Aufarbeitung im Turnskandal - Hill: "Es geht auch ohne Gewalt"

Angst und Erniedrigung: Wenn das Training zur Qual wird Verfügbar bis 05.07.2021

NDR-Sport

Aufarbeitung im Turnskandal - Hill: "Es geht auch ohne Gewalt"

Von Andreas Bellinger und Hendrik Maaßen

Turnerin Lisa Katharina Hill hatte Essstörungen, litt unter Demütigungen und Erniedrigungen am Olympiastützpunkt Chemnitz und im Nationalteam. Die Sportlergewerkschaft "Athleten Deutschland" will die Aufarbeitung vorantreiben.

Alles schien in bester Ordnung zu sein, als sie bei der Weltmeisterschaft in Nanning im Stufenbarren-Finale stand und mit Platz sieben ihren größten Erfolg feierte. Die Kunstturnerin Lisa Katharina Hill hat ihr Leben dem Turnen verschrieben und wurde belohnt. "Ein Kindheitstraum war in Erfüllung gegangen", so die inzwischen 28-jährige Hill. Doch Stolz und Freude von der WM in China 2014 sind geblieben, doch viele negative Erlebnisse trüben ihren Blick auf die Leistungssportkarriere. Im Zentrum eines Turnskandals stehen die Trainerin, aber auch die Verhältnisse in der sächsischen Kaderschmiede und der Umgang in der Nationalmannschaft.

Mit 13 Jahren war Hill als großes Talent von Hannover ins Sportinternat nach Chemnitz gezogen, um sich am dortigen Olympiastützpunkts ganz auf den Leistungssport zu konzentrieren.

Gewalt und Machtmissbrauch

Die in Kiel geborene und in Hannover aufgewachsene Hill hat lange gezögert, sich vor der Kamera zu Gefühlen wie Angst und Scham zu äußern, die sie sogar am Leben zweifeln ließen. Für den NDR Sportclub machte sie eine Ausnahme, weil sie verhindern will, dass junge Turnerinnen heute das gleiche erleben müssen. Rund ein Dutzend Athletinnen, zu denen auch die Schwebebalken-Weltmeisterin von 2017, Pauline Schäfer, zählt, haben im November vergangenen Jahres öffentlich geschildert, wie sie an dem Bundesstützpunkt des Deutschen Turner-Bundes (DTB) Demütigungen, abwertend-rücksichtslosen Umgang bis hin zu psychischer Gewalt und Machtmissbrauch erlebt haben.

"Athleten Deutschland" will Anlaufstelle

Es sind dunkle Kapitel im deutschen Sport, aber auch in anderen Ländern, die sich der Aufarbeitung teilweise jedoch offensiver stellen. In den USA, wo sich binnen einen Jahres 5.000 Betroffene gemeldet haben, in Großbritannien oder Australien beispielsweise gibt es bereits unabhängige Anlaufstellen. "Wir brauchen ein solches Zentrum", sagt Johannes Herber, der seit 2019 Geschäftsführer des Vereins "Athleten Deutschland" ist. "Eine Stelle, die frei ist von Interessenkonflikten und genug Kompetenzen besitzt, um Vereinen und Verbänden in der Präventionsarbeit und Aufarbeitung zu helfen." Am 5. Mai will sich der Sportausschuss des Bundestages mit dem Thema "Physische, psychische oder sexualisierte Gewalt gegen Sportlerinnen und Sportler" beschäftigen.

Herber: "Übergriffe jederzeit möglich"

Doch so einfach scheint die Sache im föderalen Deutschland nicht zu sein. Welche Befugnisse hat die Institution? Darf sie auch sanktionieren oder nur Empfehlungen aussprechen? Was ist mit der Finanzierung? Auf welche Strukturen kann aufgebaut werden? Herber: "Das Wichtigste ist, dass sich alle bekennen und wir jetzt loslegen können. Übergriffe sind jederzeit möglich." Nicht nur im Turnen und Schwimmen, obwohl diese Sportarten "wegen der teilweise sehr jungen Athlet*innen vielleicht anfälliger sind". Gewalt und Missbrauch gebe es genauso in anderen Sportarten. Herber: "Und dabei reden wir nicht nur von sexualisierter, sondern auch von psychischer und körperlicher Gewalt."

Schamloser Umgang

Lisa Katharina Hill litt an Essstörungen und fing mehr und mehr an, ihren Wechsel nach Chemnitz zu bereuen. Dabei seien die Bedingungen optimal gewesen. Hill: "30 Stunden Training die Woche waren problemlos zu absolvieren." Sie wollte das Turnen schon aufgeben, da merkt sie bei einem Trainingslager, dass nicht der Sport, sondern die Methoden und der Umgang mit ihr als Athletin sie belasten. Im Sportclub beschreibt sie zudem, dass auch die Praktiken in der Nationalmannschaft grenzüberschreitend gewesen seien: "Dann wurde im Spagat am Schritt mit dem Maßband angesetzt und der Abstand zum Boden gemessen." Dabei hätte man die Beweglichkeit auch anders messen können, sagt Hill. "Oder wir saßen mit dem Rücken zur Wand, haben die Arme an die Wand nehmen müssen und dann die Beine so weit spreizen, wie es geht." Und das alles im Turnanzug, der im Prinzip wie ein Badeanzug sei.

Hill: "Eine Belastung"

"Jeder konnte zusehen. Das ist einfach nicht normal in meinen Augen", sagt Hill. Regelrecht wütend mache sie im Nachgang aber, "dass sich anscheinend kein Trainer in der Nationalmannschaft überlegt hat, ob das vielleicht beschämend ist, wenn man dort am Schritt anfasst, oder die Beine so weit spreizt, wie man kann, und jeder dabei zusehen kann". Die ständigen Gewichtskontrollen mit öffentlichem Wiegen und der Messung des Unterhautfettgewebes in Unterwäsche in der Halle seien nicht nur für sie eine Belastung gewesen. Aber damit nicht genug: "Die Liste mit den Unterhautfettwerten wurde ausgehängt, damit jeder Trainer überprüfen konnte, ob das Augenmaß mit dem tatsächlichen Wert übereinstimmt."

Turner-Bund begrüßt "notwendige Diskussion"

In einer Stellungnahme zu diesen Vorwürfen begrüßt es der Deutsche Turner-Bund (DTB) "ausdrücklich, dass sich zahlreiche ehemalige und aktive Athlet*innen in der aktuellen Diskussion zu Wort melden und über ihre Erfahrungen berichten". Schließlich sei die Diskussion im Leistungssport notwendig. "Wir beziehen aktive und ehemalige Athlet*innen in den im Januar angestoßenen gesamtverbandlichen Kultur- und Strukturprozess mit ein", heißt es in dem von DTB-Pressesprecher Torsten Hartmann unterzeichneten Schreiben. Der DTB wolle Lisa Katharina Hill "für diesen Prozess gewinnen". Mittlerweile hätten sich aber viele Dinge geändert.

Kinder dürfen am Sport nicht kaputtgehen

Eine positive Entwicklung attestiert dem Verband auch Hill. Der Weg der Veränderung müsse nun konsequent weitergegangen werden. "Man kann auch Hochleistungssport betreiben mit einem respektvollen Umgang und in gewisser Weise auch mit einem kindgerechten Umgang", sagt Hill. Nicht länger schweigen wollte sie, als "ich gehört habe, dass Kinder wieder psychisch erkrankt sind und eine Essstörung haben, so wie ich damals. Sport ist viel zu schön, als dass Kinder oder Heranwachsende dran kaputtgehen sollten oder so sehr leiden wie ich damals."

Staatsanwaltschaft ermittelt

Die suspendierte Chemnitzer Stützpunkt-Trainerin Frehse hat Vorwürfe wie Sportlerinnen im Training schikaniert, Medikamente ohne ärztliche Verordnung verabreicht und keinen Widerspruch zugelassen zu haben mehrfach bestritten. Laut der Nachrichtenagentur dpa hat die Staatsanwaltschaft Chemnitz aber bestätigt, dass es bereits seit Dezember 2020 ein Ermittlungsverfahren gegen Frehse und einen Arzt wegen des Verdachts der Körperverletzung gibt.

Am Dienstag wurde bekannt, dass Frehse beim Landgericht Frankfurt/Main Klage eingereicht hat: mit dem Ziel, vollständigen Einblick in einen im Januar vorgestellten Untersuchungsbericht zu bekommen, den der DTB in Auftrag gegeben hatte. Bislang habe sie nur Einsicht in eine weitgehend geschwärzte Fassung des Berichts erhalten, so die Trainerin.

Hill: "Der Mensch an erster Stelle"

Hill, die ihren Traum von Olympia 2012 in London als Reservistin knapp verpasst hatte, ist inzwischen Ingenieurin. Für einen großen Hersteller von Kettensägen hat sie eine App entwickelt, die mittels künstlicher Intelligenz die Drehzahl erkennt. Erst durch ihren Wechsel nach Stuttgart hat sie den Spaß am Sport wiedergefunden. "Hochleistungssport geht auch ohne Bespitzelung und psychische Gewalt", sagt sie. "Mit respektvollem Umgang, mit Herz und Liebe. Der Mensch an erster Stelle." Knapp zwei Jahre nach dem Wechsel von Chemnitz nach Stuttgart gelang ihr dann auch der größte Erfolg: das WM-Finale am Stufenbarren in China.

Dieses Thema im Programm:
Sportclub | 04.04.2021 | 23:05 Uhr

NDR | Stand: 08.04.2021, 17:03

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