Eltern der Turnerinnen kritisieren DTB-Aufarbeitung im "Fall Frehse"

die Turntrainerin Gabriele Frehse, TuS Chemnitz, mit ihrem Schützling Turnerin Sophie Scheder

Turnen | Chemnitz

Eltern der Turnerinnen kritisieren DTB-Aufarbeitung im "Fall Frehse"

Unterstützung für Gabriela Frehse: In einem Offenen Brief haben die Eltern der aktiven Turnerinnen in Chemnitz die Aufarbeitung der Vorwürfe gegen die Trainerin kritisiert. Die DTB-Untersuchung sei unzureichend.

Mit einem Offenen Brief haben die Eltern von 25 aktiven Turnerinnen in Chemnitz ihren Unmut über die Aufarbeitung der Vorkommnisse am Olympiastützpunkt Sachsen geäußert. "Es wurden offensichtlich noch nicht einmal jene befragt, die seit Jahren Tag für Tag in der Halle sind - die Athletinnen", zitiert die "Sächsische Zeitung" (27. Januar). Die Eltern kritisierten in einem Schreiben an den Sportausschuss des Bundestags, den Deutschen Olympischen Sportbund und den Deutschen Turner-Bund (DTB) vor allem, dass die Kinder unzureichend in die Aufarbeitung einbezogen wurden.

Untersuchung: "schwerwiegende Pflichtverletzungen" von Frehse

Präsident des Deutschen Turner-Bundes: Dr. Alfons Hölzl

Nach einer Untersuchung durch eine unabhängige Frankfurter Kanzlei, die mit dem DTB in keiner Verbindung stand, hatte der DTB "schwerwiegende Pflichtverletzungen" der Trainerin Gabriele Frehse festgestellt. Ex-Weltmeisterin Pauline Schäfer und weitere Turnerinnen hatten Frehse vorgeworfen, sie im Training schikaniert, Medikamente ohne ärztliche Verordnung verabreicht und keinen Widerspruch zugelassen zu haben. Frehse bestreitet das.

32 Personen im Schnitt 3,5 Stunden lang befragt - 800 Seiten Protokoll

Frauke Wilhelm (Sportpsychologin)

Das Gutachten kommt unter anderem zu dem Ergebnis, dass "in 17 Fällen hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte für die Anwendung psychischer Gewalt durch die Trainerin vorliegen". Vier Rechtsanwält*innen der Kanzlei Rettenmaier sowie die Diplom- und Sportpsychologin Frauke Wilhelm wirkten an der Untersuchung mit. Insgesamt führte die Kanzlei Rettenmaier vom 7. Dezember 2020 bis zum 14. Januar 2021 mit 32 Personen ausführliche Interviews durch. Die Interviews dauerten im Schnitt 3,5 Stunden. Daraus entstanden Protokolle von rund 800 Seiten.

Dazu kommen noch einmal 100 schriftliche Unterlagen. Befragt wurden Athlet*innen, Trainer*innen, Eltern, Ärzt*innen und Funktionär*innen. Es herrschte das Vier-Augen-Prinzip, Sportpsychologin Wilhelm war jeweils anwesend. Zwei Personen hätten Gesprächsanfragen abgelehnt. In einem Fall hat die Kanzlei aus individuellen Gründen von der Ansprache einer möglichen Auskunftsperson abgesehen.

Offener Brief: Wurde bei nur 32 Interviews ausreichend fundiert recherchiert?

Die Deutsche Frauen-Trainerin Gabriele Frehse.

Die Eltern von 25 Sportlerinnen inklusive Sophie Scheder, die in Rio 2016 Olympia-Bronze gewann, äußern "Unverständnis über den gewählten Umfang der Befragung. Bei lediglich 32 geführten Interviews stellt sich die Frage, inwieweit an dieser Stelle ausreichend fundiert recherchiert wurde. Wurden die Mitarbeiter des OSP Sachsen, der beiden am Sportforum angesiedelten Schulen, dem Internat, sämtliche Trainerkollegen oder langjährige Weggefährten befragt? Erfolgte die Auswahl gar überwiegend aus dem Kreis derer, die Vorwürfe erheben?

Es wurden offensichtlich noch nicht einmal jene befragt, die seit Jahren Tag für Tag in der Halle sind – die Athletinnen. Es war wohl nur eine Kaderathletin, die dem auserwählten Personenkreis zuzuordnen ist. Zwei weitere haben sich pro-aktiv gemeldet." Es sei zwar gut, dass eine Psychologin anwesend gewesen sei, aber diese habe sich selbst gesagt, dass "der Begriff psychischer Gewalt juristisch (legal) nicht definiert und zum zweiten ist die Wahrnehmung eines Jeden sehr individuell" sei.

Eltern haben vollstes Vertrauen zu Frehse

Gabriele Frehse und Turnerinnen

Die Unterzeichner des Briefs sind auch aufgebracht, weil der DTB erst die Presse und dann die Turnerinnen und ihre Erziehungsberechtigten informiert habe. "Dem Präsidium des DTB werfen wir verantwortungsloses Handeln vor, welches nicht zu entschuldigen ist". Die Eltern hätten vollstes Vertrauen in die Arbeit von Trainerin Frehse, hieß es weiter. Der DTB solle die Forderung nach einer Entlassung Frehses zurückzunehmen, fordern die Eltern. Zudem wollen sie eine "bundesweite Bestandsaufnahme" im Turnen.

Politik lobt den Verband / OSP Sachsen: Hinterfragen uns kritisch

Dagmar Freitag, SPD, Mitglied des Bundestages, spricht im Rahmen einer Sitzung vor dem Bundestag in Berlin

Der Olympiastützpunkt Sachsen wird über den Umgang mit Frehse beraten. In einer Erklärung hieß es: "Wir stehen beim OSP Sachsen für einen sauberen, gewaltfreien Sport. Wir verurteilen jegliches Fehlverhalten und entschuldigen uns bei Betroffenen für entstandenes Leid. Darüber hinaus hinterfragen wir uns kritisch." Ziel des OSP Sachsen müsse es sein, Versäumnisse aufzuarbeiten und alles dafür zu tun, dass sich diese in Zukunft nicht wiederholten.

Die Sportausschuss-Vorsitzende des Bundestags, Dagmar Freitag, hatte die Untersuchung des DTB im "SpiO-Talk" zuletzt gelobt und sprach von einer sehr selbstkritischen Bestandsaufnahme. Dagegen hatte der Vereinschef der TuS Chemnitz-Altendorf, Franz Munzer, eine Entlassung der Trainerin abgelehnt. Die Chemnitzer Verantwortlichen wollen das Ergebnis der Untersuchung nicht anerkennen und drohen mit juristischen Schritten.

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dpa/cke

MDR | Stand: 27.01.2021, 14:49

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