Am Zaun eines Fußballplatzes hängt ein Schild, das darauf hinweist, dass hier für Zuschauer nach der 2G-Plus-Regel verfahren wird.

NDR-Sport Corona: Breitensport zwischen Angst und Absagenflut

Stand: 11.01.2022 11:49 Uhr

Noch ist der Breitensport trotz rasant steigender Corona-Infektionszahlen von einem neuerlichen Lockdown verschont geblieben. Doch die behördlichen Hürden für die Aktiven und Vereine sind hoch. Zudem spielt immer die Angst vor einer eigenen Ansteckung mit.

Von Hanno Bode

Am vergangenen Sonnabend hätte sich die Walter-Ruckert-Halle zu Oststeinbek in normalen Zeiten vermutlich in ein Tollhaus verwandelt. Denn die dort heimischen Regionalliga-Volleyballer der Ostbek Volleys empfingen den Kieler TV III zum Spitzenspiel. Es war das Duell des Tabellenzweiten mit dem Ersten. Und es war Pandemie-bedingt ein Geisterspiel.

Obwohl es die zu diesem Zeitpunkt noch gültige Corona-Bekämpfungsverordnung der schleswig-holsteinischen Landesregierung den Stormarnern erlaubt hätte, Fans unter 2G-Bedingungen Einlass zu gewähren, trat der OSV freiwillig vor leeren Rängen an - und verlor mit 0:3.

Oststeinbeks Volleyballer: Lieber Geisterspiele als Tollhaus

"Das hat die Mannschaft schweren Herzens so für sich entschieden. Und ich finde das auch in Ordnung", erklärte Oststeinbeks Volleyball-Abteilungsleiter Jan Schneider. Zwei Spieler der Stormarner hatten sich zum Jahreswechsel mit Corona infiziert. Da die Zahl der Neuinfektionen landesweit täglich neue Rekordwerte erreicht, kam das Team schließlich zu dem Entschluss, vorerst in heimischer Halle ohne Publikum anzutreten.

Dabei verfahren die OSV-Volleyballer bereits seit dem vergangenen November freiwillig nach der 2G-Plus-Regel. Sprich: Auch die geimpften Spieler unterziehen sich vor jeder Trainingseinheit und jeder Partie einem Test.

"Das gibt einem ein besseres und ruhigeres Gefühl", sagte Schneider, der selbst für die zweite Mannschaft, die Ostbek Cowboys, in der Verbandsliga Hamburg spielt.

Hamburger Volleyball vor erneuter Zwangspause?

Allerdings droht Schneider und seinen Teamkameraden möglicherweise bald eine Zwangspause. Am Mittwoch will der Hamburger Volleyball Verband (HVbV) mit seinen Vereinen darüber beraten, wie die Saison in Anbetracht der sich zuspitzenden Corona-Lage fortgeführt werden kann. Eine Unterbrechung der Spielzeit scheint näher zu rücken.

Nicht nur wegen der hohen Infektionszahlen im Stadtstaat, sondern auch, weil auf die Clubs und Sportler in der Hansestadt durch die seit Montag gültigen neuen Beschlüsse des Senats zur Corona-Eindämmung (unter anderem nahezu flächendeckende 2G-Plus-Regelung beim Hallensport) zusätzliche Herausforderungen zukommen.

Handballverband verlängert in SH Winterpause

Auch in Schleswig-Holstein gilt ab Mittwoch für den organisierten Sport (Trainingsräume sowie Sporthallen) und Fitness-Studios 2G-Plus. Doch nicht deshalb, sondern unter anderem wegen der "rasanten Ausbreitung der Omikron-Variante im Kontext der Nähe zu Dänemark", hatte der Handballverband Schleswig-Holstein (HVSH) bereits in der vergangenen Woche beschlossen, die Winterpause bis Ende dieses Monats zu verlängern. Alle ursprünglich für den Januar terminierten Partien auf Landesebene sind offiziell abgesetzt worden.

"Ganz allgemein gilt es - aus Sicht des HVSH-Präsidiums - an dieser Stelle proaktiv für Klarheit im Sinne der Amateurhandballer in Schleswig-Holstein zu sorgen und die Bedeutung des Sports im Kontext der vorliegenden gesellschaftlichen Themenstellungen einzuordnen", hieß es vom Landesverband. Er peilt eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs zum ersten Februar-Wochenende an.

Symbolbild Handball

Dass das Infektionsgeschehen im nördlichsten Bundesland bis dahin signifikant abgeflaut ist, erscheint Stand jetzt allerdings sehr fraglich. Nicht auszuschließen daher, dass die vom HVSH selbstverordnete Corona-Pause verlängert wird - möglicherweise dann gar von behördlicher Seite.

Auch Hamburger Handball ruht im Januar

Das Erweiterte Präsidium des Hamburger Handball-Verbandes folgte am Dienstagabend Schleswig-Holsteins Beispiel und setzte den Spielbetrieb im Januar aus. Am Wochenende 5./6.Februar soll der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden. Die Partien, die im Januar ausfallen, werden neu angesetzt. Mit dem Beschluss will der Verband nach eigenen Angaben den Vereinen die Möglichkeit geben, sich auf die 2G-Plus-Regel einzustellen. Dazu zählen auch Boosterimpfungen für die Spieler.

Sonderregeln für den Hamburger Amateurfußball

Beim Hamburger Fußball-Verband (HFV) besteht derweil noch Zuversicht, die Spielzeit nicht unterbrechen zu müssen. Denn im Vergleich zu den Hallensportarten ist der Amateurfußball als Freiluftsport aus infektiologischer Sicht nicht so problematisch. Studien zeigen auf, dass die Ansteckungsgefahr beim Sporttreiben unter freiem Himmel vergleichsweise gering ist. Und so dürfen in der Hansestadt auch weiterhin ungeimpfte und ungetestete Kicker am Trainings- und Spielbetrieb teilnehmen.

Auch nicht gegen Corona geimpfte Zuschauer können von den Clubs auf ihre Anlagen gelassen werden. Jedoch nur, wenn die Vereine insgesamt nicht mehr als 100 Besuchern Einlass gewähren. Bei einer höheren Auslastung muss verbindlich die 2G-Plus-Regelung angewendet werden. Maximal sind 1.000 Schaulustige zugelassen. Allerdings waren schon in Vor-Pandemie-Zeiten nahezu alle Hamburger Amateurclubs von vierstelligen Zuschauerzahlen weit entfernt.

Oberligist Curslack verzichtet freiwillig auf Zuschauer

So auch Oberligist SV Curslack-Neuengamme, auf dessen für einen Fünftligisten imposanter und rund 300 Besucher fassenden Tribüne häufig viele Plätze leer blieben. Im Testspiel am vergangenen Sonnabend gegen den Eimsbütteler TV (5:4) lagen dort nun lediglich die Sporttaschen der Kicker. Der SVCN hatte wie Oststeinbeks Volleyballer freiwillig auf Zuschauer verzichtet. "Bei uns im Eingangsbereich arbeiten ja viele bereits ältere Menschen. Ich möchte unsere Ehrenamtlichen in dieser Phase der Pandemie dort nicht hinstellen und sie unnötigerweise Gefahr aussetzen", erklärte Curslacks Manager Oliver Schubert.

Dass das Virus allerdings nicht nur ältere Menschen und die sogenannte vulnerable Gruppe betrifft, zeigte sich am Beispiel des ETV. Gleich sieben Eimsbütteler Spieler fielen wegen Corona-Infektionen aus. Beim SVCN fehlte aus demselben Grund zwar nur ein Akteur. Doch zwei weitere waren nach überstandener Krankheit nur sehr bedingt einsatzbereit.

Sechs Corona-Fälle: Lohbrügge stellt Trainingsbetrieb ein

Ebenfalls hart getroffen hat es Curslacks Oberliga-Rivalen VfL Lohbrügge. Gleich sechs seiner Spieler sind aktuell wegen Corona-Infektionen in häuslicher Isolation, sodass der Club den Trainingsbetrieb für diese Woche einstellte und das für kommenden Sonnabend angesetzte Nachholspiel gegen den Hamm United FC absagte.

"Es ist absolut irre, dass wir im Januar spielen müssen, obwohl die Vereine es nicht wollten. Wir machen das alle mit, weil wir unter dem Druck stehen, spielen zu müssen, da es um Auf- und Abstiege geht. Aber wir haben jetzt für uns eine Entscheidung getroffen. Und vielleicht fühlen sich andere Vereine dadurch ermutigt, den Wahnsinn mal ein bisschen einzudämmen", erklärte VfL-Coach Elvis Nikolic dem Portal "fussifreunde.de".

Die Trainer Sven Schneppel und Elvis Nikolic (v.l.) vom Hamburger Fußball-Oberligisten VfL Lohbrügge

"Spielen massiv mit der Gesundheit der Spieler"

Der 45-Jährige, der das Team gemeinsam mit Sven Schneppel betreut, übte damit harsche Kritik am HFV, der die Winterpause zwar bis Ende Januar verlängerte, allerdings nur für Clubs unterhalb der Oberliga. In der zweigeteilten Stadtliga, so das Argument des HFV, war dies wegen des engen Spielplans nicht möglich. Lohbrügges Trainer Nikolic hat dafür - gelinde ausgedrückt - nur sehr wenig Verständnis: "Wir spielen massiv mit der Gesundheit der Spieler. Das finde ich einfach nicht gut. Wir sollten alle in den Spiegel schauen und mal an die Gesundheit unserer Spieler denken."

Dieses Thema im Programm:
Schleswig-Holstein Magazin | 10.01.2022 | 19:30 Uhr