Frauenfußball: Der neidische Blick nach England

Jubel bei der deutschen Fußball-Nationalspielerin Melanie Leupolz (r.) und der Australierin Samantha Kerr vom Chelsea LFC

NDR-Sport

Frauenfußball: Der neidische Blick nach England

Von Inka Blumensaat

Auf der britischen Insel hat der Frauenfußball ganz andere Möglichkeiten als in Deutschland. Auch dank eines millionenschweren TV-Vertrags.

Am Sonnabend (16.10 Uhr, live im Ersten) trifft die deutsche Nationalmannschaft in Wiesbaden in einem Freundschaftsspiel auf Australien. Der Fokus von Alexandra Popp & Co liegt auf dem kommenden Jahr: Dann findet in England die Europameisterschaft statt. Der Frauenfußball auf der Insel sorgt bereits jetzt für Furore. Immer mehr internationale Stars spielen in der Super League; im März verkündete der englische Verband, die Football Association (FA), einen neuen millionenschweren TV-Vertrag.

Bis zu 66 Liga-Partien live

Die Nachricht aus dem März bedeutet nicht weniger als eine Revolution im Frauenfußball: In England haben sich "Sky" und die "BBC" ab der kommenden Spielzeit umfangreiche TV-Rechte an der FA Women's Super League, der Ersten Liga der Frauen, gesichert. Pro Saison zahlen die neuen Rechteinhaber insgesamt rund zehn Millionen Euro. Die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt wird 22 Partien live zeigen, den Großteil davon in den Programmen BBC 1 und BBC 2. Der Pay-TV- Sender "Sky" verspricht bis zu 44 Übertragungen teils zur besten Sendezeit.

"Da kann man nur neidisch werden", sagt Bianca Rech, Sportdirektorin der Fußballerinnen des FC Bayern München, dem NDR. "Das ist ein absoluter Meilenstein und es gibt so etwas bislang nicht im Frauenfußball. Die englischen Clubs werden eine riesige Sichtbarkeit erlangen und das bedeutet, dass wir in Deutschland noch weiter hinterherhinken werden."

Wachstumsstrategie mit Frauenfußball-Profiliga

Seitdem die "Lionesses" bei der Weltmeisterschaft 2015 in Kanada den dritten Platz belegten, geht es im Frauenfußball auf der Insel stetig voran. Die FA legte nach dem Turnier mit dem "Gameplan for Growth" eine Wachstumsstrategie vor. Die Zahl der Fußballerinnen sollte vom Nachwuchsbereich an deutlich erhöht, die Leistungen der Auswahlteams gesteigert werden. Auch bei der Entwicklung der Zuschauerzahlen und der Vermarktung setzte sich der Verband ambitionierte Ziele. Es sieht so aus, dass diese auf vielen Ebenen erfüllt wurden. Ein Finanzunternehmen konnte als Ligasponsor gewonnen werden und die Super League gilt als einzige Frauenfußball-Profiliga in Europa.

Old Trafford statt Amateurplätze

Die Fußballerinnen von Manchester United laufen ins Stadion Old Trafford ein.

Ein wichtiges Zeichen kam Ende März aus Manchester: Uniteds Fußballerinnen spielten gegen West Ham zum ersten Mal im berühmten Stadion Old Trafford - während in Deutschland manch Bundesliga-Stadion einem Amateurplatz ähnelt. Für Ralf Kellermann, Sportlicher Leiter beim VfL Wolfsburg, ist dies ein Ärgernis. "Ich sage schon seit Jahren, dass wir deutlich strengere Zulassungskriterien für die Liga brauchen. Wir brauchen eine vernünftige Infrastruktur, vernünftiges Flutlicht, Medienarbeitsplätze und vieles mehr. Nur dann können wir unser Produkt auch so präsentieren und vermarkten, dass die Fernsehanstalten Geschmack daran finden."

Nicht alle Vereine in Deutschland seien wirtschaftlich in der Lage, so aufzurüsten, manche könnten bei anspruchsvolleren Vorgaben an die Infrastruktur womöglich nicht mehr in der Bundesliga antreten. Dies sei bedauerlich, sagt Kellermann. Jedoch: "Auch die Traditionsvereine ohne Bindung zu einem Lizenzverein aus der Männer-Bundesliga müssen die Voraussetzungen erfüllen. Natürlich muss es das Ziel sein, alle Clubs mitzunehmen, wenn es darum geht, die Liga voranzubringen. Aber Ausnahmen hat es lange genug gegeben."

