Der Oldenburger Maik Lukowicz am Megaphon

NDR-Sport Ende der Leidensjahre? VfB Oldenburg träumt vom Profifußball

Stand: 26.04.2022 09:00 Uhr

Fast 30 Jahre nach dem knapp verpassten Bundesliga-Aufstieg, einer Insolvenz und dem zwischenzeitlichen Abrutschen in die Fünfte Liga darf der VfB Oldenburg von der Rückkehr in den Profifußball träumen. Der Sprung in Liga drei würde den Traditionsclub aber auch vor Probleme stellen.

Von Hanno Bode

Maik Lukowicz war voller Adrenalin. Zunächst schnappte sich der VfB-Angreifer nach dem 4:0-Erfolg im Topspiel der Regionalliga-Meisterrunde gegen den SC Weiche Flensburg eine Eckfahne und wedelte damit wild herum. Dann griff sich der 27-Jährige ein Megafon und grölte vor den feiernden Fans "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin" in den Hornlautsprecher. Eigentlich bedienen sich dieses Schlachtrufs ja primär Teams, die im DFB-Pokal weitergekommen sind und von einer Final-Teilnahme an der Spree träumen. Lukowicz aber spielte in diesem Moment auf die Aufstiegsspiele zur Dritten Liga an, in denen die Niedersachsen Stand jetzt auf den BFC Dynamo treffen würden.

Der frühere DDR-Serienmeister führt die Nordost-Staffel drei Runden vor dem Saisonende souverän an und träumt ebenso wie der VfB, der in der Meisterrunde nun acht Zähler Vorsprung vor Flensburg hat, von Liga drei. Noch allerdings müssen beide Mannschaften ihre Spitzenplätze behaupten, um in die Relegation zu kommen, sodass Oldenburgs Coach Dario Fossi nach dem Kantersieg gegen Weiche mahnte: "Wir sind nah dran, aber eben nur nah dran."

Mit Sidka, Baumgart und Assauer einst fast Bundesligist

Nah dran an einem großen Coup - das war der VfB schon einmal. Fast 30 Jahre ist es nun her, dass die Niedersachsen völlig überraschend die Aufstiegsrunde zur Bundesliga erreichten. Der Sprung in die Beletage wäre eine Riesensensation gewesen, von der damals eine ganze Region träumte. "Bei uns ist es einfach affentittengeil. Und deswegen müssen wir auch einfach mal nach oben", sagte Klaus Baumgart seinerzeit in einem Interview. Der Schlagersänger war zu dieser Zeit Vizepräsident des Clubs und verfolgte die Partien auf der Tribüne in einem knallbunten ballonseidenden Trainingsanzug. Neben ihm saß Manager Rudi Assauer und qualmte Zigarillos. Und als Spieler-Trainer zeichnete Wolfgang Sidka für den Oldenburger Höhenflug verantwortlich.

Bis zum letzten Spieltag durfte der VfB auf den Aufstieg hoffen. Am Ende musste er Bayer 05 Uerdingen, das einen Punkt mehr auf dem Konto hatte, den Vortritt lassen. Dem Beinahe-Aufstieg folgte in der darauffolgenden Saison der Abstieg. Sidka erlebte ihn als Coach nicht mehr mit. Er war am 28. Spieltag entlassen worden.

VfB zwischenzeitlich insolvent und Oberligist

Während der Ex-Profi anschließend zum Weltenbummler wurde und unter anderem die Nationalmannschaften von Bahrain und dem Irak trainierte, konnte Oldenburg nie wieder an die Erfolge unter dem heute 67-Jährigen anknüpfen. Zwar gelang 1996 noch einmal der Zweitliga-Aufstieg. Doch im Bundesliga-Unterhaus hielt sich der VfB nur ein Jahr. Anschließend war zunächst die Regionalliga und ab 2006 für vier Jahre sogar die Oberliga die sportliche Heimat des Traditionsclubs, der zu Beginn der 2000er Jahre in großen finanziellen Schwierigkeiten steckte.

Negativer Höhepunkt dieser Entwicklung war ein Insolvenzverfahren, das am Ende allerdings auch aufgrund von Benefizspielen gegen Werder Bremen, den Hamburger SV und Schalke 04 erfolgreich abgeschlossen werden konnte.

"Hier hat 25 Jahre nichts Großes stattgefunden"

Damit konnte der VfB wieder bei null beginnen. Er hatte allerdings viel Kredit bei seinen Fans und der lokalen Wirtschaft durch sein jahrelanges Geschäftsgebaren verspielt. Dementsprechend schwer war es, Gelder für den Aufbau einer schlagkräftigen Mannschaft zu akquirieren. An die Rückkehr in den Profifußball war an der Hunte mit Ausnahme der Saison 2015/2016, als der Club Regionalliga-Vizemeister wurde, lange nicht zu denken. "Hier hat 25 Jahre nichts Großes stattgefunden", sagte Sidka dann auch am Sonntag im NDR Sportclub.

