Teamcheck RB Leipzig RB ein ernsthafter Bayern-Jäger?

Stand: 13.01.2023 11:12 Uhr

Im Herbst und mit neuem Trainer war RB Leipzig schon besser als der große FC Bayern. Können die Leipziger den Rekordmeister endgültig überflügeln? Die Chancen dafür stehen trotz aller Leipziger Euphorie nicht sonderlich gut.

Von Dirk Hofmeister

Trainerwechsel: Wissenschaft und Gefühl

Neue Trainer – das bringt nix. So die Aussage einer vielbeachteten wissenschaftlichen Analyse aus dem Jahr 2011. Ein Team um Andreas Heuer von der Uni Münster untersuchte mehr als 150 Trainerwechsel in der Bundesliga von 1963 bis 2009 und kam zum Fazit: die Spielstärke eines Teams verbessert sich auch nach einem Trainerwechsel nicht.

Ganz im Widerspruch dazu die ganz anekdotische Evidenz von Bundesligist RB Leipzig in den vergangenen 14 Monaten. Denn beide Personalwechsel auf der Trainerbank waren überaus erfolgreich: Im Dezember 2021 folgte Domenico Tedesco auf den zuvor glücklosen Jesse Marsch – unter Tedesco gewann RB Leipzig erstmals den DFB-Pokal und zog in die Champions League ein. Als es im Herbst unter Tedesco gehörig knirschte, übernahm Marco Rose – mit dem neuen Coach wurde RB zum erfolgreichsten Team vor der Winterpause.

So liefen die ersten 15 Spieltage bei RB Leipzig

Die bisherige Saisonbilanz lässt sich unangemessen zugespitzt so beschreiben: RB Leipzig erlebte fünf Bundesliga-Spieltage unter Tedesco ohne Glück und Biss und Leidenschaft. Danach folgten unter Rose zehn Spieltage mit Feuer, Toren und einer Bundesliga-Aufholjagd von Rang elf auf Platz zwei.

So schwarz-weiß war der Herbst aber natürlich nicht: Tedesco versuchte, das Spielsystem von RB Leipzig mit Ballbesitz und Spielkontrolle weiterzuentwickeln. Bei aller Kontrolle blieben aber die Torchancen auf der Strecke. Beispielhaft für die damalige Krise bei RB zwei Spiele: Zum Saisonauftakt beim VfB Stuttgart kam RB trotz 9:2 Torschüssen nur zu einem 1:1. Bei der 0:4-Niederlage in Frankfurt war RB nicht nur nach Toren sondern auch mit 0:9 Torschüssen klar unterlegen.

Trotz des Frankfurt-Spiels: RB war in dieser Zeit ein klassischer Unterperformer: Hätte RB alle seine nach Chancenqualität erwartbaren Tore (expected Goals) gemacht, hätten die Leipziger nach fünf Spieltagen erwartungsgemäß auf Rang fünf oder sechs gestanden. Hätte, hätte, …

Weil in der Bundesliga aber das Mittelmaß drohte und in der Champions League das Aus, musste Tedesco gehen. Der neue Trainer Marco Rose machte das, was ihn bereits in seinen erfolgreichen Tagen bei Borussia Mönchengladbach und Borussia Dortmund auszeichnete: Er zündete die Mannschaft emotional an. Rose reaktivierte das Umschaltspiel bei RB und gab seinem Team um Offensivkünstler Christopher Nkunku im Angriff mehr Freiheiten.

Gleich beim Auftakt gegen Roses Ex-Team Dortmund platzte der Knoten, RB gewann (3:0). In der Champions League wurde ein mutiger Auftritt bei Real Madrid zunächst nicht belohnt, zu Hause gelang dann aber doch ein Sieg gegen die "Königlichen" – und damit der Grundstein für das Überwintern in der "Königsklasse".

Rose gelang es, den erst im Sommer verpflichteten Xaver Schlager im zentralen Mittelfeld zu einem Schlüsselspieler zu entwickeln. Unter Rose gab es zudem keine Null-Torschuss-Ausreißer wie im Frankfurt-Spiel: RB ist aktuell bei Torschüssen pro Spiel (5,5) das zweitbeste und bei erspielten Großchancen (32) das drittbeste Team der Liga. Zudem kam unter dem neuen Coach das Glück zurück: Aktuell erzielen die Leipziger etwas mehr Tore als durch xGoals zu erwarten wären – als sogenannte Overperformer holte RB dadurch drei Punkte mehr als statistisch anhand der Chancenqualität zu erwarten gewesen wären.

Wer kommt, wer geht?

In der Winterpause gab es nur zwei eher unspektakuläre Wechsel. Bei Mittelfeldspieler Caden Clark ist die Leihe zu den New York Red Bulls ausgelaufen, er wird in Leipzig aber keine Rolle spielen. Die Leipziger per Leihe verlassen hat Hugo Novoa, er spielt künftig in der Schweiz beim FC Basel.

Wer spielt, wer fehlt?

Das ist die wichtigere Frage. Denn eine Woche vor dem Knaller gegen den FC Bayern München ist noch unklar, welcher Leistungsträger gegen den Rekordmeister dabei sein kann. Definitiv fehlen wird Christopher Nkunku, Leipzigs Rekordtorschütze des Jahres 2022 (25 Tore) und aktueller Spitzenreiter in der Bundesliga-Torschützenliste (12 Tore). Nkunku zog sich kurz vor der WM einen Außenbandriss im linken Knie zu. "Natürlich fehlt uns Christo. Er wird uns auch im ersten Punktspiel fehlen, auch im zweiten und dritten. Im ersten Champions League-Spiel vielleicht nicht mehr", sagte Rose zuletzt im Trainingslager mit Blick auf eine mögliche Nkunku-Rückkehr Ende Februar.

Bereits gegen die Bayern im Kader stehen dürfte dagegen Angreifer-Kollege Timo Werner – wenn auch wohl nicht über 90 Minuten. Werner, der sich ebenfalls kurz vor der WM einen Syndesmosebandanriss zuzog, konnte beim Trainingslager in Abu Dhabi wieder mit dem Team trainieren. Für einen Einsatz in einem Testspiel reichte es noch nicht. Dafür soll Werner beim letzten Test am Samstag, 14.01.2023, gegen den tschechischen Erstligisten Mlada Boleslav laut Rose "30 oder 45 Minuten Spielzeit" bekommen, "damit er auch zum Saisonstart eine Option ist."

Noch keine Option für eine Rückkehr ist Torhüter Peter Gulacsi, der sich im Oktober gegen Glasgow einen Kreuzbandriss zuzog. Ersatzmann Janis Blaswich macht seinen Job aber gut, blieb in 14 Spielen fünfmal ohne Gegentor. Mit 60,7 Prozent abgewehrter Torschüsse hat Blaswich zudem eine ähnlich gute Quote wie zuvor Gulacsi (63 Prozent).

Zuletzt angeschlagen war Abwehrspieler David Raum, der im Urlaub bei einem Freizeitkick umknickte und sich einen dicken Knöchel holte. Auch er war in Abu Dhabi im Aufbautraining. Nur vier Tage im Trainingslager dabei war Raums Abwehrkollege, der umworbene Kroate Josko Gvardiol. Der WM-Dritte erhielt nach seinen starken Auftritten in Katar verlängerten Urlaub. Ohnehin ist die Abwehr nicht die Problemzone von Rose.

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Rose: "Vorn etwas dünn"

Denn: "Das einzige, wo es momentan etwas dünn ist, ist ganz vorn drin. Ich werde einfach, schauen, wer sich wo zeigt." Eine Einsatzgarantie für das Bayern-Spiel gab es bereits für André Silva. Der Portugiese ist laut Coach Rose "in einer herausragenden Verfassung, wenn man sieht, wie er sich im Trainingslager bewegt hat. Man darf davon ausgehen, dass er dann auch anfängt gegen die Bayern."

