HSV gegen St. Pauli: Neue Trainer, neuer Geist

HSV-Trainer Daniel Thioune (l.) und St.-Pauli-Coach Timo Schultz

NDR-Sport

HSV gegen St. Pauli: Neue Trainer, neuer Geist

Beim Zweitliga-Duell heute im Volksparkstadion feiern Daniel Thioune und Timo Schultz ihre Derby-Premiere als Cheftrainer. Beide stehen bei ihren Clubs für einen neuen Geist - und für neuen Erfolg.

Einen Derbysieg hat Daniel Thioune in seiner Trainerlaufbahn schon vorzuweisen, einen mit Pauken und Trompeten sogar. Allerdings handelte es sich vor gut zwei Jahren um das Nachbarschaftsduell zwischen dem VfL Osnabrück und Preußen Münster (3:0). Das ist zwar in Thiounes Heimatregion eine große Nummer, zählt aber im Hamburger Maßstab wahrscheinlich nicht viel.

Trainer vermissen Derby-Stimmung

Deshalb blickt Thioune voller Vorfreude auf das Hamburg-Duell, vermisst aber zugleich die ganz große Bühne: "57.000 Zuschauer im Stadion, eine explodierende Haupttribüne - das würde ich gerne einmal erleben", sagte der 46-Jährige dem NDR. Wegen der Corona-Pandemie sind heute Abend lediglich 1.000 Fans zugelassen - zudem ausnahmslos Anhänger des HSV.

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Was Thioune bislang verwehrt blieb, hat Schultz bereits erlebt. Beim 1:0-Erfolg des FC St. Pauli 2011 im Volksparkstadion stand der damalige Profi zwar nicht auf dem Platz, bejubelte aber Gerald Asamoahs Siegtreffer von der Bank aus. Auch der 43-Jährige vermisst die Fans: "Es würde ja jeder Trainer und Fußballer lügen, wenn er nicht sagen würde: 'Es fehlt einfach was.' Auch ausgepfiffen zu werden, angepöbelt zu werden und die Sprüche, die man hört: Ohne Zuschauer fehlen diese letzten Emotionen - das ist einfach so."

Thioune trotz starker Liga-Bilanz zurückhaltend

Thioune gegen Schultz ist ein scharfer Kontrast zur Konstellation bei den Stadtderbys der vergangenen Saison: Da standen sich die beiden Fußballlehrer Dieter Hecking (HSV) und Jos Luhukay (St. Pauli) gegenüber, die es zusammengezählt auf mehr als 110 Lebensjahre und mehr als 1.000 Spiele als Profitrainer bringen. Trotz dieser Erfahrung fanden beide am Ende aber keine Lösung für jene Probleme, die der sehr spezielle Fußball in der Zweiten Liga (Hecking) und auch der eigene Umgangston (Luhukay) mit sich brachten.

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Bei ihren Nachfolgern sieht das bislang anders aus, vor allem bei Thioune. Erst unter ihm scheint der HSV wirklich in der Zweiten Liga angekommen zu sein. Widerstände zu brechen, einen Plan B zu haben, wenn Plan A nicht funktioniert: All das, was dem großen Aufstiegsfavoriten in den entscheidenden Phasen der beiden vergangenen Spielzeiten abging, scheint Thioune ihm nun vermittelt zu haben - und sieht sein Team trotz des perfekten Ligastarts (fünf Siege in fünf Spielen) nicht in der Favoritenrolle: Entscheidend sei, "wer dieses Derby mit mehr Intensität, mehr Leidenschaft, mehr Willen und mit den besseren fußballerischen Ideen angeht".

Schultz will "auch was riskieren"

Die Zurückhaltung und Bescheidenheit ist berechtigt. Thioune hat genau mitbekommen, dass der Niederländer Luhukay mit St. Pauli beide Stadtduelle gewann, seine schwache Saisonbilanz am Ende aber auch dadurch nicht retten konnte und gehen musste. Nachfolger Schultz beurteilt viele Dinge im Kern zwar ähnlich wie sein knorriger Vorgänger. Trotzdem sieht auch am Millerntor vieles nach Aufbruch und Neuanfang aus.

Zuletzt lief St. Pauli mit der zweitjüngsten Mannschaft der Zweiten Liga auf. Talente wie Jannes Wieckhoff oder Finn Ole Becker trainierte Schultz bereits in der Nachwuchsabteilung des Clubs. Für ihn gilt genau wie für Thioune: Er ist näher dran an dieser Spielergeneration, als es sein Vorgänger war. Luhukay wollte ein Reizklima schaffen, Schultz ist es dagegen wichtig, "dass die Jungs mit Spaß zur Arbeit kommen". Seine Profis dürfen auch im Derby gegen den HSV Fehler machen: "Wir wollen aktiv sein und was riskieren. Wenn wir einen Fehler machen, dann machen wir ihn aus falschem Ehrgeiz oder aus Übermotivation, aber niemals, weil wir Angst haben."

Keine Parolen und Sprüche

Zum neuen Umgangston in beiden Hamburger Mannschaften passt auch das persönliche Verhältnis beider Trainer zueinander. Man kennt und schätzt sich. "Unsere Wege verlaufen ja fast parallel. Er war U17-Trainer während ich U17-Trainer war. Ich freue mich für ihn, dass es so gut läuft. Er wird es ganz gut verkraften können, wenn er am Wochenende vielleicht nicht drei Punkte mitnimmt", sagt Schultz über Thioune. Der ließ sich ein "Da muss schon vieles zusammenkommen, wenn der FC St. Pauli gewinnen will" entlocken. Sätze, die ganz anders klingen als die markigen Worte eines Peter Nogly 1977 ("Wir gewinnen 8:0") oder eines Thomas Meggle 2002 ("Den HSV schlagen wir sogar auf dem Mond").

Solche Parolen sind Thiounes Sache nicht: "Natürlich hat das Derby mehr Wert als nur drei Punkte, aber vielleicht ist es gar nicht verkehrt, dass einer da auch etwas nüchterner herangeht."

Dieses Thema im Programm:
Die NDR 2 Bundesligashow | 29.10.2020 | 06:00 Uhr

NDR | Stand: 30.10.2020, 10:56

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