Michael Wassmann - Steward bei Prüfungen des internationalen Reitsportverbandes FEI

Pferdesport | "Partner Pferd" Stewards beim Springreiten der "Partner Pferd" - Michael Wassmann über wichtige Kontrollen

Stand: 20.01.2023 08:08 Uhr

Bei Reitsport-Turnieren wie der "Partner Pferd" achten Stewards auf die regelkonforme Ausrüstung und den richtigen Umgang mit den Tieren. Vor dem Weltcup im Springreiten sprach "Sport im Osten" mit Chefsteward Michael Wassmann über kuriose Tricks und wichtige Kontrollen.

Von Maria Köhler-Thiel

Warum ist es bei Turnieren erforderlich, die Ausrüstung von Reitern und Pferden zu kontrollieren?

"Um Pferde und Reiter selbst zu schützen. Der Reitsport ändert sich wieder ziemlich gewaltig. Es gab vor fünf, sechs Jahren ein Umdenken der Reiter. Früher wurde mehr getrickst. Nun will keiner einen Shitstorm bei Social Media haben. Darauf legen die Reiter wert. Es gab das Barren. Früher war es auch gang und gäbe, dass beim Sprung die hintere Stange etwas tiefer gelegt wird. Da verändert sich der Augenwinkel des Pferdes. Es springt kürzer, kommt auf der Stange auf und wird dadurch vorsichtiger. Das ist verboten – auch im Training. Beim Oxer müssen beide Stangen auf einer Höhe sein."

Welche Aufgaben hat ein Steward, und wie wird man Steward?

"Man ist unter anderem verantwortlich für den sogenannten VET-Check, der zeigt, dass die Pferde lahmheitsfrei vom Hänger kommen und fit sind, um zu starten. Es gibt zudem die Boot- und Bandage-Control (Anm. d. Red.: Da werden die Gamaschen kontrolliert). Zusammenfassend kann man sagen, dass wir für das Wohlergehen des Pferdes zuständig sind. In Deutschland kann man nur Steward werden, wenn man nationaler Richter ist. Wir arbeiten daran, dass zum Beispiel auch Pfleger Steward werden können."

Vet-Check bei der Partner Pferd

Vet-Check bei der "Partner Pferd" in Leipzig: Lahmt ein Pferd?

Seit wann sind Sie Steward und wie sind Sie dazu gekommen?

"Ich habe im Jugendbereich bis S-Dressur-Platzierungen gehabt. 2000 hat mich der damalige FN-Richter Stefan Hellwig angesprochen. 2003 habe ich in Warendorf eine Prüfung gemacht. Ich hatte das Glück, dass ich beim Weltcup-Finale Chefsteward war."

Welche Kontrollen gibt es noch unmittelbar vor der Spring-Prüfung?

"Was vor den Hauptspringen werden die Hinterbein-Gamaschen kontrolliert. Sie werden abgenommen, der Steward fasst sie an. Dann dürfen die Gamaschen wieder unter Aufsicht des Stewards befestigt werden. Früher gab es die Diskussion, dass die Gamaschen zu stramm saßen. Seitdem wir das kontrollieren, ist das deutlich besser geworden. Einige nehmen das mit den Regeln aber nicht immer ganz genau – wie im richtigen Leben, zum Beispiel mit Geschwindigkeitsüberschreitungen im Straßenverkehr."

Und nach der Spring-Prüfung?

"Wenn Reiter aus dem Parcours kommen, werden die Gamaschen komplett überprüft. Es wird ins Maul geschaut, ob ein Maulwinkel blutet. Wir gucken, ob Sporen- oder Gerteneinsatz so übertrieben waren, dass das Pferd blutet. Wir können immer kontrollieren, auch morgens beim Training."

Wie ist die Einteilung der Stewards bei den Kontrollen, damit zum Beispiel Bestechungsversuche nicht so einfach möglich sind?

"Also im Prinzip ist es so: Wir wechseln. Es ist ungefähr das gleiche Stewardteam – ja. Aber diese Kontrollen führt jeden Tag eine andere Person durch. Also diese Situation habe ich in meinem Stewardleben noch nicht miterlebt und auch noch nicht gehört. Es ist auch auf jedem Turnier ein anderes Team. Da sind vielleicht immer eins, zwei gleiche Personen, aber da wird auch gewechselt. Durch internationale Stewardteams - auch mit internationalen Kräften - wollen wir das transparenter machen. Also, wir mischen von der FEI immer mehr durch, sodass es einfach transparenter wird."

