HSV-Vorstand Wettstein: "Wir werden es irgendwann schaffen"

Frank Wettstein

NDR-Sport

HSV-Vorstand Wettstein: "Wir werden es irgendwann schaffen"

Der HSV hat dreimal nacheinander den Aufstieg in die Fußball-Bundesliga verpasst. Die Corona-Krise trifft auch den Club aus dem Hamburger Volkspark. Genaue Zahlen zur wirtschaftlichen Lage gibt es erst nach Ende des Geschäftsjahres am 30. Juni. Im NDR Interview nimmt Finanzvorstand Frank Wettstein Stellung zu drängenden Fragen.

Herr Wettstein, wissen Sie schon, wie viele Fans Sie ab Ende Juli ins Volksparkstadion lassen dürfen?

Frank Wettstein: Wir haben die Hoffnung, dass in Anbetracht der steigenden Impfquoten und der sinkenden Corona-Inzidenz die Zuschauer-Zulassung wieder ein akutes Thema wird. In welcher Größenordnung wir Zuschauer begrüßen können, hängt sicher auch von den Erfahrungen der Europameisterschaft und insbesondere der Partien in München ab. Die Entscheidung wird erst kurzfristig vor dem ersten Spiel fallen können.

Beim FC St. Pauli wurden 50 Prozent der Stadionkapazität gefordert. Können Sie sich mit dieser Größenordnung anfreunden?

Wettstein: Die würden wir uns wünschen, aber ich glaube, das ist zum Start eher unrealistisch. Wir sind in engem Austausch mit den Gesundheitsbehörden. Wir haben unsere Konzepte alle vorgelegt. Zudem haben wir die Erfahrungen auch aus anderen Ligen, die schon weiter sind im Thema Zuschauer-Zulassung. Und jetzt muss die Politik eine Entscheidung treffen. Da hilft es uns nichts, wenn wir öffentlich Forderungen stellen.

Auf welcher Basis können Sie überhaupt - was die Zuschauer angeht - eine wirtschaftliche Planung vornehmen?

Wettstein: Wir nehmen natürlich auch ohne Zuschauer eine wirtschaftliche Planung vor. Sie hat halt nur das falsche Vorzeichen. Aber das können wir nicht ändern. Wir haben da wenig Handlungsspielraum, um die Situation zu beeinflussen.

Wo haben Sie noch Spielraum, um an weitere finanzielle Mittel zu kommen?

Wettstein: Prinzipiell sind wir bislang passabel durch die Corona-Pandemie gekommen. Die Dinge, die wir mit unseren Partnern vereinbart haben, reichen bis heute aus und werden mit Sicherheit auch noch die nächsten Wochen und Monate ausreichen, um stabil durch die Krise zu kommen und immer ausreichend Finanz-Spielraum zu haben. Aber wir sind natürlich im Bereich unserer Investitionen - Infrastruktur, Spielerkader oder Sonstiges - sehr vorsichtig unterwegs. Trotzdem sind und bleiben wir handlungsfähig. Vielleicht werden die Investitionen etwas langsamer abgearbeitet, aber wenn es gebraucht wird, werden wir die notwendigen Dinge auch umgesetzt haben.

Unter anderem sind Sie verpflichtet, das Volksparkstadion für die Euro 2024 zu sanieren. Dafür haben Sie einen Vertrag mit der Stadt Hamburg geschlossen, der Ihnen mehr als 23 Millionen Euro einbringt. Aber es gibt immer wieder Stimmen, die sagen: Der HSV kassiert das Geld nur, um Corona-Folgen auszugleichen - und am Ende bleibt nichts mehr übrig für die nötige Stadion-Sanierung.

Wettstein: Das wird sehr vereinfacht und verkürzt dargestellt. Zum einen kriegen wir keine staatlichen Subventionen. Sondern: Wir haben eine Grundstücks-Transaktion vollzogen. Wir haben das Stadion-Grundstück verkauft und kriegen von der Stadt den Kaufpreis, der den Verkehrswert darstellt, überwiesen. Das Ganze war mit der Stadt unter den Corona-Voraussetzungen einfacher zu verhandeln.

"Wir haben unsere Wettbewerbsposition keinesfalls verschlechtert. Und wir haben noch nicht alle Register gezogen, keine KfW-Kredite in Anspruch genommen, uns droht auch kein Punktabzug wegen Lizenzauflagen."
— HSV-Finanzvorstand Frank Wettstein

Aber das Thema der alten Stadionverträge aus 1998 hat mich schon sehr lange bewegt, und ich hätte diese Verträge gern auch ohne die Herausforderungen der Pandemie schon viel früher mit der Stadt geschlossen. Jetzt ist es endlich machbar gewesen. Natürlich helfen uns die Gelder, die bisher noch nicht da sind, um möglicherweise den Corona-Schaden auszugleichen. Die Investitions-Themen werden wir aber so oder so vorantreiben. Wir sind gegenüber der UEFA verpflichtet, gewisse Maßnahmen umzusetzen. Das ist ganz unabhängig davon, ob die Stadt hilft oder nicht. Wir haben es dabei ein Stück weit selbst in der Hand, die Anforderungen der UEFA zu erfüllen. Entweder durch dauerhafte Investitionen oder temporäre Maßnahmen.

Um welche Maßnahmen geht es in dem Katalog der UEFA?

Wettstein: Katalog ist fast untertrieben. Es ist ein kompletter Brockhaus, was wir alles erfüllen müssen (lacht). Das Einfachste ist sicher noch die Anzahl der Sitzplätze, die wir vorhalten müssen. Unter anderem Flutlicht, Beschallung, Sanitäranlagen, VIP-Bereich, Medienplätze. Grundsätzlich sind wir in der Lage, die Anforderungen der UEFA zu erfüllen. Wir haben drei Jahre Zeit, die Maßnahmen umzusetzen - und das wird uns auch gelingen.

Sie haben, im Gegensatz zu anderen Vereinen, noch keine wirtschaftliche Hilfe von Banken in dieser Corona-Krise in Anspruch genommen. Kann dies noch ein Thema werden? Schließlich haben Sie zuletzt von einem Umsatz-Einbruch in Höhe von 60 Millionen Euro gesprochen.

Wettstein: Es macht keinen Sinn, etwas kategorisch auszuschließen. Denn wir wissen alle nicht, wie es weitergeht. Bisher haben wir unseren Weg gefunden, den ich nach wie vor für sehr, sehr gut halte. Aber keiner weiß, ob uns die Pandemie in einem Jahr doch weiter beschäftigt. Dann kann es sein, dass solche Maßnahmen auch für uns interessant sein könnten.

Der Bundesliga-Aufstieg wurde erneut verpasst, und Sie fahren in diesem Geschäftsjahr wieder einen hohen Verlust ein. Unter diesen Vorzeichen gab es Anfang Juni eine Hauptversammlung der Anteilseigner an der HSV AG. Dort - so wurde berichtet - soll es von den Aktionären sehr deutliche Kritik an Ihnen und Ihrem Kollegen Jonas Boldt gegeben haben. Müssen Sie um Ihren Job fürchten?

Wettstein: Es geht hier nicht um mich. Was berichtet wurde über die Hauptversammlung, stand in keinem Zusammenhang mit der Veranstaltung, die hier wirklich stattgefunden hat. Da hat niemand über Gebühr Kritik geäußert. Natürlich haben wir kritisch diskutiert. Nichtsdestotrotz sind alle Beschlüsse, so wie Vorstand und Aufsichtsrat sie eingebracht haben, einstimmig gefasst worden. Als Vorstand haben Jonas Boldt und ich gemeinsam die Situation sachlich vorgetragen und Rückfragen beantwortet. Und dann war die Versammlung auch recht zügig zu Ende und nicht, wie es dargestellt wurde, eine Veranstaltung über mehrere Stunden.

Der HSV e.V., mit gut 75 Prozent der Mehrheitsgesellschafter der HSV AG, hat gerade ein Vakuum. Es fehlt ein gewähltes Präsidium. Für den 8. August ist nun die Mitgliederversammlung geplant. Was erwarten Sie?

Wettstein: Für den Gesamtverein ist es sicher notwendig, wieder ein gewähltes Präsidium zu haben, das auch die Strategie vorgibt. Für uns in der Lizenzspielerabteilung ist es sicher nur zweitrangig. Wir sind handlungsfähig mit Vorstand und Aufsichtsrat. Wir können ja nicht sagen, dass wir Entscheidungen vor uns herschieben, nur weil Ämter nicht besetzt sind. Ich denke da würden wir uns angreifbar machen.

