Impfen gegen Corona: Vorfahrt für Olympia-Sportler?

NDR-Sport

Impfen gegen Corona: Vorfahrt für Olympia-Sportler?

Von Andreas Bellinger, Ben Wozny und Ole Zeisler

Sollen Olympia-Sportler beim Impfen gegen das Coronavirus bevorzugt werden? Der Rechtsphilosoph Reinhard Merkel unterstützt den Vorschlag, Gesundheitsexperte Karl Lauterbach ist dagegen. Und was wollen die Athleten?

Bloß keine Sonderrechte - aber darüber zu sprechen wird wohl erlaubt sein? Ein halbes Jahr vor dem geplanten Beginn der Olympischen Spiele in Tokio hat Richard Pound als dienstältestes Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) mit seiner Idee, Athletinnen und Athleten in Vorbereitung auf das weltweit größte Sportereignis mit Priorität zu impfen, eine kontroverse Diskussion angeschoben.

"Wir möchten uns nicht in irgendeiner Form vordrängen", beeilt sich Deutschlands oberster Sportfunktionär Alfons Hörmann dann auch zu sagen. Der DOSB unterstütze die vom Ethikrat und der Politik vorgegebene Impf-Reihenfolge. Ein obsoleter Vorschlag also?

DOSB erwartet "sachgerechte Abwägung"

Im Laufe des Frühjahrs könne sich die Situation ganz anders darstellen, sagt der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) allerdings auch und verweist drauf, "dass dann auch solche Gruppen drankommen könnten wie die Athletinnen und Athleten, die vor Olympia regelmäßig zu Qualifikationswettkämpfen international unterwegs sind.

"Ganz automatisch", wie Hörmann betont, "weil bei sachgerechter Abwägung diese tausend oder zweitausend Athleten*innen im absoluten Spitzensportbereich berücksichtigt werden sollen." Wunschdenken für die einen - eine realistische Vision für den 78-jährigen Pound ("Die Entscheidung muss jedes Land für sich treffen"), aber auch für den Rechtsphilosophen Reinhard Merkel.

Rechtsphilosoph Merkel: "Idee grundsätzlich richtig"

"Die Idee finde ich grundsätzlich richtig", sagt der Hamburger dem NDR. "Ich bin dafür, dass die potenziellen Olympia-Kandidaten vorgezogen werden, wenn die am meisten gefährdeten, sehr alten und vorerkrankten Leute geimpft sind." Zwei Gründe nennt der 70-Jährige, der als Schwimmer 1968 in Mexiko-City selbst am Start war: Zum einen die Bedeutung der Olympischen Spiele "für eigentlich die ganze Menschheit". Sie dürften nicht zu einem Corona-Spreading-Event werden.

Und: Die geringe Zahl an potenziellen Olympia-Kandidaten würde niemand anderen "fühlbar, merkbar, ausrechenbar benachteiligen. Wir reden von ungefähr 800 Leuten, die zu den Olympischen Spielen fahren. Athleten, Trainer, Funktionäre", so Merkel, der bis zum vorigen Jahr Mitglied im deutschen Ethikrat war. Vielleicht 4.000 Menschen würden im Vorfeld für die Qualifikationswettbewerbe in Betracht kommen.

Lauterbach: Diskussion zum falschen Zeitpunkt

Eine überschaubare Größe im Vergleich zu rund 80 Millionen Deutschen, die im besten Fall geimpft werden könnten. Sicherlich. Und doch hat der Gedanke daran für den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach einen schalen Beigeschmack. "Ich frage mich, ob es das richtige Signal ist?" Wenn Kinder nicht in die Kita oder Schule dürfen, ganze Wirtschaftszweige um die Existenz fürchten, Kultur und auch der Breitensport finanziell am Stock gehen, sind Sonderrechte für Spitzensportler vermutlich schwer vermittelbar.

Karl Lauterbach | Bild: NDR/Wolfgang Borrs

"Bei allem Verständnis für die Sorgen der Olympia-Sportler" kommt die Diskussion für den Epidemiologen zum falschen Zeitpunkt. "Solange wir nicht für jeden, der geimpft werden will, einen Impfstoff haben, und nicht einmal in der Lage sind, selbst die Risikogruppen komplett zu impfen, halte ich es persönlich für sehr problematisch, Sportler zu privilegieren."

Imke Onnen: "Nicht auf Teufel komm raus"

Was aber denken die Athleten selbst? Merkel vermutet eine "intuitiv vorsichtige, defensive Zurückhaltung". Wenn sie sich jetzt laut mit einer Forderung zu Wort meldeten, würden sie eine Menge Gegenwind kriegen. Hochspringerin Imke Onnen scheint allein die Frage unangenehm zu sein.

Im NDR sagt die 26-Jährige von Hannover 96, die sich auf ihre ersten Olympischen Spiele vorbereitet: "Ich möchte diese Entscheidung nicht treffen müssen; würde das gerne einer Ethikkommission überlassen." Wenn es möglich wäre, würde sie sich selbstverständlich impfen lassen. "Viele wünschen sich das - aber nicht auf Teufel komm raus."

Impfbevorzugung für Olympia-Athleten?

Verfügbar bis 18.01.2021


Turnerin Seitz: "Viele wichtiger als wir"

Turn-Meisterin Elisabeth Seitz, die unverdrossen auf ihre dritte Olympia-Teilnahme hofft, möchte auf keinen Fall vor älteren Menschen, die vielleicht gesundheitliche Probleme haben, oder denen in systemrelevanten Jobs an der Reihe sein. "Es gibt ungeheuer viele, die sehr viel wichtiger sind in der Gesellschaft als wir. Die müssen vor uns kommen; daran darf nichts geändert werden", sagt Seitz - überlegt kurz und fügt im Widerstreit von Herz und Verstand hinzu: "Vielleicht minimal: Ich zum Beispiel bin als junge gesunde Frau ganz am Ende dran. Vielleicht könnte man ein klein wenig nach vorne rücken, dass es rechtzeitig zu den Olympischen Spielen klappt."

Steigende Infektionszahlen in Tokio

Tatsächlich könnte die Zeit knapp werden. "Die ersten Qualifikationswettkämpfe stehen relativ früh an", sagt Merkel. "Wir sollten die Diskussion jetzt führen, sachlich und vernünftig." Doch ob die Spiele im Sommer überhaupt stattfinden können, ist angesichts rapide steigender Infektionszahlen und des aktuellen Ausnahmezustands im Großraum Tokio ungewisser denn je.

Auch Pound klingt bei seinen Aussagen in der BBC skeptisch, "weil die Wellen des Virus immer noch wie ein Elefant im Raum stehen". Warum die Spiele nicht auf 2022 verschoben worden sind, hat Lauterbach schon im Vorjahr kritisiert. "Es war doch klar, dass wir eine sehr schwere zweite Welle bekommen würden." Nun drohe sogar eine dritte Welle, weil "große Teile der Welt Mitte des Jahres noch nicht geimpft sein werden".

IOC-Chef Bach: Impfpflicht ausgeschlossen

Ist es überhaupt denkbar, Olympische Spiele zu feiern, während Teile der Welt mit einer möglicherweise noch ansteckenderen Variante des Coronavirus kämpfen? Könnte Tokio im schlimmsten Fall sogar ein Lockdown während der Spiele drohen? Rund 11.000 Sportlerinnen und Sportler aus aller Welt werden zu den Spielen vom 23. Juli bis 8. August in Japans Hauptstadt erwartet - plus eine ähnlich große Zahl an Funktionären, Helfern und Medienvertretern.

Zuschauer sollen nach den Vorstellungen der Olympia-Macher, die zum Schutz gegen Corona Mehrkosten von rund 760 Millionen Euro eingeplant haben, ebenfalls kommen. Eine Impfpflicht als Eintrittskarte für Teilnehmer hat IOC-Chef Thomas Bach bereits ausgeschlossen.

Dieses Thema im Programm:
10.01.2021 | 22:50 Uhr

NDR | Stand: 12.01.2021, 14:59

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