Der Trainer

Marco Rose ist in Leipzig geboren, hat in Probstheida beim VfB Leipzig Fußball gespielt und beim 1. FC Lok in der Regionalliga gecoacht. Auch während seiner Zeit als Trainer in Mönchengladbach und Dortmund hatte Rose ein Haus ganz in der Nähe von Leipzig. Vor seiner Unterschrift bei RB Leipzig musste er dennoch überlegen, wie er bei seiner ersten Pressekonferenz als RB-Coach erklärte – um seine Familie zu schützen. Weil er nicht wollte, dass seine Tochter in der Schule mit dem Job des Vaters konfrontiert werde. Seine 14-jährige Tochter gab schließlich ihren Segen unter Papa Roses Engagement bei RBL. "Meine Tochter ist megahappy. Sie freut sich sehr, dass der Papa das macht", sagte Rose.

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Als Trainer setzt Rose auf einen kurzen Weg zu den Spielern, spricht viel und kann motivieren. Taktisch ist Rose weniger variabel, das 4-4-2 mit Doppel-Sechs ist die bevorzugte Spielweise. Rose-Teams sind dafür mit hohem Einsatz und Leidenschaft auf dem Rasen, der 46-jährige kann "Mannschaften anzünden". So verwundert es nicht, was der Coach aus dem Trainingslager hervorhebt: "Wenn man sieht, mit welcher Energie und welchem Wir-Gefühl wir das Trainingslager absolviert haben, dann gefällt mir das."

Knackpunkte für Roses Scheitern in Gladbach und beim BVB waren ab einem gewissen Punkt die fehlende Euphorie seiner Teams auf dem Platz – und zu viele Gegentore. Beides ist in Leipzig momentan noch nicht abzusehen. Und auch einer Niederlage wie im Trainingslager gegen Frankfurt kann Rose etwas Gutes abgewinnen: "Wir versuchen, maximal erfolgreich zu sein. Und auch gut mit Widerständen umzugehen. So eine Niederlage zu verarbeiten gehört dann auch dazu."

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Erwartungen an die restliche Saison

Kann RB Leipzig die Euphorie der Vor-WM-Zeit ins neue Jahr mitnehmen? Gelingt den Leipzigern zum Jahresauftakt am 20. Januar gegen den FC Bayern die Überraschung und tatsächlich ein Sieg, dann scheint einiges möglich. Der Tabellenführer aus München ist dann nur noch drei Punkte entfernt.

Entscheidend wird sein, wie und ob die Leipziger den Ausfall von Christopher Nkunku kompensieren können. Der Franzose erzielte allein mehr als ein Drittel der Leipziger Bundesliga-Tore, war wettbewerbsübergreifend an 21 Leipziger Toren beteiligt. Mit seiner Kreativität ist er der X-Faktor im Leipziger Spiel. Auch Nationalmannschafts-Torjäger Timo Werner, wettbewerbsübergreifend mit neun Toren und vier Assists an 13 Toren beteiligt, ist noch nicht wieder bei 100 Prozent. Gelingt es André Silva, Yussuf Poulsen oder Emil Forsberg, die Lücke zu schließen, könnte RB tatsächlich zum Bayern-Jäger werden.

Das Saisonziel der Leipziger, Rang eins bis vier in der Bundesliga, ist aber auf jeden Fall realistisch. Das DFB-Pokal-Achtelfinale gegen die TSG Hoffenheim ist ebenfalls lösbar. Sehr schwer dürfte allerdings das Erreichen des Viertelfinals in der Champions League werden: Dort geht es im Februar gegen den englischen Meister Manchester City.

Trainerentlassungen und Wissenschaft - Part II

Aber wer weiß? Für den zunächst anekdotisch anmutenden Tedesco- und Rose-Effekt bei RB Leipzig gibt es übrigens mittlerweile auch eine wissenschaftliche Entsprechung: neuere, im Jahr 2022 veröffentlichte Studien zeigen, dass sich Trainerwechsel durchaus lohnen können. Sebastian Zart von der Uni Kaiserslautern untersuchte dafür Trainerwechsel in der Bundesliga, sowie der Premier League und Spaniens La Liga zwischen 2010 und 2019, der polnische Forscher Lukasz Radzminski analysierte 1.118 Spiele der höchsten polnischen Spielklasse. Beide kamen zum gleichen Ergebnis: Neue Trainer sind erfolgreicher als die zuvor entlassenen. Bei RB Leipzig kam Domenico Tedesco im vergangenen Jahr zum Pokalsieg und in der Liga auf Rang vier ...