HSV unaufsteigbar? Hrubesch angefressen - Boldt kämpferisch

NDR-Sport

HSV unaufsteigbar? Hrubesch angefressen - Boldt kämpferisch

Von Matthias Heidrich

Der HSV hat die Bundesliga-Rückkehr wieder verpatzt. Trainer Horst Hrubesch ging nach der Pleite von Osnabrück hart mit der Mannschaft ins Gericht. Sportvorstand Jonas Boldt spürt trotz aller Enttäuschung Rückendeckung im Verein.

Hrubesch blieb sich auch nach der bitteren 2:3-Pleite gegen den VfL zunächst treu. Der 70-Jährige verteilte an der Bremer Brücke seine typischen Streicheleinheiten: Ein Abklatschen hier, eine Umarmung da - "Papa Hrubesch" spendete seinen konsternierten Profis Trost. Doch dann, vor den Mikrofonen der Journalisten, schaltete der Interimscoach auf den "Ungeheuer-Modus" um.

"Das waren nicht die 100 Prozent, die du brauchst, um Spiele zu gewinnen. Und jeder hat gewusst, dass er die geben muss. Da braucht sich jetzt keiner rausreden aus der Nummer."
— HSV-Trainer Horst Hrubesch

"Ich bin eigentlich jemand, der immer für seine Spieler steht und für seine Spieler macht und erwarte einfach, dass man auch zurückzahlt. Dass man sich einfach mal hinterfragt: Ist das wirklich alles?", sagte Hrubesch im NDR Interview und hatte so gar nichts Väterliches mehr an sich. "Ich bin enttäuscht. Die Osnabrücker haben alles in die Waagschale geworfen, warum tun wir es nicht?"

Gute Frage, werden sich nicht wenige HSV-Fans denken. Denn dieses Phänomen ist beim Rautenclub ein wiederkehrendes. Wenn es drauf ankommt, liefern die anderen verlässlich mehr ab. Das hat selbst die Club-Ikone nicht ändern können, oder zumindest nur für ein Spiel gegen Nürnberg.

Boldt: "Ein paar Dinge deutlicher hinterfragen"

Der 70-Jährige wird die Saison mit dem letzten Heimspiel gegen Braunschweig als Chefcoach zu Ende bringen und als Direktor ins Nachwuchsleistungszentrum zurückkehren. Was dann kommt? Der x-te Neuanfang im Volkspark, den Sportvorstand Jonas Boldt planen muss. Der zeigte sich nach dem dritten verpassten Wiederaufstieg in Folge aber ebenso ratlos wie Hrubesch.

"Wir haben uns lange Zeit auf einem guten Weg befunden und sind dann davon abgekommen. Das zeigt, dass man ein paar Dinge deutlicher hinterfragen muss", sagte er dem NDR. Auch sich selbst? Immerhin zeichnet der Sportvorstand für die jüngsten, erfolglosen Trainer-Entscheidungen und die Kaderzusammenstellung mitverantwortlich.

"Ich spüre enorme Rückendeckung, sowohl im Aufsichtsrat als auch im Verein und in der Stadt."
— HSV-Sportvorstand Jonas Boldt

Boldt gab sich jedenfalls kämpferisch: "Auch wenn die Enttäuschung sehr groß ist, werde ich genug Energie haben, an vorderster Front voranzugehen." In der Praxis bedeutet das, dass der 39-Jährige einen neuen Trainer finden muss, der im vierten Anlauf vielleicht die richtigen Knöpfe bei den HSV-Profis drückt.

Doch was für ein Typ passt zum scheinbar unaufsteigbaren Verein? Der erfahrene Dieter Hecking gab nach dem Scheitern Ende vergangener Saison auf, der unverbrauchte Daniel Thioune musste bei seinem zweiten Profijob Anfang Mai vorzeitig gehen. "Wir werden einen auswählen, der den Weg der Entwicklung weitergeht, mit hungrigen Spielern. Das ist die einzig sinnvolle Lösung", sagte Boldt.

"Nicht von Aufstieg und von der Ersten Liga träumen"

Allerdings sind die finanziellen Mittel des Vereins schon seit langem knapp. Corona und die fehlenden Zuschauereinnahmen durch die Geisterspiele machen die Lage nicht besser. Dabei muss in den Kader investiert werden. Top-Torjäger Simon Terodde wechselt zum Bundesliga-Absteiger Schalke 04, andere Spieler erwiesen sich gerade in der entscheidenden Phase der Saison nicht als stabil genug.

"Man muss noch genauer hinschauen, wer dazu bereit ist, die Situation anzunehmen. Und nicht immer nur von Druck zu reden", meinte Boldt. Es gehe darum, "während der Saison auch bei sich zu bleiben". Man solle nicht abheben, "nicht von Aufstieg und von der Ersten Liga träumen, dass der HSV dahin gehört", sagte er. "Wir müssen uns das hart erarbeiten."

Hrubesch streicht Dudziak aus Braunschweig-Kader

Dass auch in dieser Spielzeit eben genau diese hungrigen Spieler offensichtlich fehlen, hat nun sogar Club-Legende Hrubesch an vorderster Stelle miterlebt. Am Tag nach der Pleite gegen Osnabrück zog der 70-Jährige daraus eine Konsequenz: Er strich Jeremy Dudziak aus dem Kader für das letzte Saisonspiel am Sonntag gegen Eintracht Braunschweig (15.30 Uhr, im Livecenter bei NDR.de). Der 25 Jahre alte Mittelfeldakteur habe sich "nicht an einfache teaminterne Regeln gehalten", teilte der HSV am Montagabend mit.

Dieses Thema im Programm:
Sportclub | 16.05.2021 | 22:50 Uhr

NDR | Stand: 17.05.2021, 17:29

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