefcoach auf. Als Spieler gewann der Serbe mit dem THW Kiel zwei Mal die Champions League. Ob er nun Veszprém vom Final-Four-Fluch erlösen kann? Die bisherige Saisonleistung spricht nicht dafür. In Ungarn musste sich der Club im Meister-Finale gerade erst dem ewigen Widersacher Szeged knapp geschlagen geben. In der Gruppenphase der Champions League war Veszprém nur Vierter.

Das sagt Dominik Klein: "Veszprém hat viele starke Individualisten im Team und Trainer Ilic gibt das richtige Feuer von der Seite. Aber als Stammteilnehmer am Final Four, ohne je den Titel geholt zu haben, gibt es ein psychologisches Problem. Es wird schwer, diesen 'Vize-Titel' aus den Köpfen zu kriegen."

Dieses Thema im Programm:
Sport aktuell | 18.06.2022 | 11:17 Uhr