Jubel bei den Rostocker Fußballern.

NDR-Sport

Datencheck: Hansa Rostock kommt aus der Krise und hält die Klasse

Stand: 25.01.2022, 12:30 Uhr

Tabellenplatz 14 mit 21 Punkten, vier Zähler vor Sandhausen auf dem Relegationsrang: Hansa Rostock steht nach zuletzt sieben Partien in Folge ohne Sieg nicht gut da. Die Datenanalyse zeigt allerdings, dass der Zweitliga-Aufsteiger viel richtig macht und die Wahrscheinlichkeit auf den Ligaverbleib groß ist.

Von Matthias Heidrich

Manchmal kann Fußball so einfach sein: Wer das Tor nicht trifft, kann noch so gut spielen, gewinnt aber keine Spiele. Hansa Rostock ist dafür aktuell ein gutes Beispiel. Exemplarisch das jüngste 0:0 gegen Heidenheim, als John Verhoek in der Schlussminute den möglichen Siegtreffer vergab und die Mannschaft von Trainer Jens Härtel erneut zwei Punkte liegenließ.

"Wir haben ein richtig gutes Heimspiel gemacht. Aufgrund der Chancen müssen wir das Spiel gewinnen."
— Hansa-Trainer Jens Härtel

In der Offensive drückt der Hansa-Schuh ganz gewaltig, das ist offensichtlich und das offenbart auch der GSN-Datenvergleich der ersten 13 mit den jüngsten sieben Saisonspielen. Rostock schießt im Schnitt deutlich weniger Tore pro Partie - aktuell nur noch 0,71 zu zuvor 1,23. Die Torchancenverwertung ist um mehr als die Hälfte von 25,10 auf 11,83 Prozent eingebrochen - überhaupt kommen nur 35 Prozent der Rostocker Schüsse aufs gegnerische Gehäuse, vorher waren es 45 Prozent.

Fünf Treffer hat das Härtel-Team in den vergangenen sieben Spielen erzielt, der "Expected goals"-Wert der Mecklenburger liegt allerdings bei 12,11. Bedeutet: Verhoek und Co. haben rund sieben Tore weniger markiert (7,11) als zu erwarten gewesen wäre. Nur Pech im Abschluss? Das greift bei diesen Werten zu kurz.

Verhoek und Co. liefern nicht mehr zuverlässig

Der genauere Blick auf die Angriffs-Abteilung der Mecklenburger gibt dem Problem Namen: Hatte Torjäger Verhoek (zehn Saisontreffer) in den ersten 13 Spielen extrem überperformt - 0,70 Tore pro Partie bei einem "Expected goals"-Wert von lediglich 0,28 -, bleibt der Niederländer nun unter seinen Möglichkeiten (0,35 zu 0,57).

Das "Expected goals"-Modell

"Expected goals" sind "zu erwartende Tore" und werden anhand eines Datenmodells berechnet, in das eine Vielzahl von Faktoren einfließt - unter anderem von wo auf dem Platz der Abschluss erfolgte, wie der Winkel zum Tor war und wie viele Gegenspieler noch zwischen Ball und Tor standen. Jede Torchance erhält dabei einen Wert zwischen 0 und 1, um die Wahrscheinlichkeit zu bestimmen, mit der der Ball von diesem Punkt aus im Tor landet. "Expected goals"-Werte sind so aussagekräftiger als die normale Torschuss-Statistik, die alle Abschlüsse gleich behandelt.

Wie auch Streli Mamba: Null Tore in der Sieglosserie, wenn 0,67 pro Partie zu erwarten gewesen wären, wirken sich auf die gesamte Teamleistung aus. Ridge Munsy, Hanno Behrens oder Bentley Baxter Bahn bleiben ebenfalls hinter den statistischen Erwartungen zurück.

Dass die Offensiv-Probleme tatsächlich auf der Ebene der Verwerter liegen, zeigt unter anderem die Schlüsselpass-Statistik. Vier solcher Vorlagen haben die Rostocker in den jüngsten sieben Partien im Schnitt gespielt, in den 13 zuvor waren es nur 2,4.

Rostock macht sehr viel besser als zuvor

Generell unterstreichen die Daten den optischen Eindruck, dass Hansa - abgesehen von der Schwäche vor dem Tor - zurzeit sehr viel gut und sogar besser macht als in den 13 Spielen zuvor und auf Augenhöhe mit den Gegnern agiert: Der FCH ist dominanter (823 Aktionen pro Partie - vorher 755), spielt schneller (18,24 Pässe pro Minute zu 17,57), bestreitet mehr Zweikämpfe (182 zu 168), gewinnt auch mehr (51,65 Prozent zu 47,62) und kommt deutlich öfter in die gegnerische Hälfte (71 zu 59), ins letzte Drittel (43 zu 34) und in den Strafraum des Gegners (20 zu 13). Die Defensive hat in der Sieglosserie sogar weniger Gegentore pro Spiel kassiert als zuvor - 1,43 zu 1,69.

NDR Grafik zur Datenanalyse zu Hansa Rostock

11,70 "Expected points" hätte Hansa aus den vergangenen sieben Begegnungen erwarten können. Vier Zähler waren es tatsächlich durch die Unentschieden gegen Paderborn, Ingolstadt, Karlsruhe und Heidenheim. Fast acht Punkte "Verlust" also.

Auch, wenn auf dem Fußballplatz nicht immer alles verläuft wie von Datenmodellen berechnet, könnte die Kogge etwas entspannter auf die Verfolger aus dem Tabellenkeller schauen, würde sie vor allem im Angriff auf Normalniveau agieren.

Hansa hält sehr wahrscheinlich die Klasse

Die gute Nachricht für alle Hansa-Anhänger: Der Aufsteiger wird mit großer Wahrscheinlichkeit die Klasse halten, laut den GSN-Datensimulationen zu 87 Prozent. Die wahrscheinlichste Platzierung der Rostocker am Saisonende ist mit 19 Prozent Rang 15, also knapp über dem Strich.

Wichtig wird dabei sein, gut durch den harten Februar zu kommen. Hansa hat einen herausfordernden Spielplan und wie alle anderen Clubs auch die von Omikron befeuerte Corona-Krise zu meistern. Nach der Länderspielpause wartet zunächst das Ostderby in Dresden auf die Härtel-Mannschaft, dann geht es gegen die Topteams Werder Bremen (H) und Darmstadt 98 (A), ehe noch Nürnberg ins Ostseestadion kommt.

Gut gewappnet gegen Corona-bedingte Ausfälle

Alles in einer Zeit, in der die Experten den Höhepunkt der Omikron-Infektionswelle erwarten. Der FC Hansa muss ebenso wie alle anderen Teams mit Corona-bedingten Ausfällen rechnen, ist Kader-technisch aber sehr gut gewappnet. Rostocks sogenannter "Versatility score" ("Vielseitigkeits-Wert") liegt bei 3,38. Das bedeutet, dass im Hansa-Kader ein Spieler im Schnitt 3,38 Positionen bekleiden kann (Torhüter ausgenommen).

Ein vergleichsweise hoher Wert, der die clevere Personalpolitik der Mecklenburger widerspiegelt. Neuzugang Timo Becker, der vom FC Schalke 04 ausgeliehen wurde und gegen Heidenheim hinten rechts sein Hansa-Debüt feierte, kann vorgezogen rechts, links hinten und als Innenverteidiger (laut GSN-Daten die optimale Position für Becker) eingesetzt werden.

Die Voraussetzungen beim Aufsteiger sind aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet ohne Zweifel zweitligatauglich. Aber, und damit wären wir wieder beim "einfachen Fußball", das Runde muss eben auch ins Eckige.

Dieses Thema im Programm:
Nordmagazin | 24.01.2022 | 19:30 Uhr

Quelle: NDR

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