Sie sind im HSV-Vorstand zu zweit. Sind Sie unterbesetzt und brauchen eine Vorstandsvorsitzenden oder eine Vorsitzende?

Wettstein: Ich lese aber auch immer wieder, der HSV müsse Kosten sparen. Ich sehe ehrlich gesagt die Vakanz nicht. Wenn der Aufsichtsrat allerdings beschließt, er müsse einen dritten Vorstand bestellen, der uns besser macht, dann bin ich der Erste, der sich freut und dies unterstützt. Letztlich entscheidet dieses Thema der Aufsichtsrat.

Wenn Sie einen Blick nach vorn richten - wo soll der HSV in zwei oder drei Jahren stehen?

Wettstein: Wenn ich mir momentan die Fußball-Landschaft anschaue, dann identifizieren wir viele Clubs, die sich im Rahmen der Pandemie sehr kurzfristig finanziert haben und die aufgenommenen Gelder in den nächsten Jahren zurückzahlen müssen. Das geht in der Regel zu Lasten des Lizenzspieler-Budgets. Ich glaube, unsere Maßnahmen helfen uns dagegen auf lange Sicht. Wir haben unsere Wettbewerbsposition keinesfalls verschlechtert. Und wir haben noch nicht alle Register gezogen, keine KfW-Kredite in Anspruch genommen, uns droht auch kein Punktabzug wegen Lizenzauflagen. Wir stehen auf der stabilen Seite und haben Planungssicherheit. Und wir haben keine Transferbeschränkungen. Ich setze darauf, dass wir gute und richtige Entscheidungen treffen und unsere Position auch tabellarisch verbessern können.

Wie sehr drängen Sie auf eine Umstellung der Rechtsform von einer AG in eine KGaA? Viele HSVer hoffen, dass damit weitere Investoren angelockt werden können.

Wettstein: Akut ist das Thema nicht. Mein Wunsch ist, dass die Debatte im HSV e.V. auf sachlicher Ebene mit den Mitgliedern geführt wird. Nachdem ich jetzt seit rund 20 Jahren im Fußball tätig bin, würde ich persönlich immer die KGaA bevorzugen. Wichtig ist aber erst einmal eine sachliche Diskussion.

Sie sind seit Ende 2014 beim HSV und haben noch einen Vertrag bis Juni 2022. Was haben Sie hier noch vor?

Wettstein: Als ich zum HSV gekommen bin, hieß es, der HSV dürfe nicht absteigen, sonst wäre er wirtschaftlich am Ende. Dann hieß es, der HSV sei abhängig von Herrn Kühne und ohne ihn am Ende. Von Pandemie hat da noch niemand gesprochen. Jetzt kommt alles gleichzeitig und wir spielen im vierten Jahr in der Zweiten Liga. Und trotzdem: Der HSV ist immer noch überlebensfähig und hat seine Position sicherlich nicht verschlechtert. Es ist unser Anspruch, dass wir den Club stabil in die Zukunft führen und immer versuchen, den sportlichen Erfolg mit unseren Mitteln zu ermöglichen. Umsetzen muss es dann die Mannschaft, denn das haben wir nur begrenzt in der Hand. Aber wir geben nicht auf, starten einen neuen Versuch und werden es auch irgendwann schaffen.

Spielt der HSV auch 2022 mit um den Aufstieg in die Bundesliga?

Wettstein: Wir machen Leistungssport, und Leistungssport heißt: Wir wollen die Spiele gewinnen. Und wenn wir das tun, spielen wir auch um den Aufstieg mit. Ob es nachher Platz zwei, vier oder sechs wird, weiß ich nicht. Unser Ziel ist sicher nicht, die Saison über in der zweiten Tabellenhälfte zu verbringen. Daher gehe ich davon aus, dass so lange der HSV in der Zweiten Liga spielt, er immer einer der fünf, sechs Clubs sein wird, die um den Aufstieg mitspielen.

Das Interview führte Lars Pegelow

Dieses Thema im Programm:
NDR 90,3 | Sportplatz | 13.06.2021 | 18:00 Uhr

NDR | Stand: 13.06.2021, 19:19

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