DFB-Vize Hannelore Ratzeburg: Nervensäge und Wegbereiterin

Hannelore Ratzeburg spricht auf dem DFB-Bundestag 2019 in Frankfurt/Main.

NDR-Sport

DFB-Vize Hannelore Ratzeburg: Nervensäge und Wegbereiterin

Von Ines Bellinger und Patrick Halatsch

Hartnäckig, schlagfertig, unerschrocken: Wo Hannelore Ratzeburg im Fußball auftauchte, war sie die erste Frau. Seit 13 Jahren ist die Hamburgerin DFB-Vizepräsidentin.

"Irgendwann wollten sie die Verrückte kennenlernen." Diese renitente Briefschreiberin aus Hamburg, diese Nervensäge, diese unbequeme Fragestellerin. "So bin ich zum DFB gekommen." Hannelore Ratzeburg schmunzelt, wenn sie an ihre Anfänge als Funktionärin beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) zurückdenkt. Kaum war 1970 das Verbot für Frauenfußball gefallen, stellten sie und ihre Mitstreiterinnen alles auf den Prüfstand - und Forderungen, die in den Ohren mancher Funktionäre wie Drohungen geklungen haben müssen.

Wenn es einst der Plan der DFB-Herren in den hohen Ämtern war, Ratzeburg mit einer kleinen Position im Verband ruhig zu stellen, dann ist diese Strategie komplett nach hinten losgegangen. Aus der Referentin für Frauenfußball im Spielausschuss ist über die Jahrzehnte eine DFB-Vizepräsidentin geworden - die Frau mit dem höchsten Amt im deutschen Fußball, die Frau, die eigentlich immer die erste Frau war, egal wo sie im Fußball auftauchte.

"Nehmt euch in Acht vor solchen Frauen!"

Ratzeburg hatte als Studentin der Sozialpädagogik beim SV West Eimsbüttel und später bei Grün-Weiß Eimsbüttel in Hamburg Fußball gespielt. Kein halbes Jahr, nachdem der DFB auf seinem Bundestag am 31. Oktober 1970 in Travemünde das Verbot für Frauen am Ball fallen gelassen hatte, marschierte sie zur Mitgliederversammlung ihres Vereins, wo ausschließlich Männer beieinandersaßen, bat um Trikots und Bälle für die Frauen, stellte Fragen. "Da nahm der zweite Vorsitzende seinen Gehstock, knallte ihn auf den Tisch und sagte: Nehmt euch in Acht vor solchen Frauen!"

Was für eine Vorahnung! "Hanne" stellte alles auf den Kopf - mit ihrem scharfen Verstand, mit ihrer Hartnäckigkeit, mit ihrer schlagfertigen Art. "Es war in allen Medien, als das Verbot aufgehoben wurde, auch mit schlechten Bemerkungen. Da haben wir gesagt: Jetzt erst recht." Sie wollten es Männern wie den späteren Bundestrainern Jupp Derwall ("Ich dachte, das ist so eine Modewelle der Damen, nach Maxi kommt Mini.") oder Berti Vogts ("Warum ausgerechnet Fußball für die Dame?") zeigen oder denen, die noch jahrelang von "fußballspielenden Amazonen" schwadronierten.

Später Anfang, schneller Fortschritt

Die Anfangsjahre waren mühsam. Die meisten Frauen, die sich beim Fußball versuchten, hatten keine entsprechende Ausbildung durchlaufen - wie auch. Ratzeburg selbst hatte erst mit 19 angefangen zu kicken. Auf dem Feld liefen alle wild durcheinander. "Es sah aus wie bei F-Kindern", gibt die mittlerweile 69-Jährige zu. "Kein Wunder, dass die Männer sich am Spielfeldrand die Bäuche gehalten haben." Aber irgendwann muss man ja anfangen, wenn man sich entwickeln will. "Das haben wir ganz gut hingekriegt." Schon in der ersten, offiziell erlaubten Saison gab es in Hamburg 34 Vereine mit 39 gemeldeten Frauen-Mannschaften, in Niedersachsen waren es 60, in Schleswig-Holstein zehn, in Bremen 15.

Hannelore Ratzeburg im Jahr 1977.

Ratzeburg selbst, wurde bei West-Eimsbüttel schnell in den Vorstand gewählt, machte ihren Trainerschein, wurde Schiedsrichterin, Abteilungsleiterin. 1972 gründete sie den Ausschuss Frauen- und Mädchenfußball in Hamburg mit. Wenn sie nicht weiterkam, schrieb sie an den DFB: "Wann gibt es einen Pokal? Wann gibt es Talentfördermaßnahmen? Wann können Frauen eine Trainerausbildung machen?" Und tatsächlich: Sie bekam auf jeden Brief eine Antwort. Sie nervte so lange, bis 1980 der DFB-Pokal endlich auch für Frauenteams ausgespielt wurde und von 1981 an auch der Länderpokal. Zu der Zeit saß sie schon in der Frauenfußball-Kommission der UEFA. Sie erinnert sich noch, wie sie Pokalwettbewerbe in den Landesverbänden anmahnte und gefragt wurde: Muss das sein? Sie konterte: "Was fragt ihr mich? Warum spielt ihr? Muss das denn sein?"

"Hannedampf" - eine Türöffnerin

Sie ist kein "Hansdampf", sondern eine "Hannedampf in allen Gassen", in Hamburg eine Institution, doch schon früh weit über die Grenzen der Hansestadt bekannt. "Hanne Ratzeburg, der Name steht für Frauenfußball in Deutschland. Sie hat wirklich Türen geöffnet für alle", sagt Roswita Syperrek, die für FTSV Lorbeer Rothenburgsort kickte. Der Verein gewann 1972 die erste Hamburger Frauen-Meisterschaft.

Mit zitternden Knien zum ersten Länderspiel

Beim ersten offiziellen Länderspiel der deutschen Frauen-Nationalmannschaft 1982 in Koblenz gegen die Schweiz (5:1) zitterten Ratzeburg die Knie: "Ich habe nicht gespielt, aber ich war so aufgeregt und dachte: Wenn wir das vergeigen, dann wird es keinen schnellen Fortschritt geben. Es waren ja alle da, alle Funktionäre, Neuberger (der damalige DFB-Präsident Hermann Neuberger/d. Red.), das Präsidium, einige Bundesliga-Trainer, Nationaltrainer."

Ratzeburg war als Funktionärin auch an allen anderen Meilensteinen beteiligt, die der Frauenfußball setzte, von der ersten EM-Endrunde in Deutschland mit dem Titelgewinn 1989 bis zum Olympiasieg 2016. Ihr Karriereweg folgt ihren Verdiensten: 1990 wurde sie in die neue Frauenfußball-Kommission der FIFA berufen, 1994 als erste Frau in den DFB-Vorstand gewählt. Seit 2007 sitzt sie im DFB-Präsidium. 2009 erhielt sie den Verdienstorden der Bundesrepublik.

Nächster Meilenstein: WM-Bewerbung 2027

"Es hat sich viel getan in den fünf Jahrzehnten", sagt sie. "Aber wir können und wollen noch mehr." Das nächste große Projekt steht: Deutschland bewirbt sich mit Belgien und den Niederlanden um die gemeinsame Austragung der Frauen-WM 2027. Hannelore Ratzeburg wird dann nicht mehr im Amt sein, aber für die heute zwölf- oder 13-Jährigen, die auf den WM-Zug aufspringen könnten, und für alle anderen Fußballverrückten hat sie einen Rat: "Die Mädchen sollen spielen, spielen, spielen. Es ist der tollste Sport, den es gibt."

Dieses Thema im Programm:
Sportclub | 25.10.2020 | 23:35 Uhr

NDR | Stand: 30.10.2020, 09:25

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