Kommentar: Werder Bremens Rettung wie ein Wunder

Bremens Trainer Florian Kohfeldt (r.) jubelt.

NDR-Sport

Kommentar: Werder Bremens Rettung wie ein Wunder

Werder Bremen hat den Abstieg verhindert - es war mehr ein Geschenk als ein Verdienst. Den Grün-Weißen, die auch in der Relegation maßlos enttäuschten, stehen stürmische Zeiten bevor. Alles muss auf den Prüfstand, ein "Weiter so" darf es nicht geben, wenn der Abstiegskampf nicht zum ständigen Begleiter werden soll.

Ein Kommentar von Andreas Bellinger, NDR.de

Unglaublich! Werder Bremen bleibt in der Bundesliga, hat den zweiten Abstieg nach 1980 gerade noch verhindert. Ein Glückstag für die Grün-Weißen. Aber sicher kein ungetrübter Freudentag, angesichts der Leistung, die selbst gegen den engagierten Zweitligisten aus Heidenheim fernab der eigenen Ansprüche blieb und die Aussichten für die kommende Saison düster erscheinen lässt. Das von Sportchef Frank Baumann zusammengestellte Team ist unfähig für neue Wunder. Es tat sich selbst damit schwer, ein Geschenk wie die Relegation anzunehmen. Die Werder-Familie hat sich in einer von Corona, Verletzungen und Finanzsorgen geprägten Spielzeit einen Kokon gesponnen, in dem Fehler, Unzulänglichkeiten und ein fast naives Wunschdenken den Niedergang befördert haben.

In der Sackgasse

Der Werder-Weg steckt nach 1.900 Bundesliga-Spielen - so viele wie kein anderer Verein aufweisen kann - in der Sackgasse. Wer wie die Grün-Weißen regelmäßig nicht nur sportlich, sondern auch in anderen Bereichen den eigenen Erwartungen nicht genügt, hat in der Bundesliga eigentlich nichts verloren. Alles gehört auf den Prüfstand. Hat zum Beispiel die gute Vorsaison den Blick für Schwachstellen vernebelt? Warum waren achselzuckende Statements ("Wir haben schlecht gespielt, das müssen wir ändern") selbst nach dem ersten Relegationsspiel noch zu hören? Erreicht der Trainer die Mannschaft wirklich noch, wenn die Spieler seine Pläne "nicht auf den Platz bringen können" (Kohfeldt)? Und warum gibt es dann keinen erkennbaren Plan B?

Kritik an Werder-Familie unerwünscht

Der unerschütterliche Glaube an die Werder-Familie ließ selbst in höchster Not nicht zu, was selbst eingefleischte Kohfeldt-Fans spätestens nach dem verpatzten Re-Start der Saison für unabdingbar hielten: einen Wechsel des Cheftrainers, der mehr und mehr Linie und Fortune verloren hatte. Europa als "Minimalziel" (Kapitän Niklas Moisander) auszugeben, war angesichts von Platz acht im Vorjahr nachvollziehbar. Daran aber festzuhalten, als die Realität längst eine andere war, könnte auch von Hochmut zeugen - und hat die Talfahrt womöglich erst richtig in Fahrt gebracht. Niemand traute sich, die bedrohliche Situation beim Namen zu nennen. Als es der besonnene Rune Bratseth tat, reagierte die Werder-Familie beleidigt.

Verletzten-Seuche unterschätzt

Sicher litten die Bremer unter einer beispiellosen Verletzten-Seuche. Mitunter fehlten zwölf Stammkräfte, in der Reha sollen sich acht Spieler wieder verletzt haben. "Wie kann so was passieren?", fragt sich nicht nur Ex-Manager Willi Lemke. Erst nach der Corona-Zwangspause hieß es, dass die Mannschaft endlich fit für 90 Bundesliga-Minuten sei.

Werder-Rettung: Reaktionen und Analysen Verfügbar bis 07.07.2021

Andere Baustellen blieben: die eklatante Schwäche im Weserstadion; nur zwei von 17 Heimspielen wurden gewonnen. Die Flut an Gegentoren, die noch nie so groß war. Oder die Flaute im Sturm. Negativrekorde, wohin man nur schaut. Die meisten Leistungsträger spielten fast die komplette Saison weit unter Niveau. Dabei hätte allein das peinliche 0:5 im Weserstadion gegen Mainz 05 gereicht, schon in der Hinserie klare Kante im Umgang mit der Mannschaft zu zeigen. Stattdessen musste Aufsichtsratschef Marco Bode noch in der Pause des Relegationshinspiels mahnen, dass die Mannschaft nun hoffentlich begriffen habe, wie schwer die Aufgabe gegen Heidenheim sei.

Zoff mit Ultras programmiert?

Wenigstens die Hansestadt kann wirtschaftlich und nicht zuletzt in puncto Image-Verlust erst einmal aufatmen. Für Werder werden die Einschnitte bei Fernseh- und Sponsoreneinnahmen dank des Klassenverbleibs weniger dramatisch ausfallen. Die Diskussion um neue Investoren und der Zoff mit den Ultras, die schon gegen den Hauptsponsor (Wiesenhof) und Stadion-Namensgeber (Wohninvest) protestiert haben, werden trotzdem kommen. Zumal in der Corona-Krise erstmals Kredite beantragt werden mussten. Überdies werden die Ablösen (geschätzt 14 Millionen Euro) für die Leihspieler Ömer Toprak und Leonardo Bittencourt fällig. Die Prognosen stehen erneut eher auf Abstiegskampf und Sparkurs - sportlich wie wirtschaftlich. Milot Rashica wird nicht der einzige Großverdiener sein, der Werder den Rücken kehrt.

Dieses Thema im Programm:
Sportclub | 05.07.2020 | 22:45 Uhr

NDR | Stand: 07.07.2020, 10:58

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