Wird Carl Zeiss Jena zum Systemsprenger?

Logo des FC Carl Zeiss Jena im Stadion

Fußball

Wird Carl Zeiss Jena zum Systemsprenger?

Von Peer Vorderwülbecke

Der FC Carl Zeiss Jena will es wirklich wissen: Weil die Thüringer die Pyro-Strafen des DFB für unrechtmäßig halten, sind sie bis vor den Bundesgerichtshof gezogen. Nun soll also das oberste deutsche Gericht entscheiden.

Carl Zeiss Jena will es wirklich wissen: Sind die DFB-Strafen wegen Pyrotechnik rechtmäßig oder nicht? Diese Frage wird am Donnerstag (01.07.2021) der Bundesgerichtshof in Karlsruhe entscheiden. Die Sportgerichte des DFB haben den FCC abblitzen lassen. Daraufhin wandten sich Jena an das Oberlandesgericht Frankfurt - ebenfalls ohne Erfolg. Nun also die Verhandlung vor dem obersten deutschen Gericht. So weit ist ein Fußballverein noch nie gegangen in einer juristischen Auseinandersetzung mit dem DFB.

Spürhunde für Pyrokontrollen

"Vielleicht sind wir besonders rechtsgläubig", begründet Jenas Geschäftsführer Chris Förster die Hartnäckigkeit des FCC. "Wir glauben einfach, dass wir im Recht sind." Denn eine Strafe kann nach Auffassung der Jenaer nur die Reaktion auf ein Fehlverhalten sein. In puncto Sicherheit gibt es aber keinerlei Fehlverhalten, sagt Förster: "Unser Sicherheitssystem ist vom DFB zertifiziert und von der Dekra überprüft. Wir setzen sogar Spürhunde bei den Pyrokontrollen ein. Teilweise wird das Stadion in der Nacht vor dem Spiel bewacht. Bei Risikospielen weiten wir das Veranstaltungsgelände aus, um mehrere Kontrollen durchzuführen."

Die Schlussfolgerung von Förster lautet deshalb: "Wir haben keine Schuld daran, dass Pyrotechnik ins Stadion kommt." Und ohne Schuld ist auch eine Strafe nicht rechtmäßig. Das ist das Kernargument, mit dem die Jenaer vor den BGH ziehen.

Jena-Geschäftsführer Förster zur Pyrotechnik-Klage: "Möchten grundsätzliche Klärung" 04:25 Min. Verfügbar bis 30.06.2022

Strafen des DFB sind verschuldensunabhängig

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) wirft dem FCC allerdings auch gar kein Verschulden vor. Nach der Rechts- und Verfahrensordnung des Verbandes wird schlicht das Abbrennen von Pyrotechnik mit einer Geldstrafe geahndet. Und zwar - Achtung Juristendeutsch - verschuldensunabhängig. Der Verein wird also für das Fehlverhalten seiner Fans bestraft - auch wenn er keine Schuld daran hat. Das ist seit Jahren gängige Praxis, weil es so im Regelwerk des DFB steht und dem hat sich der FCC unterworfen, so wie alle anderen Fußballvereine in Deutschland. 

Interessanterweise begründen beide Parteien ihre Rechtsauffassung mit dem Grundgesetz. Auf seiner Internetseite verweist der DFB auf die Vereinsautonomie, die im Grundgesetz verankert ist. "Daraus ergibt sich das Recht zur eigenen Rechtsetzung und Rechtsprechung." Jena behauptet dagegen, dass das Verbandsrecht des DFB nicht gegen die Werte des Grundgesetzes verstoßen darf - indem man jemanden für etwas bestraft, für das er keine Schuld trägt.

Sportjurist Reinholz: Sportgerichtsbarkeit ist verfassungsgemäß 02:09 Min. Verfügbar bis 30.06.2022

BGH entschied 2016 pro DFB

Tatsächlich gibt es dazu bislang keine Rechtsprechung. Im Jahr 2016 hat der Bundesgerichtshof (BGH) allerdings entschieden, dass Vereine die DFB-Strafen den Verursachern in Rechnung stellen dürfen. Der Sportjurist Fabian Reinholz sieht darin einen Hinweis, dass "der BGH das Prinzip der verschuldensunabhängigen Haftung für ein akzeptables Szenario" hält.

Verfolgungsdefizit auf Seiten des Verbandes?

Das Problem liegt für Reinholz darin, dass man die Störer häufig nicht identifizieren kann. Bei Pyrotechnik oder anderen Vergehen existiere deshalb ein "Verfolgungsdefizit auf Seiten des Verbandes". Dadurch sei im konkreten Fall der DFB "der Stadiongewalt hilflos ausgeliefert. Die Vereine in die Verantwortung zu nehmen, ist deshalb eine Möglichkeit, Fangewalt wirksam zu bekämpfen". Das könnte eine Argumentation des BGH sein, um sich für das bestehende System zu entscheiden und die Forderung der Jenaer zurückzuweisen.

"SpiO"-Talk mit Jurist Jens Gerlach 17:10 Min. Verfügbar bis 30.06.2022

15 Millionen Euro an Strafen in zehn Jahren

Aber es gibt auch andere Einschätzungen unter Juristen. Jens Gerlach, wissenschaftlicher Assistent an der Bucerius Law School in Hamburg, hat sich intensiv mit der Thematik der Pyro-Strafen befasst. Der Grundsatz "keine Strafe ohne Schuld" lässt sich seiner Meinung nach aus "den Rechtsstaatsprinzipien des Grundgesetzes" ableiten und müsste dann auch für das Verbandsrecht des DFB gelten.

Außerdem verweist er darauf, dass die Strafen wegen Pyrotechnik ja auf das Verhalten des Vereins einwirken sollen. "Wenn der sich aber schon perfekt verhält, dann macht es keinen Sinn, ihn zu bestrafen." Deshalb glaubt Gerlach, dass der BGH das DFB-Verbandsrecht kippt und damit den Jenaern recht geben wird.

"Die bestehende Praxis ließe sich nicht weiter halten", sagt Gerlach, "das käme einem Erdbeben gleich." Denn die BGH-Entscheidung hätte nicht nur Auswirkungen auf Pyrotechnik, sondern auf alle verschuldensunabhängigen Strafen, die der DFB wegen Fanvergehen verhängt. In den vergangenen zehn Jahren waren das etwas über 15 Millionen Euro.

MDR | Stand: 30.06.2021, 12:39

Darstellung: