NDR-Sport THW-Coach Filip Jicha: Taktik-Tüftler und Titelhamster

Stand: 16.06.2022 11:36 Uhr

Filip Jicha gehört zu den erfolgreichsten Trophäensammlern im Welthandball. 29 Titel hat der Tscheche als Spieler und Trainer bereits gewonnen. Beim Final Four am Wochenende in Köln um die Champions League soll nun Triumph Nummer 30 für den Coach des THW Kiel folgen.

Für den 40-Jährigen wäre es der vierte "Königsklassen"-Triumph in seiner Laufbahn. Zweimal (2010 und 2012) gewann er den wichtigsten Handball-Wettbewerb als Spieler mit den "Zebras", 2020 führte er den deutschen Rekordmeister als Trainer zum Sieg beim Finalturnier. Nun folgt die insgesamt siebte Final-Four-Teilnahme Jichas. Und es ist wohl seine schwierigste. Denn nach den schweren Verletzungen von Abwehrchef Henrik Pekeler (Achillessehnenriss) und Ausnahme-Rückraumspieler Sander Sagosen fehlen den Schleswig-Holsteinern zwei eigentlich unersetzbare Leistungsträger.

Dass der Vorschlussrunden-Gegner am Sonnabend (18 Uhr) FC Barcelona heißt und Titelverteidiger ist, macht die Sache für den THW nicht leichter. Sein Trainer ist zum Improvisieren gezwungen. Jicha muss versuchen, mit einer ausgeklügelten Taktik den Verlust seiner beiden Leistungsträger wettzumachen.

Und es scheint in den Tagen vor dem Halbfinale gegen die Katalanen fast so, als würde den Tschechen nichts mehr als genau das reizen. "Wir sind ein wenig Außenseiter, das macht uns noch unberechenbarer", sagte der 40-Jährige.

Jicha auf den Spuren von Lehrmeister Gislason

Der "Welthandballer" von 2010 ist Antreiber und Taktikfuchs zugleich. Er stellt seine Mannschaften glänzend auf die Gegner ein, ist immer in der Lage, auf neue Spielformen zu reagieren. Zugleich bremst der langjährige Bundesliga-Spieler seine Schützlinge in Auszeiten, wenn diese mal über das Ziel hinausschießen. Jicha ist in Kiel auf dem besten Weg, eine Ära wie vor ihm der heutige Bundestrainer, Jichas Lehrmeister, Alfred Gislason zu prägen. Zwei Meistertitel in seinen bisher drei Jahren als THW-Coach sprechen eine deutliche Sprache. Und jetzt winkt auch schon der zweite "Königsklassen"-Titel.

"Er ist eine Person, die den maximalen Willen vorlebt und gleichzeitig in der Lage ist, alle anderen mitzuziehen. Das war als Kapitän auf dem Spielfeld so und ist jetzt als Trainer genauso", schwärmte Kiels Geschäftsführer Viktor Szilagyi von Jicha. Torhüter und "Welthandballer" Niklas Landin ergänzte: "Er hat diese Mentalität, dass es nur einen Weg gibt - und der geht nach vorne."

Perfektionismus als Antrieb

Um zu verstehen, warum Jicha das Spiel und seinen Beruf so sehr liebt und lebt, bedarf es eines Blickes in seine Vergangenheit. "Ich bin nur 200 Meter entfernt von einem Handballfeld aufgewachsen. Jeden Tag bin ich dort gewesen. Handball war von Anfang an mein Leben", sagte der in Pilsen geborene Coach einst in einem Interview mit "Handball.de". Gefragt nach seinen sportlichen Zielen, antwortete der 40-Jährige: "Ich strebe immer nach dem perfekten Spiel." Wer den Tschechen an der Seitenlinie beobachtet, kann dieser Aussage nicht widersprechen.

Selbst in Vorbereitungsspielen treiben den Trainer vermeidbare Fehler seiner Akteure schon einmal zur Weißglut. Mit seiner Unnachgiebigkeit passt er perfekt zur Handball-DNA des Rekordmeisters.

Wechsel nach Barcelona aus finanziellen Gründen

Von 2007 bis 2015 war Jicha prägender Spieler des THW, ein Leader, vor dem die Gegner zitterten. Sieben deutsche Meisterschaften, fünf Pokalsiege und zwei Champions-League-Erfolge schlugen für das Rückraum-Ass zu Buche, als er den "Zebras" 2015 den Rücken kehrte. Er folgte trotz laufenden Vertrags beim Bundesligisten dem Lockruf des Geldes und wechselte nach Barcelona. Dass der schnöde Mammon der Hauptgrund für seinen Abschied aus Kiel war, daraus machte er damals gar kein Geheimnis. Was er seinerzeit erzählte, war allerdings bedrückend.

Filip Jicha (r.) vom FC Barcelona

Filip Jicha (r.) spielte von 2015 bis 2017 beim FC Barcelona

Jicha gab zu, dass er sich während seiner Zeit beim TBV Lemgo mit Immobilien verspekuliert habe. Er sei in seiner Naivität in eine "tiefe Falle getappt". Rund vierzig Prozent seines Gehaltes vom THW müsse er für Zins und Tilgung dieser Objekte aufbringen. Er habe ausschließlich "schlaflose Nächte", weil er geradezu dazu gezwungen sei, die Offerte Barcelona anzunehmen: "Ich bitte den THW, mich zu verkaufen."

Glücklos in Katalonien, glücklich in Kiel

Kiel ließ seinen besten Spieler schließlich gegen eine kolportierte Ablösesumme von 750.000 Euro ziehen. Glücklich wurde der Tscheche bei den Katalanen nicht. Verletzungen hinderten ihn daran, bei "Barca" zu der tragenden Säule zu werden, die er zuvor beim THW war. Nach zwei Jahren verließ er den spanischen Serienmeister wieder und beendete seine Karriere. Es folgten die Rückkehr nach Deutschland sowie zu den "Zebras", bei denen er 2018 Co-Trainer wurde. Nach einem Lehrjahr bei Gislason rückte der 40-Jährige zum verantwortlichen Coach auf - und wurde prompt Meister. Im Dezember 2020 gewann er zudem im wegen der Corona-Pandemie nachträglich ausgetragenen Final Four die Champions League.

Mit diesem Triumph schrieb Jicha Geschichte: Er war der erste Handballer, der sowohl als Spieler als auch als Trainer beim Finalturnier in Köln den Titel holte. Sein Erfolgshunger ist aber längst noch nicht gestillt. "Die Champions League ist die Creme de la Creme - das ist das, was immer unvergessen bleibt", sagte der 40-Jährige.

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Dieses Thema im Programm:
Sport aktuell | 15.06.2022 | 17:17 Uhr