NDR Film hievt Sidka ins Präsidenten-Amt

Der frühere Erfolgscoach des VfB ist im vergangenen Jahr zu den Oldenburgern zurückgekehrt. Nicht als Trainer, sondern als Präsident. Dass daran auch die Sportclub Story "Die goldene Zeit des VfB Oldenburg" großen Anteil hat, klingt zwar verrückt, entspricht aber der Realität, wie Sidka erklärte: "Diesen Film haben wahnsinnig viele Menschen gesehen. Er hat mir letztlich diesen Job eingebrockt. Es wurde damals ein Präsident gesucht, da der Posten schon lange vakant war. Dass ich es dann wurde, dafür war der Film ein Mitauslöser."

Er brachte Sidka zurück ins Gedächtnis der Gesellschafter und anderer Funktionsträger des Clubs, die akribisch daran arbeiten, die Weichen für eine Zukunft im Profifußball zu stellen. "Jeder versucht, an den entsprechenden Stellen an Schrauben zu drehen", so der VfB-Präsident.

Bei Aufstieg Umzug nach Wilhelmshaven?

Sportlich scheint die Chance in dieser Saison so groß wie lange nicht zu sein, den Sprung in die Dritte Liga zu schaffen. In puncto Fanzuspruch - gegen Flensburg kamen 3.732 Zuschauer - muss sich der Club auch keine Sorgen mache. Doch könnte der VfB in der dritthöchsten Spielklasse eine konkurrenzfähige Mannschaft stellen? Und noch viel elementarer: Wo würden die Niedersachsen ihre Heimspiele bestreiten? Im Marschweg-Stadion wohl nicht. Die altehrwürdige Arena verfügt über keine vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) von Drittligisten geforderte Flutlichtanlage. Eine solche würde die Fahrzeuge auf der angrenzenden Autobahn blenden.

Diskutiert wird daher bei den Oldenburgern die Option, im Aufstiegsfall die Heimspiele im 60 Kilometer entfernten Wilhelmshaven auszutragen. "Oder unser Stadion wird hergerichtet. Aber es bräuchte zum Beispiel eine Rasenheizung und mobiles Flutlicht", sagte Sidka, der mit Blick auf die Stadionfrage weiß: "Da kommt ganz schön was auf uns zu."

VfB hofft auf Stadionneubau und die Stadt

Der große Wunsch des VfB ist der Bau einer neuen Heimspielstätte. Pläne dafür gibt es bereits und mit dem Veranstaltungsgelände an der Weser-Ems-Halle auch schon einen möglichen Standort. Das Problem: "Wir als VfB Oldenburg können das nicht finanzieren. Da muss die Stadt helfen", erklärte Sidka, der den Neubau einer Arena als "Kernfrage" ansieht: "Und es geht dabei auch nicht um den VfB, sondern darum, ob Fußball in Oldenburg erwünscht ist." Mit einem Aufstieg hätte der Traditionsclub gegenüber der Stadt fraglos noch bessere Argumente, auf einen Stadionbau zu drängen, wäre der VfB dann doch überregionaler Werbeträger.

Mit einer raschen Entscheidung darüber ist Stand jetzt aber nicht zu rechnen. Und so könnten die Oldenburger im Aufstiegsfall das Schicksal des TSV Havelse teilen und ihre Heimspiele in einem fremden "Wohnzimmer" ausrichten müssen. Die Garbsener empfangen ihre Gäste im Stadion von Hannover 96 und versuchten vor zumeist nur dreistelligen Kulissen, die übermächtige Konkurrenz zu ärgern. Dass ihnen der Klassenerhalt misslang, war allerdings letztlich nicht dem Umzug, sondern ihren mangelnden finanziellen Möglichkeiten geschuldet.

Coach Fossi: "Können jedes Spiel gewinnen"

Gemein hätte der VfB mit Havelse auch, als Außenseiter in die Aufstiegsspiele zu gehen. Denn die Nordost-Staffel mit Tabellenführer BFC Dynamo und etlichen Traditionsclubs wie Carl Zeiss Jena, dem Chemnitzer FC oder Energie Cottbus gilt unter den meisten Experten im Vergleich zur Regionalliga Nord als stärker. Aber: "Ich glaube an unsere Stärke und unsere Mannschaft. Und ich glaube, dass wir jedes Spiel gewinnen können, wenn wir das abliefern, was wir können", sagte Oldenburgs Trainer Fossi.

Sollte er Recht behalten, scheint es nicht ausgeschlossen, dass sein Präsident ihn und das Team nach dem noch nicht terminierten Relegationsrückspiel an der Spree in den eigenen vier Wänden zu einer spontanen Party einlädt. Denn der Wohnort von Wolfgang Sidka ist: Berlin.

Dieses Thema im Programm:
Sportclub | 24.04.2022 | 22:50 Uhr