Fußball | DFB-Pokal HSV nach Pokal-Aus: Neuer Mut trotz altbekannter Fehler

Stand: 20.04.2022 11:30 Uhr

Die meisten HSV-Spieler wussten gar nicht, welche Wucht ihre Fans entwickeln können. Im DFB-Pokal gegen Freiburg brachten sich die Spieler auch selbst um den Erfolg. Geht jetzt noch was im Zweitliga-Endspurt?

Von Florian Neuhauss

ARD-Experte Bastian Schweinsteiger wollte seine Vermutung nach dem Spiel bestätigt wissen: Ob es Taktik gewesen sei, den HSV immer wieder auf dessen linke Seite zu drücken, um dort die Bälle zu gewinnen, fragte der Ex-Profi in der Sportschau Christian Streich. Freiburgs Trainer verstand die Frage nicht recht: "Na, was heißt Taktik? Man bereitet sich ein bisschen vor. Und Vagnoman und Schonlau sind Rechtsfüßer, die beide auf der linken Seite spielen", sagte Streich schulterzuckend. Oder mit anderen Worten: Unter Druck waren Fehler des Duos in der Hamburger Viererkette einfach abzusehen.

Für den Hamburger SV, der nach seinem DFB-Pokalsieg 1987 nun weiter auf die nächste Finalchance warten muss, war es eine Niederlage mit Ansage. Schon einige Zweitliga-Gegner hatten zuvor die Schwächen im Spielaufbau des HSV offengelegt. Auch bei Torhüter Daniel Heuer Fernandes, der immer für einen Fehlpass gut ist. Trotzdem blieb Trainer Tim Walter auch gegen die aktuell fünftbeste Mannschaft Deutschlands seiner Marschroute treu, die immer den kurzen Pass aus dem eigenen Sechzehner fordert. Während vielen Zweitligisten schlichtweg die Klasse dazu fehlt, bestrafte der SCF dieses fast schon überhebliche Spiel eiskalt.

HSV-Verteidiger Heyer: "Hatten uns viel vorgenommen"

"Die frühen Gegentore haben uns das Genick gebrochen. Das Ergebnis ist bitter", sagte Heuer Fernandes und sein Defensivkollege Moritz Heyer fügte hinzu: "Freiburg war extrem effektiv. Wir hatten uns viel vorgenommen und sind sehr, sehr enttäuscht."

Die Hamburger hätten durch Robert Glatzel (5.) schon früh selbst in Führung gehen können, und nach den beiden Fehlern ihres Torhüters war der Anschlusstreffer durch Anssi Suhonen (26.) drin. Stattdessen verursachte Heyer mit seinem Tritt in den Nacken des gestolperten Nico Schlotterbeck den für den HSV bitteren, aber nach Videobeweis absolut zwingenden Foulelfmeter. Mit dem 0:3 war die Partie nach 35 Minuten de facto entschieden.

Trotz der drei Nackenschläge verdienten sich die Gastgeber in der zweiten Hälfte den Ehrentreffer. Das Tor von Glatzel (88.) fiel aber nicht früh genug, um noch einmal für Spannung zu sorgen. "Wir sind beharrlich und fokussiert geblieben. Leider haben wir uns allerdings zu spät belohnt", sagte Walter, der seit seiner Amtsübernahme stets die Entwicklung seiner Mannschaft in den Vordergrund stellt: "Wir haben gezeigt, dass wir nicht aufgeben und fußballerisch mithalten können."

Stimmung im Volksparkstadion macht Lust auf mehr

Lust auf mehr hat das Spiel aber vor allem gemacht, weil das Volksparkstadion mit 57.000 Zuschauern zum ersten Mal seit über zwei Jahren und dem Beginn der Corona-Pandemie wieder ausverkauft gewesen ist. Für die meisten eingesetzten HSV-Spieler eine neue Erfahrung. "Die Stimmung war überragend. Was hier abgegangen ist, war der Wahnsinn", betonte Heyer. "Es hat wahnsinnig Spaß gemacht, dieses Spiel mit den Fans zu erleben. Wir würden uns freuen, wenn es immer so ist."

Doch das jüngste Heimspiel gegen den Karlsruher SC (3:0) hatten gerade einmal 24.892 Menschen im Stadion verfolgt. Ist der Glaube an den Aufstieg schon verflogen? Vier Spieltage vor dem Saisonende hat der HSV fünf Zähler Rückstand auf Relegationsrang drei. Und die Hamburger haben in dieser Saison nur noch ein Heimspiel - am 7. Mai gegen Hannover 96. Davor müssen die Norddeutschen auswärts in Regensburg und Ingolstadt ran sowie zum Saisonfinale bei Hansa Rostock.

Folgt wie in Kiel 2020 auf die Party der Kater?

"Wir gehen zuversichtlich in die nächsten Spiele", gab sich Heyer unverdrossen. Aber was ist für den HSV noch möglich? "Wir werden unseren Weg weitergehen und uns nicht von Ergebnissen entmutigen und irritieren lassen", erklärte Coach Walter. Doch es erinnert einiges an Holstein Kiel in der vergangenen Saison. Die "Störche" hatten als Zweitligist ebenfalls im Pokal für Furore gesorgt, dabei sogar die Bayern aus dem Wettbewerb geworfen - waren dann aber im Halbfinale gescheitert.

Am letzten Spieltag verpasste Kiel dann auch noch den direkten Aufstieg und musste in die Relegation. Letzteres wäre für die Hamburger angesichts des Saisonverlaufs schon ein großer Erfolg. Aber sollte der Sprung auf Rang drei noch gelingen, wäre ihnen ein anderer Ausgang als bei den Kielern zu wünschen. Die Schleswig-Holsteiner standen nach der insgesamt klaren Relegationsniederlage gegen den 1. FC Köln am Ende mit leeren Händen da. Auf die Pokalparty folgte der schwer zu ertragende Kater.

Dieses Thema im Programm:
Hamburg Journal | 19.04.2022 | 19:30 Uhr