Fußball | Teamcheck RB Leipzig: Bundesliga-Ehe in Gefahr

Stand: 05.01.2022 08:54 Uhr

Keine Frage: Es war eine Liebesheirat, die RB Leipzig und die Fußball-Bundesliga 2016 gefeiert hatten. Doch die für beide glücklichen gemeinsamen Tage sind im aktuellen sechsten Ehejahr selten geworden. Es war nicht alles schlecht in den vergangenen fünf Monaten, aber mehr als Mittelmaß auch nicht. Ein Überblick.

Von Sven Kups

So lief die Hinrunde

Wettbewerbsübergreifend zehn Siege, zehn Niederlagen und fünf Unentschieden – RB Leipzigs Erfolgsgeschichte ist in dieser Saison mächtig ins Stocken geraten. Zeitweise war es nur eine Ergebniskrise, in die man reingeschlittert ist. Doch auch spielerisch ging der Trend nach unten, die verdienten Punktverluste und Niederlagen wurden immer häufiger. Das mündete in einem Trainerwechsel Anfang Dezember von Jesse Marsch zu Domenico Tdesco, wirklich geändert hat der aber noch nichts.

Tyler Adams RB Leipzig, 14, Willi Orban RB Leipzig, 04, Kevin Kampl RB Leipzig 44, Christopher Nkunku RB Leipzig, 18, unzufrieden nach Tor zum 1:1

Dabei lief und läuft es in den einzelnen Wettbewerben sehr unterschiedlich. Die besten Karten hat RB immer noch im DFB-Pokal, wo mit Sandhausen und Babelsberg zwei unterklassige Gegner beherrscht wurden und es nun im Achtelfinale in zwei Wochen gegen Zweitligist Hansa Rostock geht. Die Champions League dagegen ist für die Leipziger bereits Geschichte. In der Todesgruppe mit PSG und Manchester City allerdings zeigten Nkunku & Co. erstaunlich gute Leistungen. Dass das Achtelfinale verpasst wurde, lag vor allem an der (traditionell) schlechten Chancenverwertung. Nun muss man sich mit der Europa League trösten. Zwischenrunden-Gegner im Februar ist San Sebastian.

Dass die aktuelle Saison für RB eine krasse Achterbahnfahrt ist, zeigt vor allem ein Blick auf die Bundesliga. Dort gab es für Spieler wie Fans euphorisierende Aufs, wie den famosen 2:1-Sieg gegen Dortmund oder die 4:1-Aufholjagd gegen Fürth. Die Talfahrten erlebte RB vor allem in fremden Stadien. Kaum zu glauben, aber auswärts sind die Leipziger immer noch sieglos. Den Negativ-Höhepunkt jedoch gab es in der heimischen Arena: Das 0:2 zum Jahresfinale gegen den mit nur noch zehn Mann spielenden Tabellenvorletzten Bielefeld war fußballerisch und auch in Sachen Mentalität ein Offenbarungseid.

Wer kommt, wer geht

Sportliche Krisen werden in der Winterpause gemeinhin mit Neuverpflichtungen bearbeitet. Derartige Aktivitäten sind bei RB Leipzig allerdings nicht zu erwarten. Im Gegenteil: Mit Brian Brobbey wird sogar ein Spieler weggeschickt. Der 19-Jährige war erst im Sommer verpflichtet worden, bekam aber trotz guter Kurzeinsätze nie wirklich eine Chance. Besonders übel mitgespielt wurde dem niederländischen Talent gegen Leverkusen (1:3), als er unverdient kurz vor Pause ausgewechselt wurde. Seine "Rückleihe" zu Ajax Amsterdam verwundert auch insofern, dass RB in dieser Saison durch Corona und Verletzungen personell schon auf dem letzten Loch gepfiffen hat.

Der Trainer

Domenico Tedesco hat am 9. Dezember 2021 Jesse Marsch abgelöst. Aber auch unter der Führung des 36-jährigen Italieners lieferte RB nur Durchschnitt ab: Einem souveränen 4:1 gegen Gladbach folgten eine gute und eine zerstörerische Halbzeit in Augsburg (1:1) sowie das bereits erwähnte 0:2-Desaster gegen dezimierte Bielefelder. Tedesco ist jedenfalls in Sachen Balljagd etwas zurückhaltender, setzt auf mehr Ballbesitz und nur punktuelle Angriffswellen. Seine Startelf-Entscheidungen wirkten etwas logischer als bei Marsch. Inwiefern er aber ein RB-Spiel lesen und taktisch positiv eingreifen kann, muss er erst noch zeigen. Bislang war davon noch nichts zu erkennen.

Aus der Riege der Co-Trainer wurde nach Achim Beierlorzer übrigens kürzlich auch Marco Kurth verabschiedet. Die Freistellung des 43-Jährigen, der 2017 zum Bundesligisten gewechselt war, mag keine krasse Personalie sein. Mit Kurth verschwindet aber auch einer der regionalen Ankerpunkte, die bei RB eh nur spärlich gesät sind.

Erwartungen an die zweite Saisonhälfte

Mit dem knalligen Satz "Wir punkten ab jetzt wie ein Champions-League-Club!" gab Coach Tedesco schon mal die Marschrichtung für die nächsten Monate vor. Das in Gefahr geratene Saisonziel ist immer noch das Erreichen eines Champions-League-Platzes. Muss es auch sein, denn ohne Königsklasse sind Leistungsträger wie Christopher Nkunku und Dani Olmo nicht mehr zu halten. Außerdem fehlt dann ein wesentliches Argument im Kampf um neue Toptalente.

Sechs Punkte beträgt RB Leipzigs Abstand zu Rang vier – und zu den Abstiegsplätzen. Dass man beides erwähnen muss, liegt an der anhaltenden Wundertüten-Verfassung des Klubs. Aktuell kann es jedenfalls fast nur aufwärts gehen. Gelegenheiten, die Saison doch noch zu einer erfolgreichen zu machen, sind weiter reichlich vorhanden. In der Europa League gibt es zwar kaum Geld, aber durchaus Ansehen zu gewinnen. Und im DFB-Pokal hat RB sogar relativ gute Chancen auf einen ersten nationalen Titel in seiner kurzen Historie.

Enttäuschung bei Peter Gulacsi Torwart RB Leipzig

Aber wie gesagt: Leipzigs Zukunft entscheidet sich vor allem in der Bundesliga. Erster Rückrundengegner dort ist am Samstag der FSV Mainz. Das Hinspiel hatte RB gegen eine "Corona-Notelf" mit 0:1 verloren. Knapp fünf Monate später sieht es so aus, als müsse diesmal Leipzig wegen des Virus‘ mit deutlich dezimiertem Kader antreten. Für Kapitän und Torwart Peter Gulacsi allerdings zählt nur der Blick nach oben: "Es ist ein Neustart. Corona und andere Ausfälle sind keine Ausrede mehr." RB muss sich strecken und alles geben. Schließlich ist da eine Ehe zu retten.