Giorgi Chakvetadze, Neuzugang beim HSV

NDR-Sport

HSV-Neuzugang Chakvetadze im Datencheck: Guter Transfer, aber Zeitdruck

Stand: 29.01.2022, 14:37 Uhr

Mit der Verpflichtung von Giorgi Chakvetadze erhofft sich Fußball-Zweitligist HSV mehr Durchschlagskraft in der Offensive. Passt der Georgier ins Team, wo liegen dessen Stärken und welche Position ist die richtige für den 22-Jährigen? Eine Datenanalyse.

Von Florian Neuhauss

Auf sein Debüt im HSV-Trikot musste die Leihgabe von KAA Gent nicht lange warten. Keine 24 Stunden nach seiner Verpflichtung stand Chakvetadze beim 1:5 (1:4) im Testspiel gegen den FC Midtjylland in der zweiten Hälfte auf dem Platz. Dass er für Sonny Kittel reinkam, war ein Wechsel mit Symbolcharakter. Denn der Spielmacher der Hamburger fehlt im kommenden Zweitliga-Spitzenspiel beim SV Darmstadt 98. Chavetadze könnte also auch sehr schnell zu seiner Pflichtspiel-Premiere kommen.

"Ich hoffe, dass ich mich schnell einlebe und die Mitspieler kennenlerne, damit ich dem Club auf dem Platz helfen kann", sagte der georgische Nationalspieler (13 Spiele, fünf Tore), der sich gegen Midtjylland ins offensive Mittelfeld einfügte - ohne groß positiv oder negativ aufzufallen. Die Daten zeigen, dass Chakvetadze nicht nur sehr gut zum HSV, sondern mit seiner Spielweise auch bestens zu allen möglichen Mitspielern in der Offensive passt.

Chakvetadze mit Potenzial zur internationalen Klasse

Eigentlich sind die vier Offensivpositionen im System von Trainer Tim Walter fest vergeben. Robert Glatzel als Mittelstürmer ist dabei genauso gesetzt wie Faride Alidou, Kittel und Bakery Jatta in der Dreierreihe dahinter. "Testspiele sind zum Testen da", meinte Walter nach dem Vergleich mit dem dänischen Vizemeister, in dem Chakvetadze erst links und dann im zentralen offensiven Mittelfeld agierte.

NDR Grafik zur Datenanalyse von HSV-Neuzugang Giorgi Chakvetadze

Laut GSN-Daten ist Chakvetadzes beste Position tatsächlich die im Zentrum, auch links fühlt er sich wohl. Sein aktueller "GSN-Index" beträgt 67,50. Das entspricht gehobenem Bundesliga-Durchschnitt. Sein möglicher "GSN-Index" liegt bei 76,18 - und damit deutlich in der internationalen Klasse. An dieser Stelle muss allerdings betont werden, dass der HSV Chakvetadze aus Belgien auch nur bis zum Ende der laufenden Saison ausgeliehen hat. Der Neue muss also schnell funktionieren.

Das steckt hinter dem "GSN-Index"

Vier-Säulen-Prinzip:

  1. "fußballerische Eigenschaften": Technik, Spielübersicht oder der erste Kontakt: Einschätzungen über 130 fußballspezifische Eigenschaften von mehr als 300 Scouts weltweit.
  2. "fußballerisches Potenzial": Wo werden Spieler besser, wo stagnieren sie oder entwickeln sich zurück? Ein Algorithmus analysiert Daten aus der ersten Säule und vergleicht Spielertypen.
  3. "Performance auf dem Spielfeld": Tore, Pässe, Fouls, Schüsse oder auch Abseitspositionen: Die Spiel-Basisdaten und weiterführende Analysen wie "Expected goals" oder "Action scores" werden durch einen Algorithmus in einen übergeordneten Kontext gesetzt - zum Beispiel positionsbezogen.
  4. "Spielniveau": Jede Mannschaft oder Liga hat einen Zahlenwert, der ihre Stärke bemisst. Oberliga oder Champions League: Je höher das Spielniveau des Gegners, desto positiver wirkt es sich auf den "GSN-Index" aus.

Bewertungs-Skala:

  • 85 - 100: Weltklasse
  • 70 - 85: internationale Klasse
  • 60 - 70: Durchschnitt Bundesliga bzw. der Top 5 Ligen
  • 50 - 60: Durchschnitt 2. Bundesliga

Zwei "GSN-Index-Werte":

  • aktueller "GSN-Index": zeigt die aktuelle, allumfassende Qualität eines Spielers basierend auf den Daten der vier Säulen und Algorithmus-Berechnungen.
  • möglicher "GSN-Index": Künstliche Intelligenz ermittelt anhand der Daten das bestmögliche, zukünftige Leistungsniveau eines Spielers.

Und in dieser Spielzeit lief es für den Georgier bisher nicht rund: Achtmal stand er in der belgischen Jupiler Pro League auf dem Platz (insgesamt 308 Minuten), sein "Performance-Score" liegt bei 56,22. Nimmt man noch seine Einsätze im Pokal und für die georgische Nationalmannschaft hinzu (insgesamt 798 Minuten) sinkt er auf 54,89. Zum Vergleich: Um auf seinen beiden Positionen in die Zweitliga-Elf der Hinrunde zu kommen, hätte Chakvetadze einen durchschnittlichen "Performance-Score" von über 58,00 gebraucht. Und am vergangenen Spieltag landete Kittel mit 64,88 in der Elf des Wochenendes.

Vorbote für Alidou-Abgang?

Die Daten zeigen allerdings, dass Chakvetadze und Kittel (aktueller "GSN-Index" 70,41 - möglicher "GSN-Index" 74,40) nicht unbedingt Konkurrenten um dieselbe Position sein müssen. Kittels stärkste Position ist die im linken offensiven Mittelfeld. Sollten die HSV-Verantwortlichen vorhaben, Chakvetadze ins Zentrum zu ziehen, könnte der Transfer doch noch auf einen schnellen Abgang von Linksaußen Alidou hindeuten.

Chakvetadzes Stärken sind die Duelle eins gegen eins, sein Passspiel, seine Übersicht, seine Kreativität und seine Beweglichkeit. Allerdings offenbart der gebürtige Tifliser deutliche Schwächen in der Defensivarbeit und auch seine Laufleistung von durchschnittlich 10,04 km pro 90 Minuten sind noch sehr ausbaufähig. Sein Top-Speed von 32,95 km/h ist für einen Spieler im Zentrum gut, er ist auch schneller als Kittel (32,18). Auf der Außenbahn haben ihm Alidou (34,26) und Jatta (34,88) allerdings noch einiges voraus - wenngleich er wie Kittel spielstärker als Alidou und Jatta ist.

Chakvetadze nicht so torgefährlich wie Kittel, ...

Aber könnte Chakvetadze wirklich Kittel im Zentrum ersetzen? Der direkte Vergleich ihrer Karriere-Daten zeigt, dass Kittel offensiver denkt. Der Hesse ist selbst torgefährlicher (im Schnitt alle drei Spiele ein Tor, Chakvetadze braucht fünf), kreiert pro 90 Minuten mehr Torchancen (1,47 zu 1,38), hat selbst mehr Chancen (1,01 zu 0,74) und mehr Ballkontakte im gegnerischen Sechzehner (3,17 zu 2,54). Kittel sucht zudem mit seinen Pässen häufiger die Stürmer als Chakvetadze (13,86 zu 10,15 Prozent).

... der Georgier hat aber andere Qualitäten

Allerdings ist der Georgier deutlich aktiver als sein neuer Mitspieler. Der 22-Jährige hat 82 Aktionen in 90 Minuten (Kittel 65) und davon sind 74,39 Prozent erfolgreich (Kittel 67,69). Bemerkenswert: Chakvetadze geht pro 90 Minuten zehnmal ins Dribbling und kommt sechsmal damit durch. Kittel wagt im Schnitt lediglich 3,3 Dribblings und verliert dabei in der Hälfte der Fälle den Ball.

Was ist der "Performance-Score"?

  • Tore, Pässe, Fouls, Schüsse oder auch Abseitspositionen: die Spiel-Basisdaten und weiterführende Analysen wie "Expected goals" oder "Action scores" werden beim "Performance-Score" durch einen Algorithmus in einen übergeordneten Kontext gesetzt - zum Beispiel positionsbezogen.
  • Beim "Performance-Score" sind alle Spieler zunächst einmal auf 0 gesetzt und werden anhand der reinen Leistungsdaten, kombiniert mit Datenmodellen, bewertet.
  • Damit liefert dieser Wert eine Einschätzung, wie gut oder schlecht ein Spieler aktuell spielt.
  • Der "Performance-Score" ist ein Baustein des GSN-Index, der wiederum eine generelle, langfristige Bewertung aller Fähigkeiten, Potenziale und Qualitäten eines Spielers ist.

Chakvetadzes Quote bei 40 Pässen pro 90 Minuten beträgt sehr gute 85 Prozent - zumal er 4,6 Pässe ins letzte Drittel und 4,09 in den gegnerischen Sechzehner spielt. Auch hier ist er besser als Kittel: Der aktuelle HSV-Spielmacher kommt auf 38 Pässe je 90 Minuten, von denen 29 ankommen (76,31 Prozent). Und auch in Sachen Zweikämpfe ist der Neue überlegen: Chakvetadze kommt auf 21 Zweikämpfe pro 90 Minuten, seine Erfolgsquote liegt bei 47,61. Kittel hat in seiner Karriere im Schnitt lediglich elf Zweikämpfe geführt und auch nur 39,09 Prozent davon gewonnen.

Fazit: Guter Transfer, der aber schnell funktionieren muss

Mit Giorgi Chakvetadze haben Sportdirektor Michael Mutzel ("Wir beobachten seinen Weg schon länger") und Sportvorstand Jonas Boldt einen hochveranlagten Spieler an die Elbe gelotst. Allerdings ist fraglich, ob der 22-Jährige die erhoffte schnelle Verstärkung sein kann. In Gent, wohin er schon vor viereinhalb Jahren gewechselt war, lief es für ihn insgesamt nicht gut. Und in Hamburg muss er sofort funktionieren.

Dieses Thema im Programm:
Hamburg Journal | 28.01.2022 | 19:30 Uhr

Quelle: NDR

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