Trainer Fabian Gerber (Erfurt)

Fußball | Regionalliga Analyse: Spielstarke Erfurter, CFC-Frühstarter, Leutzscher Freistoßexperten

Stand: 18.01.2023 08:45 Uhr

Vor dem Wiederbeginn der Regionalliga Nordost an diesem Wochenende hat "Sport im Osten" die Stärken und Schwächen der mitteldeutschen Mannschaften in der bisherigen Saison unter die Lupe genommen. Wer trifft wie und wann und wer hat die beste Defensive?

Von Max Zeising

Rot-Weiß Erfurt: Spielstark über 90 Minuten

Völlig zurecht steht Aufsteiger Rot-Weiß Erfurt auf dem zweiten Tabellenplatz und hat sogar Chancen, den Durchmarsch in die 3. Liga zu schaffen. Die Mannschaft von Trainer Fabian Gerber begeisterte die Fans in der Hinrunde mit tollem Offensivfußball, mit dem nur Spitzenreiter Energie Cottbus mithalten konnte. Hinter Cottbus (37 Tore) stellte Erfurt (36) den besten Angriff der Regionalliga.

RWE gelang es, ein hohes Niveau über 90 Minuten zu halten. Während andere Mannschaften am Ende einbrachen, drehten die Thüringer noch einmal richtig auf: In der letzten Viertelstunde gelangen ihnen zehn Tore, das ist Liga-Bestwert. Diese Qualität verhalf den Erfurtern zu wichtigen Punktgewinnen in der Schlussphase: beim 1:1 in Luckenwalde (1. Spieltag, Tor von Roscher in der 94. Minute), beim 1:1 in Halberstadt (13. Spieltag, Moritz 94.) und beim 2:2 gegen Cottbus (14. Spieltag, Hajrulla 75. und 79.). Auch konnten sie bereits bestehende Führungen noch ausbauen und sich damit das beste Torverhältnis der Liga (+23) erarbeiten.

Tabelle 76. Minute bis Abpfiff
Platz Verein Tore Punkte
1. Rot-Weiß Erfurt 10:1 32
2. Energie Cottbus 9:5 26
3. Carl Zeiss Jena 6:1 23
4. Lok Leipzig 8:4 22
5. ZFC Meuselwitz 7:5 21
6. VSG Altglienicke 5:3 21

Auffällig ist weiterhin, dass die Erfurter für ihre zahlreichen Tore kaum Standardsituationen benötigten. Sie schafften es, durch teils wunderschöne Kombinationen aus dem Spiel heraus – wie beim herausragenden 6:2 gegen Babelsberg – die gegnerischen Abwehrreihen zu überwinden. Nur sechs ihrer 36 Tore fielen nach ruhenden Bällen (Quote: 16,7 Prozent). Zum Vergleich: Carl Zeiss Jena hat nur 22 Treffer erzielt – und zwar maßgeblich aus Standards: Vier verwandelte Elfmeter, zwei direkte Freistöße, zwei indirekte Freistöße und ein Eckball (Quote: 40,9 Prozent) stehen dem FCC zu Buche.

FC Rot-Weiß Erfurt ballert sich gegen Babelsberg an die Spitze

Und: Die Thüringer haben nicht nur einen Torjäger, die gesamte Offensivreihe um Kay Seidemann (acht Tore), Artur Mergel (acht), Romario Hajrulla (sechs) und Nazzareno Ciccarelli (vier) zeigte sich treffsicher.

Chemnitzer FC: Die Frühstarter

Der Chemnitzer FC hat sich nach einer Schwächephase im Herbst (12. Tabellenplatz am 8. Spieltag) wieder nach oben gekämpft und ist in Schlagdistanz zu Energie Cottbus und Rot-Weiß Erfurt. Die Chemnitzer gewannen sechs Spiele in Folge, ehe ein 1:1 gegen Hertha BSC II zum Jahresabschluss die Serie unterbrach.

Besonders stark sind die Sachsen in der Anfangsphase: In den ersten 30 Minuten gelangen ihnen 15 Tore und damit die meisten aller Teams in der Regionalliga Nordost. Die Erfolgsserie der Chemnitzer beruhte nicht zuletzt darauf, dass sie stets früh Druck machten und die Weichen schnell auf Sieg stellten. Beim 2:0 gegen Luckenwalde (Tore von Stagge in der 7. und Roscher in der 11. Minute), beim 4:0 gegen Meuselwitz (Zickert 8., Brügmann 19.), beim 2:0 in Babelsberg (Brügmann 6., Stagge 26.) und beim 4:0 gegen Jena (Löwe 17., Campulka 25.) waren sie in den ersten 30 Minuten sogar je zweimal erfolgreich.

