Taskforce "Zukunft Profifußball": Feigenblatt - oder mehr?

NDR-Sport

Taskforce "Zukunft Profifußball": Feigenblatt - oder mehr?

Von Andreas Bellinger und Ole Zeisler

Der Profifußball steckt in der Krise, Veränderung tut Not. Die dafür eingesetzte Taskforce hat Vorschläge erarbeitet. Die Bundesliga-Clubs entscheiden jedoch selbst, ob sie sie umsetzen. Experten sind skeptisch.

Die einen sprechen schlicht von einer Laberrunde, die den hohen Erwartungen nicht gerecht geworden ist. Andere feiern die kreierten Ideen als Leitplanke für den Weg aus der Krise, die schon vor der Corona-Pandemie evident war. Etwas "ganz Besonderes" und womöglich "einzigartig in der Sportwelt" nennt DFL-Geschäftsführer Christian Seifert den Ergebnisbericht der Taskforce "Zukunft Profifußball" in aller Bescheidenheit. Großer Wurf oder doch nur ein Feigenblatt? Bindend sind die 17 Handlungsempfehlungen jedenfalls nicht für die 36 Clubs der Bundesligen: Sie entscheiden selbst, ob die Vorschläge umgesetzt und eingehalten werden.

Die 17 Handlungsempfehlungen der Taskforce

  • Grundsätzliches Bekenntnis zu Nachhaltigkeit im deutschen Profifußball
  • Einrichtung einer Kommission Nachhaltigkeit und Verantwortung
  • Ausarbeitung eines verbindlichen Wertegerüsts/Verhaltenskodex und Menschenrechtskonzepts
  • Identifizierung neuer strategischer Partnerschaften mit Fokus auf nachhaltigem und verantwortungsvollem Handeln und Wirtschaften
  • Umsetzung bundesweit sichtbarer Kampagnen und Einführung von Awards
  • Zeitnahe Einberufung einer Arbeitsgruppe zur Stärkung wirtschaftlicher Stabilität von Profifußballclubs
  • Einsatz für Reformen auf europäischer oder globaler Ebene in Zusammenarbeit mit der Politik
  • Evaluierung von Strukturen für kontrollierte strategische Investitionen im Rahmen von 50+1
  • Einleitung politischer und verbandsrechtlicher Schritte zur stärkeren Regulierung der Beraterbranche
  • Bereitstellung eines Beratungsangebots für (Jugend-)SpielerInnen und deren Familien
  • Gründung einer DFL-Kommission zur Intensivierung des Dialogs mit unterschiedlichsten Fangruppen
  • Ausarbeitung von Kriterien für einen konstruktiven Club-Fan-Dialog
  • Optimierung von Austauschformaten und Benchmarking-Prozessen
  • Förderung von Frauenfußball
  • Förderung von Frauen im Fußball
  • Umsetzung weiterer Maßnahmen zur langfristigen Nachwuchsförderung
  • Institutionalisierung interdisziplinärer Dialogstrukturen

Fan-Sprecher: "Ein netter Anstrich"

"Es ist angerichtet - jetzt liegt es an der DFL und den Clubs, dass daraus kein Papiertiger wird", sagt Helen Breit im NDR. Die Vorsitzende der Fan-Gemeinschaft "Unsere Kurve", die selbst Teil des von der Deutschen Fußball Liga (DFL) initiierten Projektes war, hat Zweifel. Viel zu wenig von dem, was in den drei Arbeitsgruppen von 37 Persönlichkeiten aus Fußball, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Fanszene diskutiert worden sei, finde sich in dem Papier wieder. "Einen netten Anstrich von Nachhaltigkeit und gesellschaftlicher Verantwortung, darauf konnten sie sich noch einigen", sagt "Pro Fans"-Sprecher Sig Zelt. "Aber die Frage", so Breit, "was hat der Fußball falsch gemacht, scheint längst schon wieder vergessen zu sein."

Kraus: "Druck auf Vereine erhöhen"

Dass der Fußball unter Veränderungsdruck steht, ist für Katja Kraus, die frühere Vorstandsfrau des Hamburger SV, überhaupt keine Frage. Dass die Geschwindigkeit dafür in der Bundesliga nicht besonders hoch ist, aber auch. "Es ist notwendig, den Druck auf die Vereine zu erhöhen, damit sich tatsächlich etwas verändert", sagt die Marketing-Expertin dem NDR. Sonst gebe es auch noch mehr Probleme mit den Sponsoren, die nicht mehr das Umfeld finden, sich zu präsentieren. Die Abkehr der Menschen vom Fußball werde fortschreiten, mutmaßt Kraus, wenn sich "die Vereine nicht wieder als Teil der Gesellschaft verstehen".

Selbstkritik und Demut schon wieder vergessen?

Von Demut und Selbstkritik, zu Beginn der Corona-Pandemie noch hoch im Kurs, ist ohnehin nicht mehr die Rede, kritisieren auch die sechs Fanvertreter, die wie Kraus in der Taskforce saßen. "Beides war so lange angesagt, wie nicht klar war, ob das Geld weiter rollt", sagt Breit. Inzwischen sei es wieder selbstverständlich spielen zu dürfen, während andere im Lockdown darben. Für Uli Hoeneß ist es sogar ein "Skandal ohne Ende" und "Unverschämtheit", wenn sich der FC Bayern München auf dem Weg zur Club-WM in Katar an ein Nachflugverbot halten muss. Und in der Champions League spielt RB Leipzig eben in Budapest, wenn Liverpool wegen der Einreise-Bestimmungen in Corona-Zeiten nicht nach Deutschland kommen darf.

Konjunktiv hat Konjunktur

Tatsächlich werden heiße Eisen in den 17 Empfehlungen, die bis 2030 umgesetzt sein sollen, bestenfalls angesprochen: eine Arbeitsgruppe zur Stärkung der wirtschaftlichen Stabilität beispielsweise, ein Bekenntnis zur Nachhaltigkeit, Gründung einer DFL-Kommission für den Fandialog oder Geschlechtergerechtigkeit. "Das Thema Frauen und Diversität ist mir deutlich zu kurz gekommen", so die frühere Nationalspielerin Kraus. "Ein klares Bekenntnis zum Frauenfußball hätte definitiv geholfen." Es bleibt aber bei vagen Formulierungen wie: "regt an", "denkbar wäre", "sollte diskutiert werden", "wird als sinnvoll erachtet" - der Konjunktiv hat Konjunktur.

Linnemann: Stabiler wirtschaften

Es gehe bei den Vorschlägen, den Leitplanken, nicht darum, jemanden zu "schelten", unterstreicht Psychologie-Professorin Heidi Möller, die bei den Taskforce-Sitzungen als Moderatorin fungierte. Jetzt gelte es vielmehr, die Umsetzung zu begleiten, meint der CDU-Bundestagsabgeordnete Carsten Linnemann: "Ich kenne das aus der Politik. Es wird viel gelabert und dann merkt man, dass es nicht funktioniert, weil man etwas nicht bedacht hat." Überdies stellt der Vizepräsident des SC Paderborn die integrative Kraft des Fußballs heraus, aber auch die Notwendigkeit, stabiler und nachhaltiger zu wirtschaften. "Man sieht ja, wie schnell ein Verein wie Eintracht Frankfurt eine Bürgschaft braucht oder Werder Bremen Schulden machen muss."

Özdemir: Gehaltsobergrenze diskutieren

Eine Salary Cap nach Art des US-Sports wurde diskutiert wie auch ein Financial Fairplay auf nationaler Ebene. "Vor ein paar Monaten wären wir wahrscheinlich geteert und gefedert worden, wenn wir das reingeschrieben hätten", sagt Grünen-Politiker Cem Özdemir und betont: "Wer eine Gehaltsobergrenze nicht diskutiert, hat das Thema nicht erfasst." Aber wie sieht es konkret aus mit der Idee, die ins Uferlose gestiegenen Gehälter zu deckeln? "National ist das nicht umzusetzen", meint Linnemann im NDR. "Das funktioniert nur auf UEFA- oder besser noch FIFA-Ebene."

Salary Cap? Seifert ist dafür

Das EU-Recht spricht laut eines neueren Gutachtens der Bundesregierung nicht dagegen. "Es gibt übergeordnete Zwecke wie die Wettbewerbsgleichheit", sagt der Sportrechtler Martin Stopper. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil gibt allerdings zu bedenken: "Wenn weiter Millionen in andere Clubs gesteckt werden, wird es allein in Deutschland nicht funktionieren." Dabei ist selbst Seifert für eine Gehaltsobergrenze, die "absolut im Sinne des europäischen Profifußballs wäre. Und selbst mit einer Salary Cap würde man immer noch recht gut verdienen".

Vorreiterrolle oder weiter so?

Der Fußball ist in der Pflicht; allein schon wegen geschätzt 1,4 Milliarden Euro, die allein die Kicker in der Bundesliga pro Saison kosten. Konkrete Maßnahmen bleibt das Papier aber auch in puncto fairem und integrem Wettbewerb oder 50+1-Regel schuldig, die eine Übernahme der Clubs durch Investoren verhindern soll. "Mit mutigen Schritten wird es der DFL und ihren Clubs gelingen, eine Vorreiterrolle in Europa einzunehmen", lautet trotz allem das Fazit des Taskforce-Berichts. Das Resümee der Fan-Vertreterin Breit klingt indes eher ernüchternd: "Ein 'Weiter so' könnte man nicht treffender beschreiben."

Dieses Thema im Programm:
07.02.2021 | 22:50 Uhr

NDR | Stand: 08.02.2021, 10:10

Darstellung: