Immer Hansa Rostock und niemals leise: Gerd Kische wird heute 70

Gerd Kische steht am Alten Strom in Warnemünde. (Aufnahme von 2020)

NDR-Sport

Immer Hansa Rostock und niemals leise: Gerd Kische wird heute 70

Gerd Kische hat die Geschichte von Hansa Rostock als Spieler und Funktionär geprägt wie kaum ein Zweiter. Dabei ging der meinungsstarke Teterower keinem Konflikt aus dem Weg. Heute feiert er seinen 70. Geburtstag.

Die große Sause zu seinem Ehrentag gibt es allerdings nicht. Die Hansa-Legende zieht sich zum Urlaub mit Jagdfreunden nach Österreich, Ungarn und Kroatien zurück und stößt im kleinen Kreis auf sein Jubiläum an. "So viel wie früher vertragen wir nicht mehr. Ich will das bescheiden über die Bühne bekommen", sagte Kische.

Ob als beinharter Abwehrmann in der DDR-Oberliga (182 Einsätze), als 63-facher Nationalspieler und Olympiasieger oder später als Präsident und Manager - Kische drückte mehr als ein halbes Jahrhundert dem FC Hansa Rostock seinen Stempel auf: selbstbewusst, ehrgeizig, streitbar.

"Ich bin kein Nostalgiker. Es war eine wunderschöne Zeit. Das war's. Ich bin rundum zufrieden und glücklich. Ob der ein' oder andere es auch mit mir war, weiß ich nicht", sagt Kische ohne Wehmut.

100 Meter in 10,7 Sekunden

Schon mit 19 debütierte der gebürtige Teterower in der ersten Mannschaft und wusste sich im Ensemble der erfahrenen Hansa-Größen wie Herbert Pankau, Gerd Sackritz und Helmut Hergesell zu behaupten. "Gerd hatte fußballerische Qualitäten, die heute noch gefragt wären. Er war sehr schnell, körperlich robust und kaum auszuspielen. Wahrscheinlich war er einer der besten rechten Verteidiger seiner Zeit", urteilt sein früherer Mitspieler Joachim Streich.

Vor allem Kisches Tempo beeindruckte: Zu seinen besten Zeiten lief er die 100 Meter in 10,7 Sekunden.

"Bulle" Kische gewinnt 1976 Olympia-Gold

Schnell gelang dem "Bullen", wie Kische wegen seiner Statur genannt wurde, der Sprung ins Nationalteam. Mit der DDR-Auswahl holte er 1976 in Montreal den Olympiasieg - der größte Erfolg seiner Laufbahn. "Wir haben völlig verdient Gold geholt, waren vielleicht noch stärker als zwei Jahre zuvor bei der WM", erinnert sich der Stammverteidiger, der auch beim legendären 1:0-Sieg der DDR gegen die Bundesrepublik bei der WM 1974 im Aufgebot stand.

"Es hat unheimlich gut getan, denen zu zeigen, dass wir auch Fußball spielen können. Aber als Klassenkampf haben wir das Spiel nicht empfunden", ordnete der Defensivmann später den Sieg des Außenseiters ein.

Hansa Rostock stets die Treue gehalten

Obwohl Hansa in den 1970er-Jahren dreimal in die zweitklassige DDR-Liga abstieg, hielt Kische seinem Heimatclub die Treue. Erst auf Druck des Fußballverbandes, der den unbequemen Spieler loswerden wollte, musste er 1981 den FC Hansa verlassen und ließ seine aktive Laufbahn bei zweitklassigen Vereinen in Rostock und Neubrandenburg ausklingen.

Streit mit Trainer Reinders und Präsident Diestel

Nach der Wende startete Kische seine Funktionärskarriere. Als Präsident feierte er mit Hansa 1991 den letzten DDR-Meistertitel und die Qualifikation zur Bundesliga. Da er sich aber mit Uwe Reinders überwarf und den Trainer feuerte, war er am Abstieg 1992 nicht unbeteiligt. "Irgendwann war mir klar: Wir haben sportlichen Erfolg - und einen Vollidioten als Präsidenten", sagte Reinders dem "kicker". "Jedes Mal, wenn die Presse von der 'Reinders-Elf' schrieb, hat er sich beschwert bei mir, als ob ich die Texte verfasst hätte."

Auch als Manager eckte Kische unter seinem Präsidenten-Nachfolger Peter-Michael Diestel an und musste 1995 bei Hansa endgültig gehen. "Da gibt es ein paar positive Dinge, ein paar negative Dinge und auch ein paar Sachen, die man hätte besser sein lassen können", resümiert Kische. Vielleicht meint er damit auch ein Fernseh-Interview, in dem er seinem damaligen Chef attestierte, "überhaupt keine Ahnung" zu haben.

Kische: "Mir geht es gesundheitlich gut"

Heute tritt Kische nur selten öffentlich auf. Beruflich blickt der Bauunternehmer dem Ruhestand entgegen. "Mir geht es gesundheitlich gut. Ich bin ruhiger geworden. Wenn ich aber der Meinung bin, dass etwas ungerecht läuft, dann sprüht der Ätna noch mal richtig Feuer", betont er.

Auch wenn der einstige Verteidiger wegen der Corona-Pandemie länger nicht mehr im Ostseestadion war, verfolgt er mit "beiden Augen und Ohren" die Spiele seines Herzensclubs. Der Ex-Funktionär stellt den Verantwortlichen nach dem Aufstieg in die Zweite Liga ein positives Zeugnis aus. "Der Trainer gibt sich die größte Mühe, auch Manager Pieckenhagen macht seine Sache besser, als ich gedacht hätte. Ich hoffe, dass Hansa dran- und drinbleibt und sich in der kommenden Saison neue Ziele stecken kann", meint das Urgestein.

Ob Kische seine Geburtstagsfeier in Rostock nachholt, lässt er offen. "Mal sehen, wen ich alles beleidigt habe, weil ich nicht da war. Ich bin froh, wenn ich den Dingen aus dem Weg gehen kann", sagt der Jubilar - und lacht dabei.

Dieses Thema im Programm:
Nordmagazin | 23.10.2021 | 19:30 Uhr

NDR | Stand: 23.10.2021, 00:01

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