Wann ist zuletzt etwas vorgekommen, das zur Disqualifikation geführt hat?

"Das war letztes Jahr hier im Weltcup-Finale mit einer US-Amerikanerin, bei der das Pferd auf der Seite einen kleinen Cut hatte – weniger als drei Zentimeter. Das geschah wegen der Sporen und bedeutete die Disqualifikation. Aber auch das ist deutlich besser geworden, weil die FEI einige Sporen verboten hat, z. B. Sporen mit Zacken. Auch dank Social Media wird alles immer transparenter. Es will sich keiner mehr erlauben, z. B. Blut am Pferd zu haben. Wir müssen uns auch teils schützend vor die Reiter stellen, die sich meist regelkonform verhalten. Also klar, da passiert mal was, aber das ist sehr häufig unabsichtlich. Und trotzdem führt es dann natürlich zur Disqualifikation."

Ist es gefährlich, die nervösen Pferde nach einer Springprüfung zu kontrollieren? Kommen die dann vielleicht sogar leichter durch?

"Also meistens können die Pferde erst austraben, dass sie ein bisschen runterkommen. Dann ist das Pferd entspannter und auch der Reiter kommt ein bisschen runter. Wenn es aber ganz schlimm ist, lassen wir die Pfleger (Anm. der Red.: Diese unterstützen die Springreiter und Pferde u. a. bei Turnieren) die Gamaschen abnehmen oder wir sagen: 'Komm steig mal bitte eben ab'. Meistens geht es, wenn der Reiter dann absteigt. Dann geht auch der Adrenalinspiegel der Pferde runter."

Blick in die Reithalle auf der Partner Pferd, Reiter auf Pferden

Verschnallungen und weitere Ausrüstung wie Sporen und Gamaschen werden bei Turnieren wie der "Partner Pferd" kontrolliert.

Könnten Fremdkörper, die das Pferd höher springen lassen, von Pflegern aus den Gamaschen entfernt werden, ehe die Stewards sie entdecken?

"Nein, da liegen Gummimatten unter den Pferden. Falls da etwas herunterfällt oder rausgenommen wird, sieht man das auf diesen. Das habe ich selber auch noch nie gesehen oder es mal erlebt. Falls es geschehen würde und da z. B. Steinchen reinkommen, dann haben die Beteiligten Pech und werden disqualifiziert. Die Personen dürfen während einer Kontrolle auch nur noch unter Aufsicht an die Gamaschen."

Was geschieht bei einem Regelverstoß?

"Das ist unterschiedlich. Also wenn es einmal passiert, dann gibt es meistens eine Disqualifikation für den Tag, aber was dann passiert ist unterschiedlich. Damit harte Strafen folgen, muss schon etwas Schwerwiegendes passieren. Also es kommt auf die Schwere an. Dann gibt es noch Sanktionen – es gibt eine Yellow Card, eine Gelbe Karte, und die werden dann auf der FEI-Seite veröffentlicht. Wenn es sich wiederholt, werden die Personen dann von der FEI gesperrt. Für uns ist es teils schwierig, das rechtmäßig dingfest zu machen, weswegen wir häufig zu zweit sind oder Fotos machen."

Welche Kuriositäten haben Sie schon erlebt?

"Es gab mal vor etwa drei Jahren einen Reiter, den habe ich beim Abreiten mit zwei Sporen an einem Stiefel gefunden. Ich habe ihm gesagt: 'Das geht nicht.' (lacht) Jetzt ist es auch im Regelwerk verankert. Da haben wir sehr schnell reagiert. Der Reiter hatte erst diskutiert. Dann habe ich mir einen Richter dazugeholt, der mich unterstützt hat. Das läuft auch nur mit Teamspirit."

Wie oft reiten Sie selbst noch?

"Ich bin früher professionell geritten und züchte noch. Und auch meine Frau und meine Tochter reiten. Wir haben eine kleine Reitanlage. Manchmal reite ich noch aus, ich bin auch letztes Jahr auf einer Hochzeit vorgeritten."