Nach Nichtaufstieg: Viele Fragezeichen beim HSV

Frust bei Bakery Jatta, Jeremy Dudziak und Aaron Hunt vom Hamburger SV (v.l.)

NDR-Sport

Nach Nichtaufstieg: Viele Fragezeichen beim HSV

Gedemütigt von Sandhausen, gescheitert im Aufstiegsrennen: Der HSV blickt nach der verpassten Bundesliga-Rückkehr in eine ungewisse Zukunft. Vieles deutet auf einen längeren Zweitliga-Aufenthalt hin.

Gedemütigt von Sandhausen, gescheitert im Aufstiegsrennen: Der HSV blickt nach der verpassten Bundesliga-Rückkehr in eine ungewisse Zukunft. Vieles deutet auf einen längeren Zweitliga-Aufenthalt des sechsmaligen Meisters hin.

Die Stadionuhr? Abgebaut! Die langjährige Hymne "Hamburg, meine Perle"? Abgeschafft! Der Coach? Gefeuert! Der Sportchef? Beurlaubt! Der Kader? Umgebaut! Mit viel Symbolpolitik und erheblichen personellen Veränderungen hatte der HSV im vergangenen Sommer auf den "überflüssigsten Nicht-Aufstieg der Fußballgeschichte" reagiert, wie der damalige Vorstandschef Bernd Hoffmann die verpasste Bundesliga-Rückkehr bezeichnete. Alles beim sechsmaligen deutschen Meister sollte nach der verpatzten Premieren-Saison in Liga zwei viel, viel besser werden. Und es wurde: noch schlimmer, am Ende sogar peinlich.

Die abschließende 1:5-Pleite am Sonntag gegen den SV Sandhausen hatte nicht nur Fremdschäm-Potenzial, sie war auch die sportliche Bankrotterklärung eines einst stolzen Clubs, dem es seit Jahren auf nahezu allen Ebenen an Nachhaltigkeit fehlt. Das Resultat der stets auf schnellen Erfolg gründenden Handlungsweisen sind leere Konten und eine Mannschaft ohne Perspektive. Kurzum: Der HSV steht wieder einmal vor einem Neuaufbau. Und zwar einem unter erschwerten Bedingungen.

Hecking zu seiner Zukunft: "Werden in aller Ruhe sprechen" Verfügbar bis 29.06.2021

Hecking: "Sind als großes Ganzes gescheitert"

"Wir haben das hier als großes Ganzes angefangen und sind genauso als großes Ganzes gescheitert", analysierte Coach Dieter Hecking nach dem Sandhausen-Debakel. Der Vertrag des 55-Jährigen hätte sich nur beim Aufstieg verlängert. Nun ist die Zukunft des Nachfolgers von Hannes Wolf offen. "Jetzt muss man gucken, inwieweit wir dieses große ganze Gebilde wieder so aufstellen können, dass alle das Gefühl haben, es kann im nächsten Jahr klappen", ergänzte Hecking. Viele Argumente für eine Weiterbeschäftigung hat der Trainer-Routinier bei nüchterner Betrachtung nicht gesammelt. Einzig im ersten Saisondrittel wusste die neu formierte Mannschaft zu überzeugen. Hernach verfiel sie zu oft in das Phlegma, das eigentlich für alle HSV-Teams der vergangenen Dekade typisch war.

Keine Führungspersönlichkeiten

Kam es hart auf hart, wurden die Hamburger von ihren fußballerisch unterlegenen Gegnern in den "Infight" gezogen, warfen sie im übertragenen Sinne das weiße Handtuch. "Mentalität schlägt Qualität", hat HSV-Legende Felix Magath einmal gesagt und damit das grundlegende Problem bei seinem Ex-Verein auf den Punkt gebracht. Den Hanseaten mangelt es an Führungspersönlichkeiten und Leidenschaft. Hinzu kamen Konzentrationsprobleme, wie die vielen Gegentore in den Nachspielzeiten zeigten. Ein Umstand, der übrigens auf Konditionsdefizite zurückzuführen sein könnte. Und damit auf Heckings Arbeit.

Neun Abgänge wohl sicher

Sollte der 55-Jährige trotz des krachenden Scheiterns am Aufstieg dennoch weitermachen dürfen, muss er gemeinsam mit Sportvorstand Jonas Boldt das Aufgebot abermals auf links drehen. Die bis dato ausgeliehenen Martin Harnik, Joel Pohjanpalo, Louis Schaub, Jordan Beyer und Adrian Fein werden zu ihren Clubs zurückkehren. Mit Ausnahme von Pohjanpalo (neun Treffer) und mit Abstrichen Fein (in der Hinrunde) konnten sie ohnehin kaum bis gar nicht überzeugen. Die Arbeitspapiere von Jairo Samperio, Timo Letschert, Kyriakos Papadopoulos und Christoph Moritz laufen aus. Eine Zukunft an der Sylvesterallee hat das Quartett nicht. Top-Verdiener und Dauer-Tribünengast Bobby Wood steht noch bis 2021 unter Vertrag. Interessenten für den US-Amerikaner sind derzeit nicht in Sicht.

Kaum Verkaufskandidaten

Nennenswerte Transfererlöse erzielen könnten die Hanseaten wohl nur durch die Verkäufe von Linksverteidiger Tim Leibold, Allrounder Jeremy Dudziak oder Verteidiger-Talent Josha Vagnoman. Anderen HSV-Profis gelang es jedenfalls nicht, sich ins Rampenlicht zu spielen. Ganz im Gegenteil. Spieler, die bei ihren vorigen Vereinen absolute Leistungsträger waren, konnten ihr fußballerisches Level an der Elbe nicht halten. David Kinsombi, Lukas Hinterseer und Sonny Kittel sind hier zu nennen.

Fünf Leihspieler kehren zurück

Den Stand jetzt neun Abgängen steht bis dato in Amadou Onana (TSG Hoffenheim, U19) lediglich eine externe Neuverpflichtung gegenüber. Zudem kehren die verliehenen David Bates, Manuel Wintzheimer, Berkay Özcan, Jonas David und Aaron Opoku zumindest vorerst zum HSV zurück. David (Würzburg), Opoku (Rostock) und auch Wintzheimer (Bochum) haben die erhoffte Entwicklung genommen und könnten in der kommenden Saison wieder zum Hamburger Aufgebot gehören - wenn es Hecking oder ein anderer Trainer denn will. Wer noch kommen könnte oder soll, steht derzeit in den Sternen und ist auch eine Geldfrage.

Steigt der Hauptsponsor aus? Was macht Kühne?

HSV-Präsident Jansen: "Eine brutale Enttäuschung"

Verfügbar bis 29.06.2021

Wie die finanziellen Eckdaten für die neue Saison aussehen werden, ist aktuell aber noch völlig ungewiss. Der Vertrag über die Namensrechte am Volksparkstadion mit Anteilseigener Klaus-Michael Kühne läuft aus. Bisher konnte keine Einigung über eine Verlängerung erzielt werden. Ob der schwerreiche und ziemlich launische Wahl-Schweizer noch großes Interesse hat, weitere Millionen in seinen Herzensclub zu pumpen, darf angezweifelt werden. Und ohne die Zuwendungen von Kühne ist beim HSV Bares bekanntlich Rares. Der Hauptsponsor, eine Fluggesellschaft, hat zudem eine Ausstiegsklausel aus seinem bis 2022 datierten Vertrag. In Corona-Zeiten wird sich die Geschäftsführung der Airline mit großer Gewissheit zumindest Gedanken über eine Fortführung der Zusammenarbeit machen. Dem HSV drohen im Worst Case also erhebliche finanzielle Einbußen.

Wettstein sieht keine Insolvenzgefahr

In Insolvenzgefahr aber gerät der hochverschuldete Club selbst im Falle des Verlustes seiner zwei größten Geldgeber und trotz des verpassten Aufstiegs wohl nicht, wie Finanzvorstand Frank Wettstein vor einigen Wochen dem NDR Sportclub sagte. "Natürlich werden wir im x-ten Zweitliga-Jahr nicht mehr den teuersten Kader haben können, aber wir werden immer noch einen guten Kader präsentieren können, der um die oberen Plätze mitspielen kann. Und das wahrscheinlich auch im fünften, achten oder zwölften Zweitliga-Jahr", erklärte der 47-Jährige. Als er diese Worte sagte, hatten die Hamburger den Aufstieg noch in der eigenen Hand und dicht vor Augen. Heute klingen Wettsteins Worte beinahe wie eine düstere Zukunftsprognose: der HSV als Zweitliga-Dauergast.

Dieses Thema im Programm:
Hamburg Journal | 29.06.2020 | 19:30 Uhr

NDR | Stand: 29.06.2020, 14:47

Darstellung: