Fußball mit Zuschauern? Experten sind skeptisch

St.-Pauli-Fans

NDR-Sport

Fußball mit Zuschauern? Experten sind skeptisch

Gibt es schon bald wieder Profi-Fußballspiele mit Zuschauern? Ein Hygiene-Konzept aus Leipzig sieht 20.000 Besucher ab September vor. Doch ist das eine gute Idee? Experten sind skeptisch.

Gibt es schon bald wieder Profi-Fußballspiele mit Zuschauern? Sachsen prescht vor und überlegt, vom 1. September an wieder Publikum in den Stadien zuzulassen. Demnach sollen Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Besuchern unter der Einhaltung von Hygieneregeln und der Kontaktverfolgung möglich sein. Erstligist RB Leipzig hat sogar ein Hygiene-Konzept entwickelt, das etwas mehr als 20.000 Zuschauer ab September vorsieht. Das Gesundheitsamt der Stadt Leipzig hat dem bereits zugestimmt. Doch ist das eine gute Idee? Der Virologe Professor Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg ist skeptisch.

"Regeln können nicht eingehalten werden"

"Wenn wir im September weiterhin ein sehr ruhiges Infektionsgeschehen haben, dann kann man mit einem guten Hygiene-Konzept sicherlich daran gehen, eine bestimmte Anzahl von Fans auch wieder ins Stadion zu lassen. Aber 20.000 - das ist schon eine sehr große Zahl. Wenn man sich dann vorstellt, dass sich einige nicht sehr diszipliniert verhalten, bestimmte Regeln nicht eingehalten werden können - das ist aus meiner Sicht schon schwierig, mit solchen Menschen-Ansammlungen gut umgehen zu können", sagte der Virologe dem NDR und gab zu bedenken: "Die großen Ausbrüche in Italien und Spanien sind eben auch durch Fußballspiele und insbesondere durch die Fans verstärkt worden. Das darf man nicht aus dem Blick verlieren."

Jubeln auf Abstand - Fans zurück ins Stadion? Verfügbar bis 11.07.2021

Lauterbach: "Perfekte Vorbereitung einer zweiten Welle"

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisiert wegen der Corona-Pandemie die Pläne der sächsischen Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) scharf. "Es wird einfach auf Risiko gespielt in der Hoffnung, es werde noch gut gehen", sagte der Epidemiologe dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Solche Maßnahmen könnten "die perfekte Vorbereitung einer zweiten Welle im Herbst sein. Spiele mit Zuschauern halte ich für nicht verantwortbar. Auch andere Großveranstaltungen ohne Grenze nach oben sind durch Hygienekonzepte nicht wirklich sicher zu machen. Denn die Kontaktverfolgung wird bei diesen Menschenmengen natürlich nicht gelingen", so Lauterbach.

Köpping: "Rufen, singen und schreien vermeiden"

Am Dienstag hatte Köpping Zuschauer in der Bundesliga ab September in Aussicht gestellt. "Man soll aber, wenn möglich, rufen, singen und schreien vermeiden", sagte Köpping und ergänzte: "Was noch nicht gelten wird, ist, dass das Stadion voll ist." Schmidt-Chanasit sieht hingegen in der Emotionalität ein Problem. Diese nicht zuzulassen oder zu zeigen sei etwas, "was ja eigentlich dem Fußballfan widerstrebt. Ich kann mir schwer vorstellen, dass man das unter Kontrolle hat. Denn man will als Fan etwas anderes, wenn man ins Stadion geht." Sig Zelt, Sprecher vom Bündnis ProFans, bestätigte das: "Natürlich gehören bei uns die Nähe, das laute Äußern und die Gesänge zu einem Fußballspiel dazu."

"Es könnte wieder, wie beim Re-Start, ein Signal sein, dass wir auf dem Weg zur Normalität sind. Aber da sind wir auch auf die Disziplin der Zuschauer angewiesen."

Bündnis ProFans "sehr skeptisch"

Es sei wichtig, ein gutes Konzept zu haben, das die Fans auch akzeptieren, betonte Schmidt-Chanasit. Bislang stößt die forcierte Teil-Öffnung der Stadien ab der kommenden Saison in der organisierten Fanszene jedoch auf wenig Gegenliebe. "Wir sehen das sehr, sehr skeptisch und können den Plänen nicht viel abgewinnen", so Zelt: "Viele von uns sagen: Wenn nicht alle reinkommen, dann geht gar keiner rein." Besonders das Thema "Kontaktverfolgung" löse Unbehagen aus, viele befürchten eine "Überwachung", so der ProFans-Sprecher. "Das schmeckt vielen überhaupt nicht. Sie befürchten, dass das missbraucht wird." Er könne sich vorstellen, dass organisierte Fangruppen trotz der Öffnung auf einen Stadionbesuch verzichten würden. "Das ist durchaus denkbar."

Ungleiche Fallzahlen in den Regionen

Das Bündnis "Unsere Kurve" verwies auf aktuell laufende Gespräche mit der Deutschen Fußball Liga (DFL) und dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) zu dem Thema. "Wir setzen uns an einen Tisch, aber es wird ein schwieriges Unterfangen", sagte Sprecher Rainer Vollmer. Die DFL plant derzeit ein Konzept für einen Bundesliga-Start im September mit Zuschauern. "Ich lasse mich gerne überraschen und ich bin ja auch überrascht gewesen, dass jetzt das DFL-Konzept so gut umgesetzt wurde und es auch nur zu wenigen Infektionen gekommen ist", sagte Schmidt-Chanasit.

"Geisterspiele wären wirtschaftlich und emotional eine Katastrophe. Die Hoffnung ist groß, dass zumindest ein Teil der Fans zurückkehrt. Eine Auslastung von 30 bis 50 Prozent sollte das Ziel sein, natürlich unter gewissen Voraussetzungen."

Vor allem die ungleichen Fallzahlen an Infizierten in den Regionen dürften aber bei der Erarbeitung eins der größten Hindernisse sein. Denn das Konzept müsste ja auch dafür sorgen, dass der Wettbewerb unter halbwegs fairen Bedingungen über die Bühne geht - in Bremen und Wolfsburg also vor vergleichbarer Kulisse wie in Stuttgart, Köln oder Leipzig der Ball rollt. DFL-Boss Christian Seifert machte in dieser Hinsicht zuletzt wenig Hoffnung: "Einen Regelbetrieb in dieser Corona-Situation zu etablieren, das wird die nächste große Herausforderung. Man wird immer individuelle Lösungen finden müssen."

Zuschauer im Stadion? Das sagt der Virologe Verfügbar bis 09.07.2021

Dieses Thema im Programm:
NDR Info | 08.07.2020 | 15:00 Uhr

NDR | Stand: 09.07.2020, 09:05

Darstellung: