Ruderer Torben Johannesen aus Hamburg

Finals in Berlin Johannesen will Rudern populärer machen - und Gold in Paris

Stand: 23.06.2022 10:55 Uhr

Im Deutschland-Achter führt seit Jahren kein Weg an Torben Johannesen vorbei. Bei den Finals in Berlin startet der Ruderer aus Hamburg an diesem Wochenende im Zweier ohne. Der Erfolg ist sekundär. Der 27-Jährige will vor allem seinen Sport voranbringen.

Torben Johannesen, Sie haben es wieder in den Achter geschafft und mit dem Sieg beim Weltcup im polnischen Posen am vergangenen Wochenende auch den ersten Erfolg eingefahren. Bei den Finals rudern Sie nun im Zweier. Ist das eine willkommene Abwechslung?

Torben Johannesen: Ja, auf jeden Fall. Es ist ein ganz anderes Format. Es geht nicht über 2.000 Meter. Ich fahre mit meinem Zweier-Partner Niclas Schröder über eine Sprintdistanz. Boot gegen Boot - mitten in Berlin. Es hat einen ganz anderen Charakter und es ist gut, mal rauszukommen aus dem Trainingsalltag und dem Achter-Fahren.

Sie werden ja vor allem als Teil des Achters wahrgenommen. Aber der Zweier gehört fest zu Ihrem Repertoire.

Johannesen: Der Zweier ist immer unsere Qualifikationsmöglichkeit, um überhaupt in den Achter zu kommen. Deshalb fährt man am Anfang der Saison sehr häufig Zweier - etwa von Oktober bis April. Da gibt es nur kurze Achterblöcke. Danach geht man hauptsächlich in den Achter, und der Zweier wird nur noch zwei bis dreimal pro Woche zum Ausgleich trainiert.

Wie groß ist die Umstellung und wie wichtig ist es Ihnen, bei den Finals gut abzuschneiden?

Johannesen: Im Zweier kommt es auf andere Dinge an. Der Achter ist ein bisschen stabiler, zu zweit bekommt man eine direktere Rückmeldung, wenn irgendwas nicht so gut funktioniert. Man kann das Boot aber auch besser laufen lassen. Im Achter wird mehr über Kraft und Dynamik gemacht, im Zweier kann man sehr viel über technischen Flow lösen. Es ist entspannter, auch für den Puls.

Unser Trainer hat schon gesagt, dass es für die Nationalmannschaft keinerlei Auswirkungen hat, ob man gewinnt oder Letzter wird. Aber natürlich hat jeder Sportler seinen eigenen Anspruch, möglichst schnell von A nach B zu kommen.

Nach den Olympischen Spielen hat es im Deutschland-Achter einen großen Umbruch gegeben. Wie haben Sie diesen Übergang erlebt?

Johannesen: Es ist eine große Veränderung, wir haben nur noch drei Sportler von den Olympischen Spielen dabei. Es ist ein komplett neues Team, ein neuer Charakter. Wir hatten uns über Jahre eingespielt. Aber das ist jetzt auch eine Chance. Die jungen Sportler haben Lust, die drücken und geben super viel Gas, um in den Deutschland-Achter zu kommen. Das tut dem Team gut.

Sie haben mittlerweile seit fünf Jahren Ihren Platz im Achter. Und mit Ihren bald 28 Jahren sind Sie schon ein alter Hase. Inwiefern hat sich Ihre Rolle durch den Umbruch verändert?

Johannesen: Vorher war man ein bisschen davon abhängig, dass erfahrene Sportler wie Richard Schmidt oder Hannes Ocik uns an die Hand nehmen, uns Tipps geben und uns zeigen, wo der Weg lang führt. Jetzt musste zwangsläufig ich diese Rolle einnehmen. Aber ich freue mich darauf, den jungen Sportlern zu zeigen, was man alles investieren muss, um dann wirklich ganz oben zu stehen und den Ansprüchen, die wir auch an uns selbst stellen, gerecht zu werden.

Was ist der Weltcup-Sieg in Posen wert?

Johannesen: Insgesamt war es schade, dass die Kanadier im Finale nicht gestartet sind. Aber die Australier sind natürlich, weil sie im olympischen Finale waren, ein sehr wichtiger Gegner. Von daher war es ein erster Fingerzeig. Aber mehr auch nicht. Die großen Gegner wie Großbritannien, Rumänien, Holland und Neuseeland, wenn sie dieses Jahr einen Achter haben werden, sind unsere Hauptkonkurrenten und werden die Messlatte sehr hoch legen.