Nur wenige weibliche Profis in Deutschland

In England stehen hinter den Spitzenteams der Super League große und weltbekannte Clubs. Tabellenführer ist aktuell der FC Chelsea, Wolfsburg-Bezwinger im Viertelfinale der Champions League. Die deutsche Nationalspielerin Melanie Leupolz wechselte im vergangenen Sommer aus München nach London: "Hier ist alles sehr, sehr professionell. Wir haben einen riesengroßen Staff. Es gibt außerdem immens viele Bedingungen, die die Vereine erfüllen müssen, um in der Ersten Liga zu spielen. Und dadurch wirkt die ganze Liga viel professioneller als die deutsche Frauen-Bundesliga. Es darf auch keine Spielerin nebenbei arbeiten gehen."

In Deutschland hingegen gibt es abseits der Spitzenteams nur wenige weibliche Profis. "Das wäre auch ein Meilenstein für uns", sagt Rech. "Dass man sich nicht Gedanken machen muss, ob eine Mannschaft unter der Woche nachmittags ein Pflichtspiel bestreiten kann oder nicht, weil dann noch fünf Spielerinnen ihrem Beruf nachgehen müssen."

Englische Liga ausgeglichen

Ein weiterer Unterschied: In England ist die Liga umkämpfter als hierzulande, auch für die Zuschauer seien die Spiele spannender, sagt Leupolz. "Auch kleinere Mannschaften können immer punkten gegen die großen und haben immer Tormöglichkeiten. Das macht das Spiel natürlich attraktiv."

Das findet auch Thiago Silva. Der brasilianische Superstar steht bei Chelseas Männerteam unter Vertrag und zeigt sich seinen 17 Millionen Instagram-Followern regelmäßig als Fernsehzuschauer bei den Spielen der weiblichen Kolleginnen. Es gibt gemeinsame Fotoshootings von Spielerinnen und Spielern, und als die Frauen von Manchester United im Old Trafford antraten, twitterte ManU-Ikone Marcus Rashford: "Sie sind genau dort, wo sie es verdienen zu spielen." Auch deutsche Fußballerinnen würden sich so eine Anerkennung wünschen.

Kellermann: Bundesliga kann finanziell nicht mithalten

Strahlkraft hat die englische Liga auch dank Stars aus dem US-Nationalteam. Mit Tobin Heath, Samantha Mewis, Rose Lavelle und Christen Press stehen vier Weltmeisterinnen von 2019 in England unter Vertrag. Dazu kommen bekannte Gesichter wie die Australierin Samantha Kerr oder die dänische Nationalspielerin und ehemalige Wolfsburger Toptorschützin Pernille Harder. "Es ist ganz klar, dass wir uns mit den englischen Vereinen wirtschaftlich nicht messen können", sagt Wolfsburgs Kellermann. "Wenn eine Topspielerin vom VfL zum FC Chelsea oder zu Manchester City geht, dann kann sie ihr Gehalt etwas mehr als verdoppeln."

Bundesligisten fordern bessere Vermarktung

Der neue Fernsehvertrag wird die Unterschiede verstärken. Deutsche Clubs fordern seit langem ein besseres Marketing durch den DFB, der den zwölf Bundesligisten aktuell über die zentrale Vermarktung jeweils 300.000 Euro pro Saison garantiert. Rech konstatiert: "Aber wirklich passieren tut leider nichts. Jedoch ist nicht nur der DFB gefordert. Es sind ja auch Fernsehverträge geschlossen worden. Die, die Rechte eingekauft haben, müssen dafür sorgen, dass sie uns auch zeigen, uns Sichtbarkeit geben. Und letztendlich müssen auch alle Clubs dazu beitragen, dass die Liga attraktiver wird."

Die Europameisterschaft in England im kommenden Jahr bedeutet eine große Bühne. 2019 kamen zu einem Freundschaftsspiel zwischen England und Deutschland (1:2) fast 80.000 Zuschauer ins Londoner Wembley-Stadion, das Turnier kann eine große Chance sein, den Frauenfußball populärer zu machen. Längst nicht nur auf der Insel. Auch die deutschen Clubs könnten profitieren.

Dieses Thema im Programm:
Sport aktuell | 10.04.2021 | 16:10 Uhr

NDR | Stand: 09.04.2021, 13:18

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