Chemnitzer FC gewinnt Traditionsduell gegen Jena deutlich

Tabelle 1.-30. Minute
Platz Verein Tore Punkte
1 Energie Cottbus 13:1 35
2 Chemnitzer FC 15:3 32
3 SV Babelsberg 03 9:4 30
4 VSG Altglienicke 14:6 25
5 Carl Zeiss Jena 6:4 25
6 Berliner AK 8:3 24

Carl Zeiss Jena: Sicher vom Punkt

Auch Carl Zeiss Jena hatte in der Regionalliga-Hinrunde eine Schwächephase zu überwinden. Nach dem Trainerwechsel von Andreas Patz zu Henning Bürger lief es dann wieder besser. Auch Jena befindet sich in Schlagdistanz zur Spitze, muss sich aber gerade im Offensivbereich noch steigern: 22 Tore bedeuten Platz elf in dieser Statistik.

Es hätten sogar noch weniger Treffer sein können, hätten die Jenaer nicht vier Elfmeter zugesprochen bekommen, von denen sie alle verwandelten. In dieser Hinsicht sind sie führend in der Liga. Zum Vergleich: Rot-Weiß Erfurt benötigte für seine 36 Tore nicht einen einzigen Strafstoß. Insgesamt wurden in der Hinrunde bislang 31 Elfmeter gepfiffen, von denen 24 verwandelt wurden (Quote: 77,4 Prozent). Greifswald hat als einzige Mannschaft zwei Elfmeter verschossen.

Elfmeter-Statistik
Verein Elfmeter Elfmetertore Quote
CZ Jena 4 4 100 %
Lok Leipzig 4 3 75 %
Chemnitz 3 3 100 %
Ch. Leipzig 3 2 67 %
Meuselwitz 1 1 100 %
RW Erfurt 0 0
Halberstadt 0 0

Interessant: Vom 6. bis zum 11. Spieltag erzielten die Jenaer in sechs Partien nur drei Tore – und alle per Elfmeter: beim 1:1 in Erfurt, beim 1:1 gegen Cottbus und beim 1:1 in Luckenwalde. In den drei anderen Duellen blieben sie gänzlich torlos.

Carl Zeiss Jena verpasst Sieg auch in Luckenwalde

Immerhin, die Abwehrarbeit funktioniert: Jena kassierte bislang nur elf Gegentore, die wenigsten der Liga. Im eigenen Stadion landete der Ball sogar nur insgesamt zweimal im Netz der Thüringer. Die mit Abstand schlechteste Abwehr stellt übrigens Tennis Borussia Berlin mit 54 Gegentoren. Die Hauptstädter stehen auf dem vorletzten Platz und profitieren davon, dass Schlusslicht Germania Halberstadt noch kein einziger Sieg gelungen ist.

Chemie Leipzig: Die Freistoß-Experten

Chemie Leipzig kann mit der Hinrunde zufrieden sein. Die Mannschaft von Trainer Miroslav Jagatic steht auf dem sechsten Tabellenplatz. Der BSG ist die eine oder andere Überraschung gelungen, etwa durch Siege gegen den Berliner AK, den Chemnitzer FC und Carl Zeiss Jena. Nur dem Lokalrivalen Lok Leipzig musste man sich zweimal geschlagen geben, sowohl in der Liga als auch im Landespokal.

Bemerkenswert ist, dass die Erfolge sowohl beim 1:0 in Chemnitz (7. Spieltag, Torschütze: Dennis Mast) als auch beim 1:0 gegen Jena (8. Spieltag Torschütze: Philipp Harant) auf direkt verwandelten Freistößen beruhten. Beim vorherigen 3:2-Sieg gegen den SV Lichtenberg 47 (4. Spieltag) versenkte die BSG sogar zwei direkte Freistöße in einem Spiel (Torschützen: Philipp Wendt und Florian Brügmann).

Regionalliga: Chemie Leipzig bejubelt gegen Lichtenberg ersten Saisonsieg

Insgesamt waren es vier Freistoßtreffer in der Hinrunde – noch dazu von vier unterschiedlichen Schützen, darunter drei Abwehrspielern. Die "Chemiker" sind wahre Experten auf diesem Gebiet. Und: Harants "Hammer" gegen Jena ist von den MDR-Zuschauern zum "Volltreffer der Woche" gewählt worden.

Der "Volltreffer der Woche" von Philipp Harant (BSG Chemie Leipzig)

Lok Leipzig: Comeback-Qualitäten

Direkt hinter Chemie in der Tabelle steht Lokalrivale 1. FC Lok Leipzig. Die Probstheidaer haben bislang acht Spiele gewonnen, das ist kein schlechter Wert. Auffällig ist, dass Lok in drei dieser acht Partien einen 0:1-Rückstand drehte. Ohne ihre Comeback-Qualitäten stünde die Mannschaft von Trainer Almedin Civa wesentlich schlechter da.

Trendwenden
Verein Siege nach 0:1-Rückstand Niederlagen nach 1:0-Führung
Lok Leipzig 3 0
Meuselwitz 2 0
RW Erfurt 1 0
Chemnitz 1 0
Ch. Leipzig 1 1
Jena 0 0
Halberstadt 0 1

Der 3:1-Sieg in Halberstadt (6. Spieltag) kam ebenso nach 0:1-Rückstand zustande wie der 2:1-Erfolg bei der VSG Altglienicke (10. Spieltag) und das 2:1 beim Berliner AK (14. Spieltag). Besonders in diesem Spiel zeigte sich, das man Lok immer auf dem Zettel haben sollte: Bis in die Nachspielzeit hinein hatte die Mannschaft zurückgelegen, doch dann drehten Farid Abderrahmane (92. Minute) und Mike Eglseder (94. Minute) das Spiel noch zugunsten der Leipziger.

Lok mit Last-Minute Sieg beim Berliner AK

ZFC Meuselwitz: Schwacher Start, starker Schluss

Auch der ZFC Meuselwitz hat gleich mehrfach noch Punkte nach Rückstand gerettet: beim 3:1 gegen Luckenwalde und beim 2:1 gegen Hertha BSC II lag man jeweils zur Pause zurück und startete nach dem Seitenwechsel richtig durch. In der Tabelle der ersten Halbzeit stehen die Zipsendorfer auf dem 15. Platz, in der zweiten Halbzeit auf dem elften – und zwischen der 76. Minute und dem Abpfiff sogar auf dem fünften Rang. Ohne diese Qualität müsste der ZFC wohl den Abstieg noch viel mehr fürchten.

ZFC Meuselwitz holt gegen Luckenwalde wichtigen ersten Heimsieg

Allerdings: Den Meuselwitzern gelang als einziges Team neben Germania Halberstadt kein einziges Tor in den ersten 15 Minuten – dafür unterliefen ihnen gleich zwei Eigentore: beim 1:4 gegen Rot-Weiß Erfurt (0:1-Eigentor durch Felix Müller in der 12. Minute) und beim 2:5 in Altglienicke (0:1-Eigentor durch Felix Rehder in der 7. Minute).

Tabelle 1.-15. Minute
Platz Verein Tore Punkte
13 Lok Leipzig 1:3 13
Greifswalder FC 1:3 13
15 Lichtenberg 47 2:5 13
16 TeBe Berlin 2:7 12
17 ZFC Meuselwitz 0:5 11
18 G. Halberstadt 0:6 9

Germania Halberstadt: Immerhin fair

Viel Gutes ist über die Hinrunde von Germania Halberstadt nicht zu sagen: noch kein Sieg, die wenigsten Tore geschossen (10), auswärts alle Spiele verloren. Die Sachsen-Anhalter müssen sich enorm steigern, um nach sechs Jahren Liga-Zugehörigkeit den Abstieg in die Oberliga doch noch verhindern.

Immerhin in einem Punkt belegt Halberstadt zumindest einen Mittelfeldplatz: in der Fairnesstabelle. 28 Gelbe und eine Rote Karte, das ist ein Durchschnittswert. Zum Vergleich: Der ZFC Meuselwitz kassierte mit 48 Verwarnungen die meisten der Liga, der FSV Luckenwalde steht mit insgesamt sechs Platzverweisen (fünfmal Gelb-Rot, einmal Rot) in dieser Hinsicht ganz oben. Den mitteldeutschen Fairnesspreis erhält übrigens Lok Leipzig: nur 24 Gelbe Karten (zweitbester Wert) und einmal Gelb-Rot.

Fairness (Quelle: transfermarkt.de)
Verein Gelb Gelb-Rot Rot
Lok Leipzig 24 1 0
Chemnitz 30 1 0
Halberstadt 28 0 1
Ch. Leipzig 31 1 0
RW Erfurt 29 0 1
CZ Jena 28 1 1
Meuselwitz 48 0 0