Kampagne gegen Homophobie: Starke Aktion - und nun?

NDR-Sport

Kampagne gegen Homophobie: Starke Aktion - und nun?

Von Ines Bellinger, Sina Braun und Robin Hollstein

Die Aktion ist aufsehenerregend, der Anlass eher traurig. Mit der Kampagne "Ihr könnt auf uns zählen!" in der Zeitschrift "11Freunde" treten 800 Fußballerinnen und Fußballer Homophobie entgegen und für Mitspieler ein.

Der Appell hat sich über den Hashtag #ihrkönntaufunszählen in Windeseile über die Sozialen Medien verbreitet und Schlagzeilen gemacht. Inzwischen unterstützen Tausende Fans und Sympathisanten Aussagen wie die von Union-Profi Max Kruse, der mit seiner Botschaft sogar auf dem Titel von "11 Freunde" abgebildet ist. Der gebürtige Reinbeker, der früher auch für den FC St. Pauli, den VfL Wolfsburg und Werder Bremen gespielt hat, sagt: "Wenn sich einer meiner Kollegen outen würde, würde ich ihn vor den Idioten da draußen schützen, die sich immer noch von Homosexuellen gestört oder gar bedroht fühlen."

Kampagne mit Hunderten ist einzigartig

Darum, einen Fußballprofi zu einem Coming-out zu drängen, gehe es den Initiatoren der Kampagne gar nicht, sagen sie. Sie wollen in erster Linie ein Zeichen setzen und denen, die meinen, sie müssten ihre sexuelle Ausrichtung im Verborgenen halten, zurufen: Wenn ihr uns braucht, sind wir da! In Deutschland ist diese Kampagne einzigartig. Zwar gab es im Fußball schon mehrere Aktionen für mehr Vielfalt und gegen Homophobie mit Eckfähnchen und Kapitänsbinden in Regenbogenfarben. Bisher kamen sie aber eher als Lippenbekenntnisse daher. Dass sich Hunderte Profis öffentlich und geschlossen gegen Homophobie positionieren, ist neu. Wird die Aktion nachhaltig Wirkung entfalten?

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Aktion gegen die Sprachlosigkeit

"Das ist ein Riesenschritt, eine unglaublich starke Aktion, denn der deutsche Fußball hat jahrzehntelang unter einer Sprachlosigkeit gelitten", sagt Alexander von Beyme vom schwul-lesbischen Sportverein Startschuss in Hamburg. "Dass sich jetzt so viele zusammengetan haben und ihre Unterstützung äußern, ist noch einmal eine andere Qualität und Dimension, die vielen Mut machen und sie bestärken könnte."

"Das ist ein Riesenschritt, eine unglaublich starke Aktion, denn der deutsche Fußball hat jahrzehntelang unter einer Sprachlosigkeit gelitten."
— Alexander von Beyme

Der NDR Redakteur betreibt "Das schwule Blog" und ist sich im Klaren darüber, dass Homosexualität im (Männer-)Fußball immer noch als Tabu-Thema behandelt wird. Auch im Jahr 2021 gibt es keinen aktiven Profi-Fußballer in Deutschland, der offen zu seiner Homosexualität steht. Das Outing von Thomas Hitzlsperger liegt sieben Jahre zurück. Der heutige Sportvorstand beim VfB Stuttgart wartete das Karriereende ab, ehe er den Schritt wagte.

Lahm rät von Outing ab

Die Signale, die aus dem großen Fußball-Geschäft kommen, sind auch eher ernüchternd. Die nächste Weltmeisterschaft findet in Katar statt, einem Land, in dem gleichgeschlechtliche Liebe unter Strafe steht. Und es gibt immer noch Insider, die von einem Outing in der von einem antiquierten Männlichkeitsbild geprägten Fußball-Szene abraten. Wie der frühere Nationalmannschaftskapitän Philipp Lahm. "Die Verantwortung wäre mir zu groß", schreibt der Weltmeister von 2014 in seinem neuen Buch. Gegenwärtig seien "die Chancen gering, so einen Versuch in der Bundesliga mit Erfolg zu wagen und nur halbwegs unbeschadet davonzukommen". Er würde einem betroffenen Spieler nicht einmal raten, sich mit seinen Mitspielern im eigenen Club über dieses Thema zu unterhalten.

