RB Leipzig und der holprige Saisonstart - das sind die Gründe

RB Leipzig enttäuscht nach dem Spiel beim FC Bayern München

Fußball | Bundesliga

RB Leipzig und der holprige Saisonstart - das sind die Gründe

Was läuft bei RB Leipzig noch nicht, was könnte besser sein und wie geht es weiter? Wir haben den Saisonstart bei RB mit Tabellenplatz zwölf einmal unter die Lupe genommen.

Das waren die Gegner und die Ergebnisse

Mainz, Stuttgart, Wolfsburg, Bayern und Köln: das klang vor der Saison für die Leipziger nach einem machbaren und lösbaren Bundesliga-Auftaktprogramm - abgesehen einmal von den Bayern, die RBL bisher überhaupt nur einmal besiegen konnte. Trotzdem holte RB nur vier Punkte, gegen Stuttgart gab es einen fulminanten 4:0-Sieg, in Köln ein 1:1-Remis. Und auch in den anderen Spielen hätte RB punkten können: Doch bei der 0:1-Auftaktniederlage in Mainz konnte RB ein klares Chancen-Plus von 14:6 Torschüssen nicht nutzen. In Wolfsburg (1:0) brachte die Leipziger ein Fehler von Keeper Peter Gulacsi auf die Verliererstraße. Gegen die Bayern (1:4) war RB beim Stand von 1:3 dran, nutzte seine Chancen aber nicht. In der Champions League beim 3:6 bei Manchester City schnupperte RB mehrfach am Ausgleich, präsentierte sich in der Abwehr aber als zu unreif. Und in dem Kölner "Freakspiel" (1:1) mit vier wegen Abseits aberkannten Toren ließen die RB-Angreifer Yussuf Poulsen und Dominik Szoboszlai Großchancen in den Schlussminuten liegen.

Gegner Mainz, Wolfsburg, Bayern, Köln im Höhenflug

Für jede Partie und für jeden Spieltag lassen sich also individuelle Gründe für Leipziger Punktverluste finden. Was das Auftaktprogramm rückblickend nicht gerade einfacher macht: RB hatte es in jeder Partie mit Gegnern zu tun, die gerade auf einer Erfolgswelle schwammen: Mainz setzte zum Saisonauftakt ein starkes Frühjahr fort – nur mit der Rückrunde hätten sich die 05er für Europa qualifiziert. Mit Stuttgart und Wolfsburg spielte RB gegen Tabellenführer, die Bayern kamen mit den ehemaligen RB-Säulen Dayot Upamecano, Marcel Sabitzer und Trainer Julian Nagelsmann. Und der "Effzeeh" mit neu entfachtem Power-Fußball und einer nicht gekannten Leidenschaft unter Neu-Trainer Steffen Baumgart.

Das sind die Gründe für den mäßigen Saisonstart

Kurz zusammengefasst dürften für die Misere zum Saisonstart drei Stichpunkte stehen: Anpassungen an das "neue alte System" unter Coach Jesse Marsch, die wacklige Defensive und eine Offensive, die noch größere Ladehemmungen als in der Vorsaison hat.

Abwehr: Keine Cleverness, kein Tempo

In der Abwehr konnten die Abgänge der schnellen und (zumeist) sicheren Abräumer Upamecano (zum FC Bayern) und Ibrahima Konaté noch nicht kompensiert werden. Der Defensive fehlt es zum einen an Schnelligkeit: "Feuerwehrmann" Upamecano konnte mit Maximal-Speed von 35,4 km/h immer wieder Brände löschen. Mit 32,7 km/h ist Mohamed Simakan als aktuell schnellster Leipziger Innenverteidiger doch deutlich langsamer. Hinzu kommt, dass RB unter Marsch wieder auf höheres Pressing setzt. RB rückt mit der Abwehr also wieder näher an die gegnerische Spielhälfte. Ballverluste zusammen mit weniger Geschwindigkeit sind eine Mischung, die zu Gegentoren geradezu einlädt. So lässt RB ligaweit die zweimeisten Großchancen zu.

Angriff: Nur 6,3 Prozent der Chancen werden genutzt

Während RB in der vergangenen Saison noch die beste Abwehr stellte, hat aktuell selbst der Tabellen-13. Bielefeld (3:5 Tore) weniger Gegentreffer kassiert. Bei der Offensivflaute ist sich RB dabei treu geblieben: Niemand vergibt in der Bundesliga mehr Großchancen als RB Leipzig. Bei 96 Torschüssen in der bisherigen Saison durften RBL-Kicker nur sechs Mal jubeln – das sind 6,3 Prozent. Zum Vergleich: Bayer Leverkusen als Spitzenreiter in dieser Statistik verwandelt 22,4 Prozent seiner Chancen. Laut "Expected-Goals"-Statistik (xG) steht RB übrigens bei zehn Toren, was statt Tabellenplatz zwölf Rang sechs in der Tabelle bedeuten würde. Wenn RB also die Chancen, die laut xG-Statistik höchstwahrscheinlich zu Toren führen, nutzen würde, sähe die Welt für die Leipziger schon ein bisschen besser aus.

