Para-Schwimm-WM Tanja Scholz feiert Titel-Hattrick

Stand: 19.06.2022 11:42 Uhr

Fünf Rennen, fünf Medaillen - und zum Abschluss noch einmal Gold: Besser hätte die Schwimm-WM der Para-Athletinnen für Tanja Scholz kaum laufen können. Am Sonntag triumphierte sie über 200 m Freistil.

Die 37 Jahre alte Elmshornerin hatte bereits im Vorlauf der Startklasse S4 in 3:05,23 Minuten einen Meisterschafts-Rekord aufgestellt. Knapp acht Stunden später legte sie dann nach - und wie! Mit 2:53,02 Minuten pulverisierte sie die alte Bestmarke und verpasste ihren eigenen Weltrekord aus dem März (2:51,53) nur knapp. Auf den Plätzen zwei und drei landeten die Brasilianerinnen Lidia Vieira da Cruz (3:10,33) und Patricia Pereira dos Santos (3:18,10) mit sehr großem Rückstand.

Eine zweite Medaille hatte sich kurz zuvor Denise Grahl gesichert. Die Rostockerin schwamm in der Startklasse S7 über 100 m Freistil (1:13,69 Minuten) zur Bronzemedaille.

Dreimal Freistil-Gold, dazu zweimal Silber

Für Scholz war es der perfekte Abschluss: Neben den Titeln über 50 und 100 m Freistil hatte es die Norddeutsche auch bei ihren Starts über 150 m Lagen sowie 50 m Rücken aufs Treppchen geschafft und jeweils Silber gewonnen. Dabei ist der Athletin vom PSV Union Neumünster laut ihrer Trainerin Kirsten Bruhn das Brustschwimmen eigentlich "verhasst" und auch das Rückenschwimmen "liebt sie nicht. Sie ist absolute Freistilschwimmerin. Da geht sie wirklich ab."

Scholz und ihre beeindruckende Geschichte

Scholz' Leistungen sind auch deshalb herausragend, weil sie erst im vergangenen Februar ihr erstes internationales Rennen überhaupt bestritten hat. Die Schleswig-Holsteinerin erlitt im Juni 2020 bei einem Reitunfall eine inkomplette Querschnittslähmung und sitzt seitdem im Rollstuhl. Dem NDR sagte sie, dass sie noch vor einem Jahr gedachte habe: "Ich werde so nie leben können."

Doch Bruhn, die selbst seit einem Verkehrsunfall auf den Rollstuhl angewiesen ist, gab ihr neuen Mut. "Wir haben eine ganz besondere Beziehung und die Chemie stimmte von Anfang an", sagte Bruhn im NDR Interview. Und wenn ihr Schützling, der schon in der Jugend Leistungsschwimmen betrieben hat, mit den Emotionen zu kämpfen hat, "gehen wir da zusammen durch".

Schon bei bei internationaler DM herausragend

Ihre Beine kann Scholz nicht bewegen. "Ihren linken Arm hat sie so gar nicht unter Kontrolle. Den schleudert sie nach vorn und versucht mit den Möglichkeiten, die sie hat, möglichst effektiv zu sein", erklärte Trainerin Bruhn. "Das in die Balance zu bekommen mit dem rechten Arm, der zu 85 Prozent einsetzbar ist, kriegt sie irre gut hin."

Scholz hatte schon bei den internationalen deutschen Meisterschaften mit mehreren Titeln und Weltrekorden auf sich aufmerksam gemacht. Dass es nun aber auch bei der WM so gut läuft, war nicht zu erwarten. Denn nicht nur körperlich waren die Titelkämpfe herausfordernd, sondern auch psychisch.

Bruhn: "Tanja muss immer unter Druck bleiben"

Bei der WM haben beide alles genau abgewägt. "Sie muss auf ihre Gesundheit aufpassen. Ich will sie nicht über Gebühr beanspruchen", so Bruhn. "Sie braucht ihre Schultern im Rollstuhl - das sind unsere Beine. Wenn wir die jetzt zermürben, wird das restliche Leben noch anstrengender als es eh schon ist. Wir gehen Step by Step und arbeiten uns von Event zu Event."

Trotzdem hatte Scholz bei der WM "bewusst ein buntes Programm". Sie sollte an mehreren Tagen abliefern. "Sonst hätte die Spannung bis zum letzten Tag mit den 200 m Freistil zu sehr abgelassen", sagte Bruhn und fügte hinzu: "Sie ist jemand, der immer unter Druck bleiben muss." Und dass sie damit umgehen kann, hat Scholz in Funchal eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Dieses Thema im Programm:
NDR 2 Sport | 18.06.2022 | 23:03 Uhr