Von Beyme: Die, die anfeinden, sind im Unrecht

Aussagen, die im Rest der Gesellschaft kontrovers diskutiert werden dürften. "Er hat seine Erfahrung und seine Meinung. Mir persönlich ist das zu sehr angstgetrieben", sagt von Beyme. Und: "Es blendet zu sehr aus, dass diejenigen, die Homosexuelle anfeinden, im Unrecht sind." Spitzensportler müssten so viel Druck aushalten, warum sollte das einem Fußballer nicht nach einem Outing gelingen? "Im Hintergrund schwingt da ein nicht so gutes Klischee über Homosexuelle mit", findet er.

Popp: "Jeder sollte lieben und leben, wie er will"

Offene Anfeindungen, Diskriminierungen, Beleidigungen - im Frauenfußball erleben Spielerinnen das selten. Homosexualität ist voll akzeptiert, Outings in dem Sinne gibt es kaum noch, weil sich niemand verstecken muss. "Jeder sollte lieben und leben, wie er will. Da ist es egal, wenn man auf dem Fußballplatz steht, ob man auf Männer oder auf Frauen steht, es geht am Ende um die Leistung", sagt Nationalmannschaftskapitänin Alexandra Popp vom VfL Wolfsburg, die sich ebenfalls an der Kampagne beteiligt hat. Der VfL hat in Anna Blässe und Lara Dickenmann sogar ein Ehepaar unter Vertrag. Ex-Kapitänin Nilla Fischer tritt seit Jahren offen für Vielfalt und Toleranz ein. Die Dänin Pernille Harder machte keinen Hehl daraus, dass sie wegen ihrer Lebensgefährtin Magdalena Eriksson von Wolfsburg zum FC Chelsea wechseln wollte.

Kemme: "Wir sind schon ziemlich weit"

Die in Stade geborene Tabea Kemme sprach vor Kurzem im NDR 2-Bundesligashow-Podcast und in der ARD-Sendung Sportschau Thema über Homophobie im Fußball. Die Ex-Nationalspielerin glaubt fest daran, dass der Fußball im Wandel ist und die Befürworter der Versteckspiele bald von einer neuen Generation abgelöst werden. "Man sollte lieber den Fokus auf die 800 legen, die das befürworten. Ich glaube, wir sind schon ziemlich weit", sagt sie im NDR mit Blick auf die Lahm-Äußerungen.

Damit die Kampagne auf fruchtbaren Boden fällt, brauche es nun jemanden, der vorangehe. "Da gehört ziemlich viel Mut dazu. Und der wird das eine oder andere Mal gegen Hindernisse laufen und vielleicht vorher schon weggegrätscht", sagt Kemme. Sie selbst sei nach ihrem Auftritt in der Sportschau-Sendung Mitte Dezember von vielen angeschrieben worden, die sich bedankt und sie ermuntert hätten. Wie ihr dürfte es vielen Beobachtern gehen: "Der Fußball ist purer Kommerz, aber mir fehlt das Storytelling, ich will die Geschichten von den Spielern. Das ist doch das, was den Sport prägt."

Kruse: "Öffentliche Reaktion schlicht zu groß"

Auch von Beyme ist gespannt, was nach der Aktion kommt. Natürlich sei die Kampagne gegen Homophobie nur eine symbolische Aktion. "Aber solche Symbole brauchen wir, immer und immer wieder." Auf der anderen Seite glaubt er, dass es "morgen, nächste Saison und auch übernächste Saison nicht" einen geouteten Profi geben wird. Trotz seines Engagements sieht auch Max Kruse die Realität im deutschen Profifußball eher nüchtern: "Wenn ein Fußballprofi sein Coming-out hätte, wäre die öffentliche Reaktion schlicht zu groß", sagt er in "11Freunde". Er könne jeden verstehen, der sich dem nicht aussetzen wolle. Traurig genug, merkt Alexandra Popp an, dass man sich darüber im Jahr 2021 noch Gedanken machen müsse.

Dieses Thema im Programm:
NDR Info | 18.02.2021 | 14:00 Uhr

NDR | Stand: 18.02.2021, 16:46

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