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Thomas Doll: Nach der Wende zum internationalen Star

Christian Görtzen, NDR.de

Die Wende eröffnete Thomas Doll ungeahnte Möglichkeiten als Profi-Fußballer. Er wurde beim HSV und Lazio Rom zum internationalen Star.

Die Wiedervereinigung vor 30 Jahren eröffnete dem gebürtigen Malchiner Thomas Doll eine Fußballprofi-Karriere beim HSV und Lazio Rom. Für ihn ist der Tag der Deutschen Einheit "etwas ganz Besonderes".

Was da über den Bildschirm des Röhrenfernsehers flimmerte, war schier unglaublich. Thomas Doll wusste am Abend des 9. November 1989, den er im Kreis der DDR-Fußball-Nationalmannschaft in der Sporthochschule Leipzig verbrachte, schnell um die historische Dimension. Um 18.53 Uhr hatte in Ost-Berlin Politbüro-Sprecher Günther Schabowski mit den Worten "nach meiner Kenntnis ist das ...sofort, unverzüglich" den Fall der Berliner Mauer eingeleitet.

Schon bald darauf war im TV zu sehen, wie sich Tausende DDR-Bürger an den Berliner Grenzübergängen versammelten. Als die Tore geöffnet wurden, lagen sich die Menschen in den Armen, weinten, sangen, jubelten. Gefeiert wurde auch in der Sporthochschule Leipzig, sagte Doll bei NDR 90,3.

Doll: "Das war ein unglaublicher Moment"

"Ich kann mich sehr gut erinnern, alle waren aufgebracht. Wir haben uns riesig gefreut, sind nach oben und haben einen Wermut aufgemacht - damals gab es noch Wermut. Und dann haben wir mit den Familien telefoniert, was nicht ganz einfach war, denn es gab damals ja noch keine Handys", erzählte der gebürtige Mecklenburger.

"Das alles war ein unglaublicher Moment. Da begann es schon am Abend in den Köpfen zu rasseln, was das zu bedeuten hatte. Deshalb haben wir ein paar Tage später das WM-Qualifikationsspiel gegen Österreich (0:3, Anm. d. Red.) wohl auch so in den Sand gesetzt."

Scheiben zerschossen - besser in den Verein

23 Jahre alt war der schnelle und technisch starke Stürmer zum Zeitpunkt des Mauerfalls. Doll hatte damals noch keine genaue Vorstellung, in welchem Maße sich das Leben für ihn verändern würde. Es war in jedem Fall aber ein idealer Zeitpunkt, um einmal inne zu halten und das bisherige Leben - mit all seinen Schwierigkeiten - noch einmal vor dem inneren Auge abspielen zu lassen.

Wie er mit sechs Jahren in jeder freien Minute "zu Hause zwischen den Blöcken" den Ball kickte und er seinen Anteil daran hatte, dass "einige Scheiben zu Bruch gingen". Und wie ihm der gegenüber lebende Jugendtrainer Günther Bergmann sagte, dass er besser "runter von der Straße" und zur BSG Lok Malchin kommen solle.

Westpaket führt zur halbjährigen Sperre

Der kleine, schmächtige Junge besaß eine riesige Freude am Fußball und einen übergroßen Ehrgeiz. Doll wurde zu Hansa Rostock delegiert und spielte bald in der Jugendnationalmannschaft der DDR. Alles lief gut - bis die Post der Familie ein Paket von der Verwandtschaft aus dem Westen zustellte. "Das hat man mitbekommen. Und dann hat man mich sechs Monate gesperrt. Das muss man sich mal vorstellen - wegen eines Pakets, in dem eine kleine Quarzuhr drin war und ein bisschen Schokolade. Das hat schon sehr weh getan."

Doll: "Man hat mir Steine in den Weg gelegt"

Sein Vater, der "wegen dieser Sache" nach 17 Jahren seinen Job als Ökonom im Rat des Kreises Malchin verloren hatte, habe einen langen Brief an die Clubleitung in Rostock verfasst. "Er schrieb darin: Wenn sie das mit ihm machten, dann sollten sie seinen Sohn in Ruhe lassen, und dass das so nicht gehe", erzählte der 54-Jährige. "Das war eine harte Zeit, weil man mir Steine in den Weg gelegt hat."

Viele Angebote - Wahl fällt auf den HSV

Thomas Doll (r.) im Spiel gegen Bayern München | Bildquelle: Witters

Fluchtgedanken habe er gleichwohl niemals gehabt, dafür sei er schon immer zu sehr Familienmensch gewesen. Nach dem 9. November 1989 hatte sich das Thema ohnehin erledigt. Dem Maschinenanlagen-Monteur öffnete sich dank seiner herausragenden Fähigkeiten im Fußball eine glänzende Perspektive als Profi. Der Spieler von BFC Dynamo, zu dem er nach Rostocks Oberliga-Abstieg 1986 gewechselt war, nutzte seine Möglichkeiten. "Viele, viele Angebote" habe er nach dem Mauerfall bekommen, von Celtic Glasgow, den Glasgow Rangers, Olympique Lyon oder Borussia Dortmund. Er entschied sich aber für den Hamburger SV. Zusammen mit dem aus Rostock stammenden Abwehrspieler Frank Rohde wechselte er zum HSV.

Dolls Ablösesumme saniert HSV

"Es war eine tolle Saison bei einem wunderbaren Verein", sagte Doll über seine Anfangszeit im Westen. An die Medienwelt in Hamburg habe er sich gewöhnen müssen, erklärte er. "Aber man merkt: Wenn man Leistung bringt, sind die Türen offen." Doll ging durch eine hindurch. Nach nur einer Saison wechselte er für die damalige Rekord-Ablösesumme von 15 Millionen Mark zu Lazio Rom und sanierte dadurch den HSV. 1998 kehrte er an die Elbe zurück und beendete 2001 auch seine Profikarriere bei den "Rothosen".

Längst steckt sein Ex-Club erneut in wirtschaftlichen Kalamitäten. "Was in den vergangenen Jahren beim HSV abgelaufen ist, hat mich sehr traurig gemacht. Horst Hrubesch wäre besser schon zehn Jahre früher dazu gekommen", sagte Doll, der unter anderem Trainer beim HSV, Borussia Dortmund und Hannover 96 war. Seine erfolgreichste Zeit hatte er bei Ferencvaros Budapest. Er lebt auch heute mit seiner Frau Edina in der ungarischen Hauptstadt.

Familienfeier am Tag der Deutschen Einheit

Der 3. Oktober, der Tag der Deutschen Einheit, der sich zum 30. Mal jährt, werde für ihn immer "etwas ganz Besonderes" bleiben. Doll: "Wir werden uns immer positiv erinnern. Das war ein sehr einschneidendes Erlebnis in meinem Leben. Zudem hat da meine Mama Geburtstag. Da sind dann viele Verwandte, und dann packen wir beide Ereignisse zusammen und feiern."

Dieses Thema im Programm:
Treffpunkt Hamburg | 25.09.2020 | 20:00 Uhr