Top-Torjäger Silva noch ohne Bindung

Tor für Köln. Anthony Modeste (27, Koeln) trifft zum 1:0. Videobeweis. Andre Silva (33, RB Leipzig), Mohamed Simakan (2, RB Leipzig), Christopher Nkunku (18, RB Leipzig), Willi Orban (4, RB Leipzig) warten auf die Entscheidung.

Als Inbegriff der Leipziger Torflaute dürfte dabei Neuzugang André Silva stehen, der im Sommer mit großen Hoffnungen und für viel Geld von Frankfurt nach Leipzig gewechselt ist. Doch während er bei der Eintracht in der Vorsaison mit 28 Toren glänzte, stehen bei RB nach sieben Saisonspielen ein magerer (Elfmeter)-Treffer und viele vergebene Chancen. Silva ist in Leipzig noch nicht angekommen, und das hat unter anderem mit seiner Rolle im RB-Spiel zu tun. Während er in Frankfurt viele Tore als klassischer Strafraumstürmer erzielte und am Elfmeterpunkt auch von seinen Mannschaftkollegen gesucht wurde, fehlt ihm diese Bindung im Leipziger Spiel noch.

Das macht der neue Trainer

Marsch ist im Red-Bull-Imperium groß geworden, hat in New York und Salzburg trainiert, und soll in Leipzig nun das Gegenpressing zurückbringen. Der 47-Jährige steht für Hurra-Fußball und Mentalität. Und so viel steht fest: Intensiv und attraktiv sind die Spiele der Leipziger. Aber ihm fehlen die Erfolgserlebnisse. Und das hat möglicherweise mit mangelnder Variabilität zu tun. So genanntes "In-Game-Coaching" mit taktischen Umstellungen während des Spiels sieht man bei Marsch praktisch nie. Der Coach selbst bittet noch um Geduld, sagte vor dem Köln-Spiel: "Wir müssen uns endlich belohnen. Wir brauchen auf dem Platz Selbstvertrauen."  Leipzigs Mittelfeldmotor Emil Forsberg sagte nach dem 1:1 von Köln: "Stimmung und Mentalität in der Mannschaft passen. Wir sind auf einem guten Weg. Es ist normal, wenn Du ein paar Spiele hast, die Du nicht gewinnst, dass dann die Unsicherheit kommt."

RB-Angreifer Forsberg: "Wir wissen, um was es geht" 00:35 Min. Verfügbar bis 22.09.2022

Immerhin deuten sich bei RB taktische Umstellungen an: Im Training vor dem Spiel am Samstag (25.09.2021) gegen Hertha BSC wich Marsch von der Viererkette ab und ließ mit Dreierkette trainieren.

Marsch: So viel Punkte wie Nagelsmann im Frühjahr

Statistisch gesehen ist Coach Marsch mit vier Punkten auf fünf Spielen übrigens gar nicht schlechter als Vorgänger Nagelsmann: Im Frühjahr und unter Nagelsmann holte RBL gegen die gleichen fünf Gegner ebenfalls nur vier Zähler.

Das sagt der neue Trainer

Marsch erklärte nach dem 1:1 in Köln vom Wochenende: "Wir müssen im Moment um alles kämpfen. Es ist nicht einfach. Manchmal gibt es Phasen im Sport, in denen man sich alles verdienen muss. Wünschen wir uns mehr Punkte? Sicher. Wir müssen in der Mannschaft besser zusammenarbeiten. Wir haben eine Super-Mannschaft. Es ist nicht alles falsch."

RB Leipzigs Coach Jesse Marsch: "Es ist nicht alles falsch" 03:16 Min. Verfügbar bis 22.09.2022

Das sagen die Verantwortlichen

RB-Geschäftsführer Oliver Mintzlaff holte Marsch aus Salzburg und verteidigte die Verpflichtung des US-Amerikaners als Nagelsmann-Nachfolger. Und auch nach dem holprigen Saisonstart steht der RB-Boss zum Trainer. "Dass nach dem sehr, sehr großen Umbruch – wir haben insgesamt mit Spielern und Staff 30 Personalien bewegt – nicht sofort alle Rädchen ineinandergreifen, haben wir eingeplant. Das erfordert Zeit", sagte Mintzlaff nach der Niederlage bei ManCity dem Streaminganbieter DAZN und ergänzte: "Wir verfallen nicht in Panik, müssen jetzt aber Fahrt aufnehmen." Eine Trainerdiskussion, so Mintzlaff, werde es bei RB nicht geben. "Wir lassen uns nicht beunruhigen."

Sport im Osten #5: 1. FC Köln - RB Leipzig 14:59 Min. Verfügbar bis 22.09.2022

Dirk Hofmeister

MDR | Stand: 22.09.2021, 13:38

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