Rollstuhl-Skater Lebuser Pionier und Streiter für Inklusion

Stand: 22.08.2022 09:46 Uhr

Der Hamburger David Lebuser ist ein Vorbild auf zwei Rädern. Seit einem Unfall querschnittsgelähmt, hat der 35-Jährige in der Halfpipe und bei seinen Workshops seine Berufung gefunden: "Es ist schon jetzt mein Lebenswerk", sagt er.

Von Andreas Bellinger

Ein letzter Blick in die Tiefe. Die Rampe ist hoch und ziemlich steil. Skater kennen das und fürchten sich scheinbar kein bisschen. David Lebuser in seinem Rollstuhl geht es auch so - meistens jedenfalls. Diesmal aber, beim Wettkampf in Füssen, ist es anders. "Mal sehen, was der Kopf sagt", meint der 35-Jährige.

Drei Jahre konnte er wegen der Corona-Pandemie keinen Wettkampf bestreiten. Das hat Spuren hinterlassen, aber auch motiviert: "Ich will da runter, da rum, da lang, da dies, da das." Er ist ein Kämpfer - in seinem Sport in der Halfpipe und im Leben nach seinem folgenschweren Unfall.

Gebrochener Rücken und viele Zweifel

Lebuser, der in Frankfurt (Oder) geboren wurde und in Hamburg lebt, ist querschnittsgelähmt und gilt als Pionier des Rollstuhl-Skatens in Deutschland. Eine Sportart, die es vor zehn Jahren hierzulande noch gar nicht gab. In der es um viel mehr geht als um Sieg und Niederlage. Das Skaten war gleichsam der Rettungsanker für ihn nach seinem persönlichen Desaster im Jahr 2008. Ein Sturz in einen Treppenschacht stellte für den damals 21-Jährigen über Nacht alles infrage. "Ich hatte einen gebrochenen Rücken, habe im Bett gelegen und konnte nur mehr Fernsehen gucken", erzählt er in der Sportclub Story des NDR.

Aaron Fotheringham - die Rettung

So lag er da, ans Bett gefesselt, voller Vorurteile. "Ich dachte, Leben im Rollstuhl bedeutet: Jetzt brauche ich überall Hilfe, werde durch den Park geschoben und kann nichts mehr allein machen." Eine fürchterliche Vorstellung für den agilen jungen Mann. Bis er ein Video sah von einem, der mit seinem Rollstuhl verrückte Dinge machte. Aaron Fotheringham heißt der Amerikaner, "der im Skate-Park auf einem Rad rumfuhr, sich gedreht und Backflips vollführt hat".

Barrieren überwinden - auch in der Skate Community

Lebuser war begeistert, begriff schnell, dass er mit der Hilfe von zwei Rädern neue Mobilität gewinnen kann. "Es hat mir von Anfang an Spaß gemacht." Schon in der Reha probierte er alles Mögliche, reizte die Grenzen des Rollstuhls aus und lernte fast spielerisch, die Barrieren des Alltags zu meistern.

"Es ist einfach schön zu sehen, dass ich durch meinen Unfall, durch den Rollstuhl so eine Aufgabe bekommen habe."
— David Lebuser

Seine Passion wurde das Rollstuhl-Skaten. "Und generell die Teilhabe an der Skate-Community", wie er betont. Erst recht als er 2012 die wachsende Rollstuhl-Skater-Szene in den USA erlebt und das Aushängeschild Fotheringham bei einem Wettbewerb in Los Angeles sogar besiegen konnte. Genauer gesagt in Venice Beach, dem langen Strand an der Pazifikküste, dem Eldorado der Turner, Basketballer, Bodybuilder - und eben Rollstuhl-Skater. "Ich hatte einen guten Tag und Aaron einen nicht so guten", sagt Lebuser und lächelt im Rückblick zufrieden.

Lebuser: "Wow, die Leute haben Bock darauf"

Die Besten der Welt hatte er geschlagen. Ein Hochgefühl besonderer Art, egal ob nun offizieller oder inoffizieller Weltmeister. "Darum geht es gar nicht", sagt Lebuser, den eine ambitionierte Mission weit mehr umtreibt. Seine Workshops zum Beispiel, bei denen es nicht nur darum geht, Tricks zu erlernen und den Rollstuhl wie selbstverständlich gekonnt zu bewegen.

Sein großes Ziel ist, die Gesellschaft zu sensibilisieren für Inklusion und Barrierefreiheit im Alltag. Aus ganz Deutschland kommen die Teilnehmer. Als er damit anfing, hatte er einen Aha-Effekt mit Langzeitwirkung: "Wow, die Leute haben Bock da drauf! Nicht nur dieser David Lebuser, wie es oft hieß."

Steter Kampf gegen Diskriminierung

Der Kampf gegen Diskriminierung ist eine große und wichtige Aufgabe. Das zeigt in erschreckender Deutlichkeit gerade wieder der jährliche Bericht, den Ferda Ataman als Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes für 2021 vorgelegt hat. Von den 5.617 Fällen, die der Antidiskriminierungsstelle gemeldet wurden, sind 32 Prozent auf Diskriminierungen aufgrund von Behinderung und chronischen Krankheiten zurückzuführen.

Hochzeit im Skater-Park

Beim Skaten hat David Lebuser auch sein privates Glück gefunden. Bei einem seiner ersten Workshops lernte er Lisa kennen, die von Geburt an querschnittsgelähmt ist und vor einem Jahr seine Ehefrau wurde. Die Hochzeit wurde natürlich im Skater-Park gefeiert. "Im verflixten siebten Jahr haben wir geheiratet und leben jetzt als Herr und Frau Lebuser", sagt er stolz.