In diesem Jahr stehen noch die European Championships in München und die WM in Tschechien an. Der Zyklus im Ruder-Achter ist aber immer an Olympia ausgerichtet. Wie präsent sind die Spiele in Paris 2024 schon?

Johannesen: Dadurch, dass wir jetzt den stärksten Umbruch in den letzten drei Zyklen hatten, gucken wir erst einmal von Jahr zu Jahr. Es geht nur step by step. Aber das große Ziel sind die Olympischen Spiele. Wenn man sich aussuchen könnte: dreimal Weltmeister oder einmal Olympiasieger? Dann würde wohl jeder Sportler den Olympiasieg nehmen und die drei WM-Titel dafür eintauschen.

Sie sind in den letzten Zügen ihres Bachelor-Studiums und werden bald zum ersten Mal Vater. Haben Sie wie Ihre Teamkollegen nach den Spielen auch darüber nachgedacht, Ihre Karriere zu beenden?

Johannesen: Ich habe einfach nach den Spielen gemerkt, dass ich noch nicht fertig bin mit dem Spitzensport. Das Rennenfahren treibt mich immer noch an. Meine Frau hat auch schnell gemerkt, dass ich den Biss habe, noch mal alles zu geben. Ich bin mit der Silbermedaille aus Tokio zwar zufrieden, aber sie ist nicht das, was ich unbedingt wollte. Ich möchte noch einmal alles auf eine Karte setzen und versuchen, diese olympische Goldmedaille zu holen. Deshalb haben wir uns als Familie einen Plan gemacht, wie wir das bis zu den Olympischen Spielen optimal hinbekommen.

Ist es angesichts des aktuellen Umbruchs denn überhaupt realistisch, dass Sie in zwei Jahren wirklich die ersehnte Goldmedaille gewinnen?

Johannesen: Einfach ist es nie, olympisches Gold zu holen. Da muss schon alles passen. Die jungen Sportler haben großes Entwicklungspotenzial. Mit 20 kann man sich noch enorm steigern. Da kann ich mit 27 von der Steigerung her nicht mehr mithalten. Irgendwann hat man sein Maximum erreicht. Das Team hat auf jeden Fall die Möglichkeit, es hinzukriegen, dass wir bei den Olympischen Spielen um die Medaillen mitkämpfen.

Wie viele andere Sportarten hat auch das Rudern mit Nachwuchssorgen zu kämpfen. Welche Rolle können die Finals spielen, um Kinder und Jugendliche für Ihren Sport zu begeistern?

Johannesen: Wir haben beim Achter keine Breite, Ausfälle wie zuletzt durch Corona können wir nur sehr schwer kompensieren. Wir können Sportler nicht herbeizaubern. Es wäre natürlich schön, wenn die Finals dazu beitragen, dass sich junge Sportler neben der Schule für einen Sport entscheiden und das ist Rudern. Und nicht die Hauptsportarten Fußball oder Handball. Es würde mich riesig freuen, wenn sie uns jetzt sehen und sagen: "Das ist eine richtig coole Sportart. Ich möchte mich jetzt beim Rudern anmelden."

Sie waren bei Olympia und sind bei den European Championships gerudert. Sind diese Multisport-Events die Zukunft?

Johannesen: Wir haben 2018 in Glasgow gemerkt, dass das eine unfassbar gute Möglichkeit ist, als Randsportart Medienpräsenz zu bekommen. Dadurch, dass ein Riesen-Event daraus gemacht wird, wird jeder einzelne Sport attraktiver. Man kann schon sagen, dass das die Zukunft ist, um in den Fokus der Öffentlichkeit zu treten.

Und was erwarten Sie von den Finals?

Johannesen: Wir freuen uns, dass Rudern wieder im Fokus steht. Für uns ist es ein neues Format, das wir alle noch nicht kennen. Die Vorfreude ist groß und es wird auf jeden Fall ein lustiges Wochenende.

Das Interview führte Florian Neuhauss

Dieses Thema im Programm:
Sport aktuell | 23.06.2022 | 14:17 Uhr