Zusammen gründeten sie die Initiative "Sit 'n' Skate". Ein gemeinnütziges Projekt mit der Vision, die Gesellschaft inklusiver zu gestalten und - so die Beschreibung auf der Website - vorherrschende Vorurteile zu zerstören. "Es ist schon jetzt sozusagen mein Lebenswerk", sagt Lebuser. "Es ist einfach schön zu sehen, dass ich durch meinen Unfall, durch den Rollstuhl so eine Aufgabe bekommen habe.“

Sicherer Platz unter Gleichgesinnten

Angefangen hatte alles mit einer "fixen Idee", die sich über die Jahre zu einem Fulltime-Job entwickelt hat. Vor allem will er eine Art Safe Space bieten. "Dass man einfach weiß: Hey, an diesem Tag im Monat zu der Uhrzeit kann ich hierherkommen und mit anderen Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrern Sachen probieren. Wo ich mir was abgucken, mich austauschen und mir Tipps holen kann.“ Niemand sage hier blöde Sachen, lache oder zeige mit dem Finger auf andere, so die zehnjährige Viktoria Schmalenstroer. Sie ist bei den Treffen fast immer dabei: "Weil es Leute gibt, die so sind wie ich."

Geht nicht, gibt's nicht

"Wir kommen vom Dorf", erzählt ihre Mutter. Außer zwei Mal pro Woche Physiotherapie gebe es nichts für Kinder im Rollstuhl. "Schon als wir das erste Mal hier waren, ist dieses Kind in drei Stunden aufgeblüht.“ Geht nicht, gibt's nicht, könnte man das Konzept zusammenfassen. Alles ist möglich, vieles auf jeden Fall. "Ich glaube definitiv, dass sie alle noch vieles in der Gesellschaft bewegen werden", sagt David Lebuser. Viktoria vielleicht auch: "Ich würde gerne so skaten können wie David, weil ich das einfach cool finde.“

Vorbild mit Tatoos und bunten Haaren

Ein Vorbild im klassischen Sinne will Lebuser aber gar nicht sein. Mit seiner wechselnd farbenfrohen Punker-Frisur könne er bestenfalls ein Beispiel dafür sein, "dass du auch mit einer Behinderung im Rollstuhl einfach ein individuelles, buntes Leben führen kannst". Kompromisse? Nein, danke! Früher habe er sich einlullen lassen - heute denkt er autonom. "Zu mir gehören auch Tattoos und bunte Haare. Wenn man mich deswegen nicht einstellen oder mir einen Auftrag nicht geben will, dann ist das halt so", sagt er und schiebt hinterher: "Skateboarding is Punk Rock - Wheelchair Skating is Punk Rock too."

Traum von "einem Skate-Park of Hope"

Lisa und David Lebuser funken auf derselben Wellenlänge. Und natürlich waren sie sich sofort einig, als vor zwei Jahren das große Abenteuer Tansania anstand. Mit dem Hamburger Verein "Haydom-Friends" wollten sie auf den 4.566 Meter hohen Mount Meru. Als Erste im Rollstuhl.

Damit wollten sie Spenden sammeln für das "House of Hope" für Kinder mit Behinderung in Tansania, die nie zuvor einen Rollstuhl gesehen haben. Doch auf der zweiten Etappe setzte der extrem steile Pfad dem Vorhaben ein Ende.

Die Enttäuschung wich schnell dem Gefühl, das sie mit der Aktion trotzdem einigen Kindern ein Stück Lebensqualität ermöglicht haben. "Für viele Kinder war es das erste Mal, dass sie wirklich selbstbestimmte Mobilität erlebt haben." Das Gefühl, nicht nur stumm in der Ecke zu sitzen und darauf warten zu müssen, dass sie von ihren Eltern irgendwohin getragen werden. Das emotionale Erlebnis hinterließ auch Spuren bei den Lebusers und förderte nachhaltig ihren Traum von "einem Skate-Park of Hope".

Der Hamburger Rollstuhl-Skater David Lebuser bei einem Trick in einem Skateboard Park in Bayreuth.

Kopfüber in der Halfpipe: David Lebuser.

Rollis und Skater sollen zusammen die Spots rocken

Laut, bunt und engagiert ist die Skater-Szene. Aber Lebuser und vielen Mitstreitern geht es auch um soziale Themen, um politisches Engagement: "So ein bisschen für das Gute zu kämpfen; gegen Behindertenfeindlichkeit genauso wie gegen Homophobie, Rassismus oder andere Diskriminierungsformen." Er will keine eigene Skate-Szene der Rollifahrer etablieren, sondern zusammen mit Skatern ohne Behinderung die Spots rocken, "Barrieren überwinden im Kopf, im Skatepark und im urbanen Raum."

Mit 35 schon Veteran der Szene

Lebuser hat Pläne und Ziele ohne Ende. Wie damals, als er mit der eher bescheidenen Idee aus Kalifornien zurück nach Hamburg kam, mehr Rollstuhlfahrer in die Skateparks zu locken. "Mega geil, was daraus geworden ist; was kann man sonst in zehn Jahren erreichen", sagt er und wischt sich eine Träne von der Wange. Vielleicht wird Rollstuhl-Skaten eines Tages sogar paralympische Disziplin. "Warum nicht", sagt Lebuser.

Für ihn selbst ist das aber keine Option, schließlich gilt er mit seinen 35 Jahren längst als Veteran der Szene. Für einen Contest wie in Füssen mit "krass vielen guten Leuten" reicht es aber noch - auch wenn er nach seinen verpatzten Parade-Tricks am Ende nur Platz vier belegte.

Dieses Thema im Programm:
Sportclub | 21.08.2022 | 23:35 Uhr